Abnehmspritzen treiben Renditen der Pharmaindustrie auf ein Rekordniveau – Risiko einer Blase steigt

Medikamente gegen Übergewicht und Diabetes sorgen weiterhin für Rückenwind in der Pharmaindustrie. Die jährliche Deloitte-Analyse der 20 weltweit grössten Pharmaunternehmen zeigt: 2025 sind die erwarteten Umsätze mit Medikamenten im Bereich Übergewicht zum ersten Mal höher als im Bereich Krebs. Gleichzeitig ist die Investitionsrendite aus Forschung und Entwicklung zum dritten Mal in Folge gestiegen und liegt bei 7 Prozent. Doch die Abhängigkeit von wenigen Wirkstoffen nimmt zu. Das erhöht das Klumpenrisiko deutlich.

Abnehmspritzen und Diabetestherapien treiben die Renditen der Pharmaindustrie aus dem Bereich Forschung und Entwicklung (F&E) weiter nach oben. Das zeigt die aktuelle Studie «Pharma Innovation ROI on R&D» des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte. Untersucht wurden die 20 weltweit führenden Pharmaunternehmen, darunter auch die Schweizer Unternehmen Roche und Novartis. Demnach ist die erwartete durchschnittliche Rendite auf Investitionen in Forschung und Entwicklung zum dritten Mal in Folge gestiegen: von 5,9 Prozent im Jahr 2024 auf 7 Prozent im Jahr 2025 (siehe Abbildung 1). Das ist nahe am Rekordhoch von 2014.

Der GLP-1-Boom treibt die Renditen der Pharmaunternehmen – macht sie aber auch fragil. Die Branche hängt zunehmend an wenigen Wirkmechanismen. Kippt der Markt, geraten ganze Portfolios unter Druck.

Alexander Mirow, Leiter Life Sciences, Deloitte Schweiz

Der Erfolg beruht vor allem auf Wirkstoffen mit GLP-1- sowie GLP-1/GIP-Mechanismus, die auf die Behandlung von Übergewicht und Diabetes abzielen, aber auch Krankheiten wie chronische Herzinsuffizienz, Osteoarthritis und Leberfibrose adressieren. Diese Medikamente machen inzwischen rund 38 Prozent der erwarteten Umsätze der Spätphasen-Pipeline aus – also jener Projekte, die sich in den letzten klinischen Entwicklungsphasen befinden oder bereits zur Zulassung eingereicht wurden. Ohne GLP-1- und GLP-1/GIP-Wirkstoffe wäre die Rendite mit nur 2,9 Prozent nicht einmal halb so hoch. Auch der durchschnittlich erwartete Spitzenumsatz pro Medikament stieg von 510 auf 598 Millionen US-Dollar; ohne diese Wirkstoffklasse läge er mit 353 Millionen deutlich tiefer.

Abb. 1: Durchschnittliche prognostizierte Rendite pro Pipeline-Asset bei den Top 20 Unternehmen, 2013 bis 2025

Übergewicht löst Krebs als wichtigsten Treiber ab
Alexander Mirow, Leiter Life Sciences bei Deloitte Schweiz, warnt: «Der GLP-1-Boom treibt die Renditen der Pharmaunternehmen – macht sie aber auch fragil. Die Branche hängt zunehmend an wenigen Wirkmechanismen. Kippt der Markt – etwa bei einer Verschärfung der Preisregulierung und des Marktzugangs, bei zunehmendem Wettbewerbsdruck oder Engpässen in der Produktion – geraten ganze Portfolios unter Druck.» Der Bereich Übergewicht steht 2025 erstmals an der Spitze der wichtigsten Treiber. Die Krebsforschung rangiert auf Rang 2. Der Bereich Übergewicht steht nun für rund 25 Prozent der erwarteten Umsätze der Spätphasen-Pipeline. Drei Jahre zuvor war dieser mit einem Anteil von nur 1 Prozent noch völlig unbedeutend.

Klumpenrisiko statt breiter Streuung
Die Zahl klassischer Blockbuster-Medikamente – solcher, die über 1 Milliarde US-Dollar Umsatz pro Jahr erzielen – sank leicht, von 111 auf 108, während die Anzahl wie auch der durchschnittliche Wert von Mega-Blockbustern mit einem Jahresumsatz von mindestens 5 Milliarden US-Dollar zunahm. Konkret bedeutet das: Gerade mal 9 Prozent der Projekte in der Spätphase der Entwicklung generieren etwa 70 Prozent der erwarteten Umsätze. Der Fokus der Branche auf Blockbuster ist zwar nicht neu, aber ihre Konzentration war nie so hoch wie 2025. Demgegenüber bleibt ein grosser Teil der Pipeline-Projekte vergleichsweise klein: Über die Hälfte hat ein erwartetes Umsatzpotenzial von unter 250 Millionen US-Dollar. Diese Programme stehen zunehmend unter Druck: Sie müssen ihre strategische Relevanz beweisen. «Wir sehen wegen der starken Konzentration auf wenige Forschungsprogramme ein hohes Klumpenrisiko – das macht die Branche anfällig für Rückschläge», sagt Alexander Mirow. Langfristig reicht es nicht, bestehende Ansätze weiterzuentwickeln. «Die Branche braucht zwingend grundlegend innovative Wirkstoffe. Solche, die das Potenzial haben, eine ähnlich grosse Wirkung zu entfalten wie Abnehm- und Diabetesmedikamente – zum Beispiel Therapien gegen Alzheimer und Herzkrankheiten oder innovative Ansätze bei Depressionen. Die Schweizer Pharmafirmen zeigen sich hier bereits innovativ: Oft konzentrieren sich ihre Forschungsaktivitäten genau auf solche Bereiche.»

Steigende Kosten in der Entwicklung
Die steigenden Risiken gehen mit weiterwachsenden Kosten einher: Die durchschnittlichen Entwicklungskosten pro Medikament haben sich im Vorjahresvergleich mit einem Anstieg von 2,2 auf rund 2,7 Milliarden US-Dollar deutlich erhöht. Damit steigt auch der wirtschaftliche Mindestwert, den jedes einzelne Entwicklungsprojekt erreichen muss. Und auch der Druck, auf einige wenige umsatzstarke Programme zu setzen, nimmt zu. «Die Anforderungen an einzelne Therapien werden immer höher», sagt Alexander Mirow. «Jedes Projekt muss heute deutlich mehr Wert generieren, um wirtschaftlich zu sein – entsprechend schmerzhaft sind Fehlschläge.» Die Pharmaindustrie steht damit vor einer grossen Herausforderung: Zwar sorgen Abnehm- und Diabetesmedikamente zurzeit für hohe Gewinne, Wachstum und weiter steigende Renditen. Langfristig wird es aber entscheidend sein, ob es gelingt, die Innovationskraft breiter zur Entfaltung zu bringen und neue Durchbrüche jenseits der aktuellen Wirkstoffe zu realisieren.

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