Schweizer Wirtschaft: Zinsbonus ist zurück, um zu bleiben

Das Wirtschaftswachstum der Schweiz wird sich 2023 im Gleichschritt mit demjenigen der Weltwirtschaft verlangsamen. Das Risiko einer Rezession bleibt indes dank des robusten Konsums vergleichsweise klein. Die Ökonomen der Credit Suisse prognostizieren für das kommende Jahr ein Wachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts von noch 1.0%, nach einem Plus von 2.0% im Jahr 2022. Sie erwarten zudem, dass das Zinsniveau in der Schweiz bis auf Weiteres tiefer bleiben wird als im Ausland und identifizieren Unterschiede in den Inflationserwartungen zwischen den Währungsräumen als Haupttreiber für diesen Schweizer «Zinsbonus».

Vorteilhaft für den Konsum ist, dass die Erwerbssituation der Haushalte im kommenden Jahr trotz Konjunktursorgen dank einer unverändert tiefen Arbeitslosigkeit von 2.2% gut bleibt. Und weil die Anzahl der Beschäftigten zunimmt und die Löhne im Durchschnitt 2.3% erhöht werden, steigen die Einkommen der Haushalte stärker als die Preise. Derweil hat die Inflation ihren Höhepunkt überschritten und sie dürfte in absehbarer Zeit wieder auf einen Wert fallen, der mit Preisstabilität gleichzusetzen ist (Prognose für 2023: 1.5%). Zudem verfügen die Haushalte im Durchschnitt nach wie vor über finanzielle Polster aus der Zeit der Covid-Lockdowns: Zwar ist die Sparquote nach der Aufhebung aller Massnahmen im April wieder gesunken, sie liegt jedoch nach wie vor über dem vorpandemischen Durchschnitt. Ein eigentliches «Entsparen» hat nicht stattgefunden. Gleichzeitig hat der Arbeitskräftemangel die Zuwanderung nach oben getrieben: Die Ökonomen der Credit Suisse gehen von einer Nettozuwanderung von 75'000 Personen in 2022 und von 70'000 in 2023 aus, wodurch die Migration erneut ein bedeutender Treiber des Konsumwachstums ist.

Mit der Zinswende ist der Zinsbonus nun ebenfalls wieder zurückgekehrt. Die Ökonomen der Credit Suisse erwarten, dass das hiesige Zinsniveau bis auf Weiteres tiefer bleiben wird als im Ausland.

«Monitor Schweiz» der Credit Suisse

Industrie büsst an Schwung ein
Der Ausblick für die Industrie ist weniger positiv als derjenige für den Konsum. Wegen der Rezession in der Eurozone müssen insbesondere die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie die Chemiebranche mit einer geringeren Nachfrage aus dem Ausland rechnen, während bei den Pharmaexporten kurzfristig keine Veränderungen zu erwarten sind. Obwohl die Schweizer Industrie weniger als halb so viel Energie zur Generierung ihrer Wertschöpfung braucht als ihre Pendants in Europa, ist die Energiekrise auch hierzulande eine Herausforderung. In der Einkaufsmanager-Umfrage (PMI-Umfrage) vom Oktober gaben rund 4% der Industrieunternehmen an, wegen der Lage am Gasmarkt Teile der Produktion eingestellt zu haben, und aufgrund der hohen Strompreise haben sogar fast 10% der antwortenden Industriebetriebe die Produktion reduziert.

Risiko einer Energiemangellage dank Massnahmen derzeit gering
Immerhin haben die hohen Lagerbestände an Gas in der Eurozone und Produktionsdrosselungen das Risiko von Unterbrüchen im europäischen Gas- und Strommarkt zuletzt verringert. Die Lage bleibt aber angespannt. Vieles hängt von den Temperaturen im Winter ab, die nicht prognostizierbar sind. Gemäss PMI-Umfrage haben mehr als die Hälfte der grösseren Schweizer Unternehmen Massnahmen auf eine mögliche Eskalation der Energiekrise ergriffen, und rund ein Viertel verfügt über einen vorbehaltenen Entschluss. Die am häufigsten ergriffene Massnahme ist eine Reduktion des Stromverbrauchs. 18% der Unternehmen haben Notstromaggregate oder Batterien angeschafft und auch die Installation von Fotovoltaikanlagen gehört zum Massnahmenkatalog. Als Vorbereitung auf eine Gasmangellage haben 40% der Industriebetriebe ihre Anlagen auf den Betrieb mit Öl umgerüstet.

Comeback des Schweizer Zinsbonus
Die Schweiz profitiert derzeit wieder von tieferen Zinsen als das Ausland. Diese Konstellation hatte früher während Jahrzehnten Bestand, doch bröckelte der «Zinsbonus» Anfang der 2000er-Jahre und verschwand zuletzt während der Covid-Pandemie sogar vollständig. Mit der Zinswende ist der Zinsbonus nun ebenfalls wieder zurückgekehrt. Die Ökonomen der Credit Suisse erwarten, dass das hiesige Zinsniveau bis auf Weiteres tiefer bleiben wird als im Ausland. Als Haupttreiber für die Zinsdifferenz identifizieren sie Unterschiede in den Inflationserwartungen zwischen den Währungsräumen. Und angesichts der tieferen Inflation hierzulande sollte der schweizerische Zinsbonus Bestand haben, sofern die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht ihr Inflationsziel anhebt oder in ihren Bemühungen zur Senkung der Teuerung nachlässt, was gemäss Einschätzung der Ökonomen der Credit Suisse beides eher unwahrscheinlich ist. So dürfte die SNB ihre Geldpolitik weiter straffen und ihren Leitzins bis im März 2023 auf 1% anheben sowie bei Bedarf Devisen verkaufen.

Die Publikation «Monitor Schweiz» der Credit Suisse wird quartalsweise publiziert und findet sich hier.

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