Gold oder Bitcoin: Welches Asset hält wirklich, wenn die Welt brennt?

Die Entwicklung der Zuflüsse in Gold- und Bitcoin-ETFs hat in den vergangenen zwei Jahren ein bemerkenswert differenziertes Bild gezeigt. Trotz gewisser Überschneidungen in ihren Eigenschaften wurden beide Anlageklassen von Investoren sehr unterschiedlich gehandelt. So ist insbesondere auffällig, dass die ETF-Flüsse in Gold und Bitcoin über diesen Zeitraum hinweg eine deutlich negative Korrelation aufwiesen: Abflüsse aus Gold fielen häufig mit Zuflüssen in Bitcoin zusammen und umgekehrt. Dies deutet darauf hin, dass sich ETF-Anleger derzeit eher zwischen den beiden Anlageklassen entscheiden, anstatt gleichzeitig in beide zu investieren.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass eine der wichtigsten Quellen für Zuflüsse in Gold in den vergangenen Jahren China war. Ein vergleichbarer Effekt ist bei Bitcoin nicht zu beobachten, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass der Handel mit Kryptowährungen in China illegal ist. Gleichzeitig hat sich seit 2022, insbesondere nach dem Einfrieren der russischen Währungsreserven, eine strukturelle Veränderung im Goldmarkt ergeben. Gold hat sich zunehmend von seiner historischen Beziehung zu realen, also inflationsbereinigten Zinsen entkoppelt. Stattdessen ist eine anhaltend starke Nachfrage von globalen Zentralbanken und Staatsfonds zu beobachten, die ihre Reserven gezielt ausserhalb der Reichweite potenzieller Sanktionen diversifizieren wollen. Diese Entwicklung hat sich als wesentlicher Treiber der Goldrally erwiesen und das Verhalten des Goldmarktes in den letzten Jahren grundlegend verändert.

Bitcoin wird in deutlich stärkerem Masse von privaten Investoren gehalten als von institutionellen Akteuren.

Stephen Coltman, Head of Macro, 21shares

Die aktuell zu beobachtende Divergenz in der Preisentwicklung von Gold und Bitcoin lässt sich nur eingeschränkt erklären, da Daten zu ETF-Beständen in der Regel mit erheblicher zeitlicher Verzögerung veröffentlicht werden. Dennoch lassen sich plausible Hypothesen formulieren. Für Gold, das einen deutlich grösseren Markt darstellt als Bitcoin und breit von institutionellen Investoren, Staatsfonds und Zentralbanken gehalten wird, liegt die Vermutung nahe, dass die jüngsten finanziellen Belastungen in den Golfstaaten eine Rolle spielen könnten. Diese Staaten zählen zu den bedeutenden Goldhaltern und sehen sich aktuell mit der Notwendigkeit konfrontiert, Liquidität zu beschaffen. Hintergrund sind der Einbruch der Öl- und Steuereinnahmen sowie gleichzeitig steigende Ausgaben, insbesondere im Verteidigungsbereich. In einer solchen Situation erscheint es naheliegend, dass Teile der strategischen Reserven, einschliesslich Goldbestände, zur Finanzierung herangezogen werden.

Im Gegensatz dazu wird Bitcoin in deutlich stärkerem Masse von privaten Investoren gehalten als von institutionellen Akteuren. Seine einfache Nutzbarkeit sowie die rund um die Uhr verfügbare Handelbarkeit können insbesondere in Phasen gestörter oder eingeschränkter Finanzinfrastruktur von grossem Vorteil sein. So wurden kurz nach Beginn des Konflikts sowohl die Börsen in Dubai als auch in Abu Dhabi infolge von Raketen- und Drohnenangriffen aus dem Iran geschlossen. Dieses Ereignis hat eindrücklich vor Augen geführt, wie anfällig traditionelle Finanzsysteme in geopolitischen Krisensituationen sein können, und gleichzeitig den Wert eines erlaubnisfreien, jederzeit zugänglichen Kryptomarktes unterstrichen. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass während staatliche Akteure in der Region Teile ihrer Goldbestände veräussern, vermögende Privatpersonen vermehrt Kapital in Bitcoin und auf die Blockchain verlagern, um den kontinuierlichen Zugang zu ihrem Vermögen sicherzustellen und Transaktionen auch unter erschwerten Bedingungen durchführen zu können. Die unterschiedlichen Handelsmuster liefern insgesamt aufschlussreiche Hinweise darauf, wie die beiden Anlageklassen von verschiedenen Investorengruppen wahrgenommen werden. Zwar gibt es Investoren, die sowohl in Gold als auch in Bitcoin engagiert sind, doch zeigen sich die grössten Unterschiede in der Herkunft der Kapitalflüsse. Im Goldmarkt spielen insbesondere Transaktionen des öffentlichen Sektors, also von Zentralbanken und staatsnahen Institutionen, eine zentrale Rolle. Im Bitcoin-Markt hingegen haben Kapitalbewegungen von privaten Einzelinvestoren ein deutlich grösseres Gewicht.

Physisches Gold erfüllt derzeit eine ausgeprägte geopolitische und strategische Funktion. Es wird von staatlichen Akteuren bevorzugt genutzt, um Vermögen in einer Form zu halten, die gegenüber Einflussnahme durch rivalisierende Mächte möglichst resistent ist.

Stephen Coltman

Physisches Gold erfüllt derzeit eine ausgeprägte geopolitische und strategische Funktion. Es wird von staatlichen Akteuren bevorzugt genutzt, um Vermögen in einer Form zu halten, die gegenüber Einflussnahme durch rivalisierende Mächte möglichst resistent ist. Entsprechend reagiert der Goldpreis sensibler auf eine Verschlechterung der internationalen Beziehungen. Dies zeigte sich insbesondere im Zusammenhang mit der russischen Invasion in der Ukraine, aber auch im Kontext zunehmender handelspolitischer Spannungen zwischen den USA und China. Bitcoin hingegen wird stärker durch das Verhalten individueller Investoren geprägt. Dies betrifft sowohl spekulative Aktivitäten als auch die konkrete Nutzung als Instrument zur Vermögenssicherung und zur Aufrechterhaltung von Zahlungsfähigkeit in Situationen, in denen das Vertrauen in lokale Bankensysteme erschüttert ist. Spekulativ orientierte Marktteilnehmer neigen dazu, bestehende Preistrends zu verstärken, indem sie Momentum folgen, während die Nachfrage aus praktischer Nutzung je nach Stabilität des jeweiligen Finanzsystems regional variieren kann. Trotz dieser Unterschiede besteht aus Anlegersicht durchaus Raum für beide Anlageklassen als Instrumente zur Wertaufbewahrung. Diversifikation bleibt eine der wenigen verlässlichen Strategien im Portfolioaufbau. Wenn es gelingt, sich gleichzeitig gegen monetäre Inflation und finanzielle Gegenparteirisiken abzusichern – und dies über zwei Anlageklassen, die nur eine geringe Korrelation zueinander aufweisen –, entsteht ein besonders attraktives Rendite-Risiko-Profil. Anleger können so langfristig von den jeweiligen Stärken beider Anlageformen profitieren und gleichzeitig von einer insgesamt stabileren Wertentwicklung profitieren, die sich durch geringere Volatilität und moderatere Rückschläge auszeichnet.

Hauptbildnachweis: Freepik