Die Kryptoindustrie revolutioniert den Bankraub
Die Kryptoindustrie verkauft uns seit Jahren die grosse finanzielle Befreiung: keine Banken, keine staatliche Bevormundung, keine undurchsichtigen Mittelsmänner. Dafür maximale Transparenz, modernste Technologie und ein Finanzsystem, das angeblich sicherer ist als alles, was die alte Bankenwelt je hervorgebracht hat. Nun sind bei Binance, der grössten Krypto-Börse der Welt, mutmasslich 6,3 Milliarden US-Dollar verschwunden. Man könnte meinen, die Revolutionäre des Geldwesens hätten aus Versehen das Fenster offengelassen. Tatsächlich könnte ein kompromittierter Laptop eines Software-Ingenieurs den Angreifern den Weg zu den Milliarden geebnet haben. Willkommen in der Zukunft des Finanzsystems: Hightech-Sicherheit auf Milliarden-Niveau, offenbar mit der Achillesferse eines durchschnittlichen Bürocomputers.
Binance versichert, die Hälfte der Beute eingefroren zu haben. Über den Verbleib der restlichen 3,3 Milliarden US-Dollar schweigt sich das Unternehmen aus. Dafür verspricht die Führung grosszügig, sämtliche Verluste zu decken. Wie beruhigend. Wer braucht schon ein funktionierendes Sicherheitssystem, wenn man nach einem Milliardenraub immerhin noch ein paar Milliarden auf dem Konto hat? Der Notfallfonds von 1,2 Milliarden US-Dollar dürfte ebenfalls für Zuversicht sorgen – zumindest bei jenen, die nicht gerade versuchen, den Unterschied zwischen der Schadenssumme und der verfügbaren Reserve auszurechnen.
Besonders charmant ist das Geschäftsmodell: Solange die Kurse steigen, sind Kryptowährungen die Speerspitze einer neuen Finanzordnung. Sobald Milliarden verschwinden, wird der Handel vorsichtshalber eingestellt, Auszahlungen werden verschoben und die Kunden dürfen sich in Geduld üben. Die finanzielle Freiheit ist schliesslich ein hohes Gut. Sie endet allerdings gelegentlich am Auszahlungsschalter.
Reto Giudicetti, The OnlinerSicherheit kostet Geld, Kontrolle ist notwendig, Verantwortung lässt sich nicht wegprogrammieren.
Auch die technische Überlegenheit der Blockchain verdient eine Würdigung. Die Technologie ist derart revolutionär, dass sich Transaktionen transparent verfolgen lassen – nachdem das Geld gestohlen wurde. Man weiss also unter Umständen ziemlich genau, wohin die Beute wandert. Nur bedeutet das keineswegs, dass man sie zurückbekommt. Es ist ein wenig so, als könnte man einem Einbrecher dank einer hochmodernen Überwachungskamera beim Wegtragen des Tresors zusehen, ohne ihn daran hindern zu können. Aber immerhin: Die Aufzeichnung ist unveränderlich.
Nun sollen mutmasslich nordkoreanische Hacker hinter dem Angriff stehen. Ein Regime, das unter internationalen Sanktionen leidet, finanziert seine Aktivitäten offenbar zunehmend durch digitale Raubzüge. Auch das ist eine bemerkenswerte Leistung der Kryptoökonomie: Sie hat ein globales Finanzsystem hervorgebracht, in dem sich Milliardenwerte in Sekundenschnelle bewegen lassen – und zwar nicht nur von Anlegern, sondern auch von Kriminellen und staatlich unterstützten Hackergruppen. Die viel gepriesene Unabhängigkeit vom traditionellen Finanzsystem kommt eben mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sie auch für dessen unliebsame Kundschaft gilt.
Besonders amüsant ist die Rolle der Stablecoins. Ausgerechnet jene Anbieter, deren Geschäftsmodell auf zentraler Kontrolle beruht, können Teile der gestohlenen Vermögenswerte einfrieren. Plötzlich ist staatlich anmutende Kontrolle nicht mehr der Feind der finanziellen Freiheit, sondern ein willkommenes Instrument zur Schadensbegrenzung. Die Kryptoindustrie entdeckt damit eine alte Wahrheit der traditionellen Finanzwelt: Kontrolle ist lästig, solange sie andere betrifft. Sobald das eigene Geld verschwindet, wird sie zur Innovation.
Die Märkte reagieren derweil wie üblich. Bitcoin und Ether verlieren an Wert, der Binance-Token noch mehr. Die Anhänger werden erklären, solche Rückschläge seien bloss vorübergehende Störungen auf dem Weg zur monetären Erleuchtung. Schliesslich habe man schon ganz andere Krisen überstanden. Dass sich die angeblich unabhängige Anlageklasse regelmässig von den Problemen ihrer Handelsplattformen, den Launen der Spekulanten und dem nächsten Sicherheitsdesaster erschüttern lässt, wird dabei grosszügig ausgeblendet.
Und natürlich wird Binance den Vorfall überstehen. Das Unternehmen ist gross, die Liquidität beträchtlich, die Kundenbasis riesig. Vielleicht werden die Verluste tatsächlich vollständig gedeckt. Doch darum geht es nur bedingt. Die entscheidende Frage lautet, weshalb ein Finanzsystem, das mit dem Anspruch antritt, die Bankenwelt überflüssig zu machen, ausgerechnet deren wichtigste Lektionen offenbar erst nach Milliardenverlusten lernt: Sicherheit kostet Geld, Kontrolle ist notwendig, Verantwortung lässt sich nicht wegprogrammieren.
Die Branche wird daraus zweifellos ihre Lehren ziehen. Es wird neue Sicherheitskonzepte geben, neue Prüfverfahren, neue Versprechen und vermutlich auch ein neues Kürzel für die nächste Generation digitaler Vermögenswerte. Ein paar Monate später werden die Kurse steigen, die Risikobereitschaft zurückkehren und die nächste Generation von Anlegern überzeugt sein, diesmal sei alles anders – bis zum nächsten Hack.