Ölpreis-Schock: Warum Märkte zittern, aber eine Inflation wie 2022 unwahrscheinlich bleibt

Die Preise für Erdöl und Erdgas sind deutlich gestiegen und haben Inflationsängste geweckt. Die Renditen der Obligationen steigen und die Aktienkurse fallen. Für ein Fass Erdöl der amerikanischen Sorte WTI muss mehr als 100 US-Dollar bezahlt werden. Mitte Februar lag der Preis noch bei 60 US-Dollar. Der aktuelle Preis ist jedoch kein Rekordstand.

Zwischen 2007 und 2008 stieg der Ölpreis von 50 US-Dollar auf 150 US-Dollar, bevor er im Zuge der Finanzkrise auf 35 US-Dollar absackte. Zwischen 2011 und 2014 pendelte der Preis vier Jahre lang um die Marke von 100 US-Dollar. Der letzte starke Anstieg war dann 2021 und 2022 als im Höchst 124 US-Dollar bezahlt werden musste, ausgehend von einem tiefen Stand von 40 US-Dollar.

Wie stark der aktuelle Preisanstieg genau auf die Inflationsraten durchschlägt, lässt sich heute nicht beurteilen. Entscheidend wird sein, wie stark der Erdölpreis noch steigt und wann sich die Lage rund um die Strasse von Hormuz entspannt.

Thomas Stucki, Chief Investment Officer, St.Galler Kantonalbank

Die Inflation in den USA hat jeweils auf starke Preiserhöhungen beim Ölpreis reagiert. 2008 stieg sie auf 5.6% und 2022 auf über 9%, wobei damals der Preisschub bei den Energiepreisen den durch die Lieferkettenprobleme ausgelösten Inflationsschub verstärkte. In der Schweiz ist die Inflationsrate jeweils auch gestiegen, wobei die Höchststände mit 2.9% und 3.4% nicht hoch ausfielen. Wie stark der aktuelle Preisanstieg genau auf die Inflationsraten durchschlägt, lässt sich heute nicht beurteilen. Entscheidend wird sein, wie stark der Erdölpreis noch steigt und wann sich die Lage rund um die Strasse von Hormuz entspannt. Höhere Energiepreise wirken auf verschiedenen Wegen auf die Inflation. Einerseits direkt über die Benzin- und Heizölpreise, andererseits indirekt über höhere Produktionskosten. Der zweite Effekt ist geringer als dies früher der Fall war. Die Energieeffizienz der Produktion vieler Güter hat sich verbessert. Der zunehmende Einsatz erneuerbarer Energien trägt ebenfalls zu einer geringeren Abhängigkeit von Erdöl bei. Hinzu kommt, dass mit einer gewissen Verzögerung die höheren Energiekosten die wirtschaftliche Aktivität beeinträchtigten, was über eine geringere Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen preisdämpfend wirkt. In der Schweiz spielt der Franken eine wichtige Rolle, der in einem Umfeld grosser Unsicherheit teurer wird, was sich über die Importpreise ebenfalls negativ auf den Inflationsdruck auswirkt.

Keine Wiederholung von 2022
Ein Anstieg der Inflationsraten in die Höhen von 2022 ist nicht zu erwarten. Die Lieferprobleme beschränken sich auf die Güter, die im Bereich des Persischen Golfes transportiert werden, allen voran Erdöl und Flüssiges Erdgas. Teurer werden aufgrund des Ausfalls der Drehkreuze am Golf auch die Luftfrachtraten. Um das von den Huthis bedrohte Rote Meer haben die Schiffe jedoch bereits jetzt einen grossen Umweg gemacht. Für die meisten Transportrouten gibt es daher keine zusätzlichen Einschränkungen. Die Preise für Container-Transporte bewegen sich im normalen Bereich der letzten Monate. Die Frachtprobleme bei den Tankern aus dem Nahen Osten sind ein individuelles Ereignis, weshalb sich ihre Auswirkungen auf die Inflation in Grenzen halten werden.

Problem für Trump
Der starke Anstieg des Ölpreises ist nicht nur für die Wirtschaft und die Finanzmärkte, sondern auch für Donald Trump ein Problem. Der durchschnittliche Benzinpreis in den USA nähert sich rasch der Marke von 4 US-Dollar pro Gallone. Diese gilt als psychologisch wichtig für die Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit der amerikanischen Konsumenten und Wähler. Deswegen wird Trump den Krieg mit dem Iran nicht morgen beenden. Aber er wird versuchen, die Auswirkungen auf den Ölpreis zu begrenzen. Die Inder dürfen beispielsweise wieder russisches Öl kaufen. Trump erwägt auch, einen Teil der Strategischen Ölreserven freizugeben, wie das Biden 2022 auch getan hat. Ob dies den Ölpreis senkt, ist fraglich, da gerade in den USA die Versorgung mit Öl und Benzin nicht eingeschränkt ist. Lassen wir uns überraschen, was Trump sonst noch alles einfällt, um den Druck auf den Erdölpreis zu verringern.