Jürg Rimle: «Ich glaube nicht, dass die Asset Management-Industrie den Krypto-Trend verschlafen hat.»

Jürg Rimle ist seit Mai 2019 Schweizer Länderchef des Fondshauses Fidelity International und hat in seiner rund 20-jährigen Berufserfahrung schon einige Trends kommen – und wieder gehen – sehen. Jetzt stellt er sich unseren Fragen und zeigt sich dabei überzeugt davon, dass die Asset Management-Industrie gut für die Zukunft gerüstet ist.

Jürg Rimle, die Klimakrise dürfte die Finanzindustrie auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft über die nächsten Jahrzehnte prägen. ESG wird zum Mainstream-Thema einer Branche, die es bis heute versäumt hat, sich auf einheitliche Standards und Begrifflichkeiten zu verständigen und damit Transparenz für die Anleger zu schaffen. Dafür überbieten sich die Anbieter gegenseitig mit nachhaltigen Finanzprodukten in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Für Anleger ein schier unmögliches Unterfangen, hier noch den Durchblick zu bewahren. Weshalb tut sich die Branche so schwer damit hier Transparenz zu schaffen?

Jürg Rimle: Meiner Ansicht nach ist das nur noch eine Frage der Zeit. Als beispielsweise die Credit Ratings weltweit eingeführt wurden, existierten zu Beginn auch noch keine einheitlichen Standards. Im Kontext von ESG-Standards kommt hinzu, dass die gesamte Finanzindustrie regelrecht überrollt wurde von der Relevanzsteigerung des Themas Nachhaltigkeit – nicht zuletzt beschleunigt durch die Corona-Pandemie. Einen wirklich starken Aufschwung gab es jedoch mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg und ihrer emotionalen Rede im September 2019 in New York beim UNO-Klimagipfel. Auch wenn einige Experten bereits vor Greta das Thema Nachhaltigkeit angemahnt haben, braucht es manchmal solche Menschen als entscheidende Treiber, um ein wichtiges gesellschaftliches Thema auf die öffentliche Agenda zu setzen.

Heute können wir empirisch nachweisen, dass nachhaltige gegenüber konventionellen Anlagen eine gleiche, wenn nicht sogar eine bessere Rendite aufweisen.

Jürg Rimle, Fidelity International

Wäre die Asset Management-Industrie nicht dennoch gut beraten, in Transparenzfragen als Vorreiter aktiver zu werden?

Bevor Nachhaltigkeit auf die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Agenda getreten ist, war es schlichtweg noch ein Nischenthema – das bedeutet für unsere Arbeit, dass lange fast keine Nachfrage auf Kundenseite existierte. Auch weil sich der Mythos einer geringeren Rendite lange hielt. Heute können wir empirisch nachweisen, dass nachhaltige gegenüber konventionellen Anlagen eine gleiche, wenn nicht sogar eine bessere Rendite aufweisen. Ich bin davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit in den nächsten drei bis fünf Jahren integraler Bestandteil der gesamten Finanzbranche sein wird. Bis dato mangelt es jedoch nicht am Transparenzwille. Die Industrie hat ebenfalls den Wunsch, vergleichbare Standards zu etablieren und arbeitet bereits daran. Die Finanzbranche im Speziellen tut sich nicht schwer, aber die Etablierung von Nachhaltigkeitsstrategien und insbesondere die Schaffung von einheitlichen Standards sind äusserst komplex. Mit der Sustainable Finance Discloure Regulation (SFDR) konnte schon ein wichtiges Rahmenwerk geschaffen werden, die konkrete Ausgestaltung und einheitliche Umsetzung sind jedoch mit einem Prozess verbunden.

Stichwort «Green Washing»: Konsumentenschützer fordern immer wieder ein übergeordnetes Qualitätslabel für nachhaltige Finanzprodukte, mindestens aber ein Ampelsystem, wie es die Lebensmittelindustrie bereits kennt. Die Finanzindustrie wehrt sich aber offenbar dagegen. Was spricht eigentlich dagegen? Die Vergleichbarkeit von nachhaltigen Finanzprodukten identischer Ausprägung läge doch im Interesse aller Beteiligten!

