Eurokrise und Zinsbeben treiben Anleger in den Franken
An den Anleihemärkten knallt es. Die Kapitalmarktzinsen sind auf lange nicht mehr gesehene Niveaus geklettert. Bereits im August sah sich der amerikanische Finanzminister zum Eingreifen genötigt. Dabei hat er keine glückliche Figur gemacht und die Märkte erst recht verunsichert. Die Schüsse waren also nicht zu überhören. Doch wo bleiben die Einschusslöcher?
Üblicherweise geraten Aktienkurse unter Druck, wenn die Zinsen innert kurzer Zeit derart kräftig steigen. Die Börsen notieren jedoch nur geringfügig unter ihren Rekordständen. Wie lässt sich das erklären?
Ausverkauf an den Anleihemärkten
Das Epizentrum des Bondbebens liegt in den USA. Die Renditen 10-jähriger amerikanischer Staatsanleihen erreichten Ende September den höchsten Stand seit 24 Jahren. An den strukturellen Ursachen für ein höheres Zinsniveau, etwa der demografischen Entwicklung und der stockenden Globalisierung, hat sich zuletzt wenig geändert. Den steilen Anstieg hat vielmehr ein Cocktail von Faktoren ausgelöst. Dazu zählen die jüngsten kriegerischen Eskalationen am Golf, ein schwindendes Vertrauen in das staatliche Finanzgebaren und dessen Krisenmanagement, der enorme Kapitalbedarf der grossen amerikanischen KI-Unternehmen sowie das weltweite Erstarken der Wirtschaftskonjunktur.
Fredy Hasenmaile, Raiffeisen-ChefökonomDas Erdbeben an den Kapitalmärkten dürfte nicht ohne Folgen bleiben. Im Gleichschritt mit den Renditen der Staatsanleihen ziehen auch die Zinsen für klassische Unternehmens- und Konsumkredite sowie Hypotheken an.
Besonders die Lage im Nahen Osten bleibt fragil. Erneute Eskalationen könnten die Kapazitäten von Pipelines und Raffinerien in den Golfstaaten weiter spürbar beeinträchtigen. Diese Risiken treiben die Preise für Ölprodukte und Gas in die Höhe, halten die Inflationswerte hartnäckig hoch und zwingen die Zentralbanken zu Leitzinserhöhungen.
Zinsanstieg nicht auf die USA beschränkt
Auch in anderen grossen Industrieländern sind die Renditen von Staatsanleihen kräftig angestiegen. In Japan überschritten die Zinsen 10-jähriger Staatsanleihen die Marke von 3 Prozent – erstmals seit 1996. In Grossbritannien lagen die Langfristzinsen am 1. Oktober kurzzeitig über 6 Prozent, so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Zum Anstieg tragen auch höhere Laufzeitenprämien bei. Angesichts steigender Inflation und ohne Aussicht auf mehr Haushaltsdisziplin verlangen Anleger eine höhere Entschädigung für das Halten langfristiger Staatsanleihen.
Höhere Finanzierungskosten belasten
Das Erdbeben an den Kapitalmärkten dürfte nicht ohne Folgen bleiben. Im Gleichschritt mit den Renditen der Staatsanleihen ziehen auch die Zinsen für klassische Unternehmens- und Konsumkredite sowie Hypotheken an. Die Gefahr von Verwerfungen im Finanzsystem ist dadurch merklich grösser geworden. Steigende Kapitalmarktzinsen sind zudem für gewöhnlich Gift für Aktien. Sie bedeuten steigende Diskontierungssätze und verringern dadurch den heutigen Wert künftiger Unternehmensgewinne. Zugleich werden Anleihen als Anlagealternative attraktiver, während höhere Finanzierungskosten die Unternehmensgewinne belasten. Aktien bekommen den Zinsanstieg somit gleich von mehreren Seiten zu spüren.
Kaum Korrekturen an den Aktienbörsen
Bislang haben die Aktienmärkte jedoch kaum nachgegeben. Der amerikanische S&P 500 und der Nasdaq Composite Index notieren nahe ihren Rekordständen. Die britische, europäische und japanische Börse liegen Anfang Oktober alle nur etwa 5 Prozent unter ihren Jahreshochs vom Sommer. Nach dem finanzwirtschaftlichen Lehrbuch müsste die Reaktion heftiger ausfallen. Unter der Oberfläche haben Korrekturen allerdings schon stattgefunden. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse an den Börsen sind bereits deutlich gesunken. Anleger zahlen also weniger für jeden Dollar erwarteten Gewinns. An den Börsenbewertungen hat das bisher kaum Spuren hinterlassen, denn höhere Gewinnerwartungen haben die Bewertungen hochgehalten. Mittlerweile ist viel Positives schon eingepreist. Angesichts steigender Kosten dürfte es schwieriger werden, die Gewinnerwartungen weiter nach oben zu schrauben. Werden sie enttäuscht, dürften auch die Aktienkurse unter Druck geraten. Bei vielen Titeln hat der Rückgang längst eingesetzt. Im September überdeckten im S&P 500 allein die starke Entwicklung der grossen Technologiekonzerne die Schwäche der übrigen Aktien.
Andere Opfer?
Die Einschusslöcher könnten allerdings auch ausserhalb der Aktienmärkte liegen. Der Ausverkauf amerikanischer Staatsanleihen – von Finanzminister Scott Bessent als Fieber beschrieben – hat auf der anderen Seite des Atlantiks bereits auf französische Staatsanleihen übergegriffen. Diese steuern auf eine ausgewachsene Krise zu. Der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen hat sich Anfang Oktober deutlich stärker ausgeweitet als bei anderen europäischen Industrieländern. Es wurde der grösste Abstand seit der Eurokrise Ende 2011 erreicht. Mit einer Staatsschuld, die gemäss der Regierung nächstes Jahr auf 122 Prozent des BIP steigen dürfte, und einem aktuellen Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent des BIP ist die fiskalische Glaubwürdigkeit Frankreichs arg angeschlagen. Politische Unsicherheiten im Vorfeld der anstehenden Budgetdebatte und den Präsidentschaftswahlen 2027 lassen die Nervosität weiter steigen.
Sichere Häfen sind wieder gesucht
Die wachsenden Sorgen um Frankreichs Staatsfinanzen entwickeln eine eigene Dynamik und drohen eine neue Eurokrise heraufzubeschwören. Seit Anfang September verlor der Euro gegenüber dem Dollar 3 Prozent an Wert. In den ersten Oktobertagen geriet dann auch der Dollar unter Druck. Schwächere Arbeitsmarktdaten und taubenhafte Kommentare mehrerer Fed-Gouverneure dämpften die Erwartungen auf weitere US-Leitzinserhöhungen. In der Folge suchten viele Anleger Zuflucht im Schweizer Franken. Die Schweizer Währung gewann sowohl gegenüber dem Dollar als auch dem Euro merklich an Wert. Investoren steuern demnach wieder sichere Häfen an. Dies lässt vermuten, dass sich auch die bislang robusten Aktienmärkte nicht auf Dauer den Folgen der Zinsanstiege werden entziehen können.