Der Kater am Ende: Wie lange hält der KI-Hype?
Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich zuweilen, heisst es. Die Verheissungen der Künstlichen Intelligenz (KI), gigantische Investitionen in ebendiese, der Boom der Techaktien – all das weckt Erinnerungen an die Dotcomblase vor rund 25 Jahren. Und deren Platzen ...
Technischer Fortschritt bewegt die Menschen, seit jeher. Er verändert unsere Arbeit. Er verändert unsere Konsumgewohnheiten. Ja, er verändert unser aller Leben. Er schafft neue Arbeitsplätze, andere dagegen bedroht er. Er verheisst Wachstum, aber eben nicht für alle Industriezweige, nicht für alle Branchen. Die Börse spiegelt diese Perspektiven wider. All jene Unternehmen, die in Verdacht stehen, zu den Profiteuren des Innovationsschubs zu gehören, werden mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht. Ihre Aktienkurse steigen von einem Rekord zum nächsten.
Defensive Titel werden links liegen gelassen
Titel von Unternehmen, die nicht unmittelbar von den Neuerungen der Technik profitieren, werden dagegen links liegen gelassen – viel zu langweilig! Genauso ist es dieser Tage. Die Aktien der grossen US-Techkonzerne dominieren die Indizes, während Titel aus eher «defensiven» Branchen, dem Konsum- oder Pharmasektor etwa, nahe ihrer Zehn-Jahres-Tiefs notieren.
Wie länge hält der KI-Hype?
Die grosse Frage lautet: Wie lange währt die KI-Begeisterung an den Börsen? Neue grosse Wachstumsfelder sind naturgemäss ein Magnet für Anleger. Es gibt aber keinen Boom, der nicht irgendwann in Übertreibung und schlussendlich in Tränen endet. Das war auch in der Interneteuphorie zur Jahrtausendwende so, obwohl in den folgenden Dekaden selbst die kühnsten Erwartungen weit übertroffen wurden. Viele der vermeintlichen Profiteure sind auf der Strecke geblieben, neue hinzugekommen. Und selbst die Unternehmen, die heute noch «im Rennen» sind, hatten zwischenzeitlich bis zu 90 Prozent ihres Börsenwerts eingebüsst. Die Aktie von Cisco zum Beispiel, einem der grossen Internetprofiteure, hat erst kürzlich, nach 25 Jahren, den Höchststand aus dem Jahr 2000 wieder erreicht, wenngleich ohne Dividenden.
Warum nicht Nvidia?
Im Grunde beantwortet das auch ein Stück weit die Frage, warum wir mit all unseren Investments in die Techindustrie eher zurückhaltend agieren. Wir wagen es schlichtweg nicht, die langfristigen Ertragsperspektiven von Nvidia seriös einzuschätzen. Ja, Nvidia ist zweifellos ein hervorragendes Unternehmen, mit hervorragendem Management. Die jüngsten Unternehmenszahlen waren zudem beeindruckend – einmal mehr! Nichtsdestotrotz sehen wir mehr Szenarien, in denen sich Nvidias Aktienkurs halbieren könnte, als dass er sich ein weiteres Mal verdoppelt. Kein Sektor ist so disruptiv wie der Techsektor. Nirgendwo sonst werden die Gewinner von heute so schnell zu Verlierern von morgen.
Es kann nicht nur Gewinner geben
Für Nvidia muss das nicht gelten, kann es aber. Die gewaltigen Investitionen der Techriesen in KI sind Beleg dafür, wie gross die Sorge ihres Managements ist, im Wettrennen um künftige Geschäftsfelder (von denen heute niemand wirklich weiss, wie ertragreich sie sein werden) den Anschluss zu verlieren. Eines ist gewiss: Es kann nicht nur Gewinner geben. Es wird nicht nur Gewinner geben! Der Internet-Hype zur Jahrtausendwende, die gewaltigen Erwartungen damals und das schmerzhafte Ende des Booms, der Kater am Ende – diese Phase war immens wichtig für Investoren. Wir haben daraus hat gelernt, wie wichtig es ist, keine Luftschlösser zu bauen. Sich selbst und seinen Kunden nichts vorzumachen. Sich treu zu bleiben.
Vermögen erhalten
Wer Geld an der Börse anlegt, insbesondere für andere, der muss demütig sein – und bleiben. Der sollte nicht einfach so der Musik hinterhertanzen, auch wenn das heisst, zeitweise hinter dem tanzenden Markt zurückzubleiben. Solche Phasen hat es in der Vergangenheit immer wieder geben; und sie wird es auch in Zukunft geben. In der Diversifikation spiegelt sich die Einsicht des Investors wider, die Zukunft nicht vorhersagen zu können, sich aber – so gut es geht – wappnen zu wollen. Diversifikation bedeutet aber nicht nur, ein Vermögen auf verschiedene Anlageklassen und Einzeltitel aufzuteilen. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Ein Vermögen sinnvoll zu streuen, bedeutet auch, es auf verschiedene Währungsräume aufzuteilen. Ein Investor aus dem Euroraum beispielsweise tut gut daran, nicht all sein Geld in der Heimatwährung zu disponieren, sondern auch in in «robusteren» Währungen – in Währungsräumen, die weniger verschuldet sind, grob vereinfacht.
