Der Schweizer Pass lockt – es geht aber noch besser

Mit dem roten Pass kann man in viele Länder ohne Visum reisen. Die Spitzenplätze nehmen allerdings Japan und Singapur ein.

Natürlich kann man sich in Pandemie-Zeiten fragen, was schlimmer ist – allfällige Visa-Erfordernisse bei Auslandsreisen oder die jeweils geltenden und sich rasch ändernden Corona-Restriktionen. Aber Pässe, die ein visafreies Reisen in möglichst viele Länder erlauben, bleiben ein Gewinn, Covid hin oder her. Das gilt nicht zuletzt für Geschäftsreisende. Die global tätige Einwanderungsagentur Henley & Partners misst jedes Jahr die Stärke von diesen Reisedokumenten, dies auf der Grundlage von Daten der Internationalen Luftfahrtagentur Iata. Die Schweiz landet hier für 2022 wie im Vorjahr auf Rang 6. Das ist sehr gut, aber nicht gut genug, um mehrere andere Länder hinter sich zu lassen.

Der Schweizer Pass steht 2022 wie im Vorjahr auf Rang 6. Das ist sehr gut, aber nicht gut genug, um andere Länder hinter sich zu lassen.

Jürgen Dunsch

Insgesamt haben die Rechercheure von Henley 227 Destinationen und knapp 200 Pässe geprüft. Die Bürger von Japan und Singapur können dabei 192 Ziele visafrei ansteuern und liegen damit an der Spitze. Es folgen Deutschland und Südkorea mit 190 Territorien. Vor der Schweiz liegen auch Finnland, Italien, Luxemburg und Spanien, die jeweils geltenden Corona-Einreiseregeln natürlich nicht berücksichtigt. Zur Schweiz auf den sechsten Platz aufgeschlossen haben die Vereinigten Staaten und Grossbritannien.

186 offene Destinationen für Schweizer
Reisenden mit einem Schweizer Pass stehen insgesamt 186 Destinationen offen. Dies zeigt, dass die Spitzenländer in der Qualität ihrer Pässe relativ nahe beieinander liegen. Im Detail offenbaren sich allerdings einige Widrigkeiten. Dass Schweizer für den Sudan ein Visum benötigen, lässt sich wohl verschmerzen. Weniger erfreulich ist dies für Algerien und vor allem für asiatische Tigerstaaten wie zum Beispiel Vietnam. Alles in allem benötigt man für 41 Territorien ein Visum. Genehmigungen, die direkt an den Grenzen erhältlich sind, bleiben dabei aussen vor. Bei den visafreien Reisemöglichkeiten haben interessanterweise nicht nur demokratisch verfasste Staaten, sondern auch autoritäre Regime ihre Punktezahl in den vergangenen Jahren gesteigert. Der Reiz «wertvoller» Pässe aus freiheitlichen Ländern dürfte indes jüngst noch gestiegen sein. Der Grund liegt im zusätzlichen Bürgerrecht für Ausländer. Mehrfache Staatsbürgerschaften für vermögende Personen liegen generell im Trend. Henley & Partners zitiert hierzu den Experten Peter J. Spiro von der Temple Universität in den USA mit den Worten: «Im Kontext von Pandemien bilden sie auch eine Art Krankenversicherung. Je mehr Staatsbürgerschaften man hält, desto diversifizierter ist die Versicherung.» Man könnte hinzufügen, dass das Stichwort Diversifikation auch in Bezug auf Sicherheit, Erziehung der Kinder und Klimarisiken den Reichen dieser Welt mehrfache Staatsbürgerschaften und Niederlassungsrechte nahelegt. Sie sind – unabhängig von Corona – weiterhin in vielen Ländern gegen entsprechende Investitionen als «Eintrittsgebühr» möglich.

Auf der anderen Seite hat Henley festgestellt, dass der Graben in der Mobilität zwischen vermögenden und armen Ländern noch nie so tief war in der 17-jährigen Geschichte des Index. Gegenüber den Habenichtsen sind die Grenzen eher verstärkt worden. Kein Wunder, nimmt Afghanistan mit gerade einmal 26 ungehindert zu erreichenden Zielen den letzten Platz ein. Dahinter steht die Sorge der wohlhabenden Staaten vor Sicherheitsproblemen, Asylanträgen en masse und dem Untertauchen solcher Passinhaber. Aber es wird auch vieles über einen Kamm geschoren. Zu den Staaten mit gerade einmal rund 50 visafreien Zielen gehören so unterschiedliche Adressen wie Angola, Kamerun und Laos. Im Zweifel lieber eine strikte Kontrolle lautet offenbar die Devise.

Hauptbildnachweis: Dominic Steinmann / NZZ