Finanzplatz Liechtenstein: Standortmarketing der fragwürdigen Art

Im globalen Wettbewerb um Kunden hat sich in zahlreichen Wirtschaftsbereichen eine Disziplin etabliert, die allgemein als Standortmarketing bezeichnet wird. Touristen-Regionen und Wirtschaftszentren – darunter auch die Finanzplätze dieser Welt – unterstreichen mit konzertierten Werbeaktionen die Attraktivität ihres Standortes und buhlen um die Gunst ihres Zielpublikums oder der Öffentlichkeit. In der Regel werden über mehr oder weniger glaubwürdige PR-Kampagnen die eigenen Vorzüge präsentiert mit dem Ziel, sich positiv von den Mitbewerbern abzuheben und neues Geschäftspotenzial zu realisieren. Das ist absolut legitim, kann aber auch aufgesetzt und unsympathisch wirken, wie sich am aktuellen Beispiel des Liechtensteiner Finanzplatzes zeigt.

In einer vollmundigen Medienmitteilung haben die drei grossen liechtensteinischen Banken (LGT, LLB und VP Bank) letzte Woche angekündigt, «wo nötig und gerechtfertigt», Personen aus der Ukraine mit Schutzstatuts S bis auf Weiteres eine gebührenfreie Kontoverbindung inkl. Zahlungsverkehr und EC-Karte zur Verfügung zu stellen. «Der Zugang zu Finanzdienstleistungen ist ein anerkanntes, fundamentales Grundrecht für alle Menschen und zunehmend auch eine Voraussetzung für die soziale Eingliederung», so die Begründung der Banken.

Das Gegenteil von heilig ist nicht sündhaft, sondern scheinheilig.

Paul Esser (*1939), deutscher Schriftsteller

Der Liechtensteiner Finanzplatz zeigt offenbar ein Herz für in Not geratenen Flüchtlinge aus der Ukraine. Das ist zuerst einmal eine gute Nachricht für die Betroffenen, wäre da nicht der schale Nachgeschmack einer inszenierten PR-Kampagne, die darauf abzielt, in der Öffentlichkeit ein altruistisches Bild des Finanzplatzes zu zementieren. Ein Bild, dass möglicherweise nicht mit der Realität korreliert. Sicher ist, dass es Liechtenstein schon immer gut verstanden hat, sich selber in einem vorteilhaften Licht zu präsentieren. Vielleicht fällt es deshalb schwer zu glauben, dass die jetzt gezeigte Solidarität mehr ist, als nur der Versuch, die Notlage Dritter zum eigenen Vorteil zu nutzen und Image-Pflege zu betreiben. Zudem könnte man argumentieren, dass die mediale Orchestrierung der vermeintlich guten Tat unnötig wäre, stünden tatsächlich uneigennützige Motive hinter der Aktion.

Die Treuhandkammer legt nach
Zeitgleich mit besagter Initiative findet sich ein bezahlter PR-Beitrag der Liechtensteinischen Treuhandkammer in einem Schweizer Finanzportal. Deren Geschäftsführer lässt dort verlauten, dass «Kundinnen und Kunden, die dem Finanzplatz Liechtenstein ihr Vertrauen schenken, zu Recht erwarten dürfen, dass mit ihrem Geld äusserst verantwortungsvoll umgegangen wird – und zwar nicht nur in rein finanzieller, sondern auch in ethischer Hinsicht». Das hört sich toll an, vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der Finanzplatz Liechtenstein, speziell im Treuhandwesen, nach wie vor Finanzstrukturen zulässt, die zwar formaljuristisch rechtens sein mögen, deren Einklang mit der angestrebten Ethik hingegen von Kritikern durchaus hinterfragt wird. Auch vor diesem Hintergrund erscheint die proklamierte Solidarität mit den ukrainischen Flüchtlingen als das was es wohl in Tat und Wahrheit ist: Effekthascherei und Standortmarketing der fragwürdigen Art.

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