Aus meiner Sicht wehrt sich die Finanzindustrie nicht dagegen. Es ist wichtig, ein eindeutiges und einheitliches Labeling zu haben, um Vergleichbarkeit zu schaffen und dem Anleger damit glaubwürdig eine Transparenz für seine Auswahlentscheidung zu geben. Für uns als grosser internationaler Asset Manager ist das ein entscheidendes Wettbewerbsmerkmal. Um diese Transparenz zu schaffen, arbeiten wir schon heute eng mit den Regulatoren zusammen. Rund 20 Prozent unserer Assets under Management sind bereits Artikel-8-konform.

Kryptowährungen als solche sind bei den institutionellen Anlegern noch nicht als nachhaltige Entwicklung angekommen.

Jürg Rimle

Ein anderes grosses Thema sind derzeit Kryptowährungen. Der Bitcoin steht im Moment über der 50'000 Dollar-Marke. Hier scheinen die Asset Manager dem Zeitgeist hinterherzuhinken. Hat die Branche diesen Trend verschlafen?

Ich glaube ganz und gar nicht, dass die Branche hier etwas verschlafen hat. Kryptowährungen fristen im Moment ein Nischendasein – die Nachfrage ist entsprechend klein. Kryptowährungen als solche sind bei den institutionellen Anlegern noch nicht als nachhaltige Entwicklung angekommen. Wir beobachten jedoch, dass dies in Teilen gerade geschieht. Es geht hier beispielsweise darum, dass diese zu einem akzeptierten Zahlungsmittel werden. Grundsätzlich scheint sich im Bereich der Kryptowährungen und generell bei der Blockchain-Technologie viel zu verändern. Das haben wir erkannt und entsprechende Entwicklungen eingeleitet. So ist Fidelity einer der ersten, die eine Verwahrstelle für Crypto-Currencies anbietet.

Davon abgesehen: Wie sind Investitionen in oder Finanzprodukte basierend auf Kryptowährungen, deren «Produktion» einen enormen Energiebedarf erfordert, mit ESG-Kriterien überhaupt vereinbar? Besteht hier nicht ein fundamentaler Widerspruch, der es eigentlich verbieten müsste, entsprechende Finanzprodukte auf Kryptobasis aufzulegen?

Diese Herausforderung gilt es zu überwinden. Andererseits zeigt es sich, dass die Blockchain-Technologie immer ausgereifter wird. Ich bin zuversichtlich, dass es dafür in Zukunft Lösungen geben wird.

Letzte Frage: Aktive Asset Manager müssen sich immer wieder anhören, dass es Ihnen nach Abzug aller Gebühren nur in Ausnahmefällen gelingt Alpha, dh. eine Überrendite, zu erwirtschaften. Gleichzeitig erfreuen sich ETFs einer zunehmenden Anhängerschaft in Investorenkreisen. Was antworten Sie den Kritikern des aktiven Investmentansatzes.

Es geht nicht darum, ob aktiv oder passiv besser oder schlechter, beziehungsweise richtig oder falsch ist – beide Ansätze haben absolut ihre Daseinsberechtigung. Niemand bestreitet, dass in entwickelten informationseffizienten Märkten passiv in der Regel aktiv schlägt. Aber das genau Umgekehrte lässt sich für weniger informationseffiziente und weniger entwickelte Märkte sagen: wenn ich beispielsweise den chinesischen Markt betrachte, in dem staatlich nicht betriebswirtschaftlich geführte Firmen einen grossen Teil des Index replizieren, und ich diese als passiver Investor mit ins Boot nehme, werde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit eine schlechtere Performance ausweisen als ein aktiver Manager. Oder nehmen Sie Obligationen. Zentralbanken und Versicherungen kaufen diese nicht aus Marktrenditeüberlegungen, sondern, weil sie sie kaufen müssen. Und genau das kann ein aktiver Manager (aus-)nutzen, weil er weiss, wer welche Bonds bis zu welchem Zeitpunkt halten muss. Und gerade im Rahmen der ESG-Kriterien ist eine passive Anlagestrategie für den Kunden oft weniger transparent, was die Einhaltung der Nachhaltigkeitsfaktoren der abgebildeten Unternehmen oder Branchen betrifft.