Kurt von Storch, Gründer und Eigentümer von Flossbach von StorchEs gibt keinen Boom, der nicht irgendwann in Übertreibung und schlussendlich in Tränen endet.
Währungen haben aber noch eine weitere Komponente. Denn es geht nicht nur darum, in welcher Währung Anleihe oder Aktie notieren. Sondern auch darum, in welchen Währungen ein Unternehmen, dessen Aktie oder Anleihe ein Investor hält, den Grossteil seines Geschäftes abwickelt. Für die Gewinnaussichten eines Konzerns aus der Eurozone, der den Grossteil seiner Umsätze im US-Dollarraum erzielt (und über die US-Währung abrechnet), ist die Währungsentwicklung sehr bedeutsam. Auch das muss ein Investor bei seinen Anlageentscheidungen berücksichtigen.
Wie hoch sollte der Aktienanteil sein?
Aber selbst wenn ein Investor all das getan hat – das Vermögen aufgeteilt auf verschiedene Anlageklassen, Einzeltitel und Währungen – muss er die einzelnen Bausteine noch sinnvoll zusammenfügen. Wie hoch sollte der Aktienanteil bemessen sein? Was bedeutet das für den Rentenanteil, der die Portfolioentwicklung stabilisieren soll? Und wie hoch muss der Goldanteil (auch in Relation zu den anderen Anlageklassen) sein, damit das Edelmetall seiner Versicherungsfunktion gerecht werden kann? Die Zusammenstellung eines Portfolios leitet sich aus dem Kapitalmarktumfeld ab – und sie sollte sich im Zeitverlauf flexibel anpassen lassen. Ganz wesentliches Merkmal einer robusten Anlagestrategie sollte zudem die Qualität der Anlagen sein, in die ein Anleger investiert. Wetten auf kurzfristige Trends und Moden sind an der Börse nicht selten ein Glücksspiel. Viel wichtiger ist es, auf die Substanz einer Anlage zu schauen, die Höhe der Erträge, die sie langfristig abwirft, und vor allem deren Vorhersehbarkeit. Investoren sollten sich deshalb stets fragen, wie robust das Geschäftsmodell einer Firma und die Erträge sind, die es erwirtschaftet? Qualität setzt sich langfristig durch – das gilt auch bei der Geldanlage. Im Krisenfall gilt das umso mehr. Im Fokus eines Investors sollten deshalb Unternehmen stehen, die selbst grössere Krisen weitgehend schadlos überstehen können und dann gestärkt aus ihnen hervorgehen (können). Flexibilität ist ebenfalls wichtig. Nur wer ein Liquiditätspolster hat, ist in der Lage, Anlagegelegenheiten zu nutzen, sollten sie sich ihm bieten. Früher oder später wird genau das passieren. Das allein reicht aber nicht aus. Der Begriff Flexibilität und damit auch der Begriff Liquidität sollten sehr viel weiter ausgelegt werden. Jede Anlage, die potenziell interessant sein könnte für einen Investor, muss vor Erwerb daraufhin geprüft werden, wie leicht sie sich bei Bedarf veräussern lässt. Was nützt ein ansonsten sehr interessantes Investment, wenn es im Ernstfall keinen Markt dafür gibt?
Sich nicht von Übertreibungen leiten lassen
Anleger sollten zudem auf Solvenz achten. Die eigene, aber auch die Solvenz desjenigen, dessen Aktien oder Anleihen sie kaufen. Solvenz ist die Voraussetzung für Unabhängigkeit und Handlungsfähigkeit; hohe Schulden dagegen sind die häufigste Ursache für den Konkurs und den Verlust eines Vermögens. Auch das zeigt sich in Krisenphasen umso deutlicher. Der Preis ist das, was man zahlt – der Wert, was man dafür bekommt. Wie gute Kaufleute das beim An- und Verkauf ihrer Waren tun, sollten Anleger den Wert der Unternehmen, in die sie investieren möchten, genau prüfen. Ist der Preis möglicherweise viel höher, als die potenzielle Anlage wert ist? Oder ist der Preis angemessen, besser sogar niedriger als der tatsächliche Wert? Anleger sollten sich niemals von den Übertreibungen an den Börsen leiten lassen, sondern stets versuchen, den Blick auf den wahren Wert einer Anlage zu richten.