UBS: Zu gross zum Scheitern, zu dünn kapitalisiert, zu selbstherrlich
Sergio Ermotti verkauft die UBS gerne als Fels in der Brandung des globalen Finanzsystems. Dumm nur, dass ein Blick auf die Kapitalausstattung Zweifel daran weckt, ob der Fels nicht eher aus ziemlich dünnem Beton gegossen ist. Mit einer Leverage Ratio von gut vier Prozent segelt die Schweizer Grossbank durch die Finanzwelt. Goldman Sachs und JPMorgan kommen auf knapp sieben Prozent hartes Eigenkapital im Verhältnis zu ihren gesamten Aktiven. Man muss kein Mathematiker sein, um zu erkennen, dass zwischen diesen Zahlen eine unangenehme Frage klafft: Weshalb soll ausgerechnet die UBS mit deutlich weniger Kapital ebenso sicher sein?
Sergio Ermotti dürfte darauf eine Antwort haben. Vermutlich wird sie irgendwo zwischen der angeblichen Einzigartigkeit des Schweizer Geschäftsmodells, der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und der bewährten Widerstandskraft seiner Bank liegen. Das ist praktisch: Je abstrakter die Argumentation, desto weniger stört die konkrete Zahl.
Dabei geht es um eine Bank, deren Bilanz so gewaltig ist, dass ein ernsthafter Schieflauf nicht bloss die Aktionäre um ihre Dividenden und die Geschäftsleitung um ihre Boni bringen könnte. Er würde den gesamten Schweizer Finanzplatz erschüttern. Ein zusätzlicher Eigenkapitalpuffer von 100 bis 200 Milliarden Franken wäre deshalb kein bösartiger Angriff auf die UBS, sondern eine ziemlich vernünftige Versicherung gegen die Möglichkeit, dass sich die Realität eines Tages nicht an Ermottis Zuversicht hält.
Reto Giudicetti, The OnlinerDass ein Bankchef seine eigene Bank für ausreichend kapitalisiert hält, überrascht ungefähr so sehr, wie wenn ein Autohändler sein Occasionsfahrzeug als hervorragend gewartet bezeichnet.
Natürlich findet die Grossbank zusätzliche Kapitalanforderungen lästig. Wer möchte schon Milliarden unproduktiv herumliegen lassen, wenn man damit auch Renditen steigern, Ausschüttungen finanzieren und die Aktionäre bei Laune halten könnte? Eigenkapital ist aus Sicht einer Bank schliesslich vor allem eines: Kapital, das man nicht beliebig hebeln kann. Aus Sicht der Allgemeinheit ist es hingegen der Puffer, der verhindert, dass private Risikofreude irgendwann zur öffentlichen Rechnung wird.
Und genau hier beginnt die eigentliche Absurdität des Schweizer Finanzplatzes. Die UBS ist gross genug, dass der Staat sie im Ernstfall kaum einfach fallen lassen könnte. Gleichzeitig wird so getan, als seien strengere Kapitalvorschriften eine Zumutung, die man einer international tätigen Bank nicht ernsthaft auferlegen dürfe. Übersetzt heisst das: Die Gewinne sollen möglichst privat bleiben, während die potenziellen Katastrophenfolgen vorsorglich im kollektiven Verantwortungsbereich der Schweiz deponiert werden.
Das ist eine bemerkenswert komfortable Geschäftsgrundlage. Die Bank darf global expandieren, Risiken eingehen und Renditen erwirtschaften. Die Politik darf derweil erklären, weshalb die Schweiz als Finanzplatz keine unnötigen Nachteile erleiden dürfe. Und wenn es schiefgeht, wird man vermutlich wieder feststellen, dass die Stabilität des Systems von nationalem Interesse sei. Ausgerechnet jene Institution, die sich im Normalbetrieb gegen allzu strenge staatliche Einmischung wehrt, wird dann plötzlich zur unverzichtbaren Infrastruktur des Landes.
Sergio Ermotti kann sich deshalb noch so oft vor die Öffentlichkeit stellen und die Sicherheit seiner Bank beschwören. Beschwörungen sind allerdings kein Ersatz für Eigenkapital. Und Selbstvertrauen ist keine Bilanzposition. Dass ein Bankchef seine eigene Bank für ausreichend kapitalisiert hält, überrascht ungefähr so sehr, wie wenn ein Autohändler sein Occasionsfahrzeug als hervorragend gewartet bezeichnet.
Der Vergleich mit Goldman Sachs und JPMorgan macht die Sache nicht angenehmer. Wenn amerikanische Grossbanken eine deutlich höhere harte Eigenkapitalquote aufweisen, sollte das in Zürich zumindest eine ernsthafte Debatte auslösen. Stattdessen droht die Diskussion regelmässig in ein vertrautes Ritual abzugleiten: Die UBS warnt vor Wettbewerbsnachteilen, Wirtschaftsvertreter beschwören die Bedeutung des Finanzplatzes, und am Ende soll die Öffentlichkeit bitte darauf vertrauen, dass die Verantwortlichen schon wissen, was sie tun. Das hat beim letzten grossen Schweizer Bankendebakel bekanntlich ganz hervorragend funktioniert.