Aufholjagd der europäischen Aktien – aber was kommt danach?

Europa befindet sich in einer Krise. Zu viele Jahre des schwachen Wachstums, das häufig von der Verarmung der Mittelschicht geprägt war, sowie die Anhäufung von Normen und Auflagen, die seine Wettbewerbsfähigkeit einschränken, haben es in diese Lage gebracht.

Innovation findet hauptsächlich anderswo statt, die Automobilindustrie blutet aus, die Landwirte sterben aus. Die Energiekosten sind ein Klotz am Bein unserer Industrie und der Kaufkraft der Haushalte. Die traditionellen politischen Parteien verlieren eine nach der anderen die Macht zugunsten von Parteien, die eine andere Migrations-, Sicherheits- und Handelspolitik vertreten. Europa fehlt es heute an wirtschaftlicher Vision, an Willen und an Lust. Mario Draghis Credo «investieren oder sterben» hat kein Echo gefunden, die europäische Governance ist wie eingefroren. Der europäische Aktienmarkt ist damit logischerweise weit hinter dem US-Markt zurückgeblieben, aber es gibt einige gute Nachrichten für europäische Aktien.

Damit seine erwartete Aufholjagd an der Börse kein leeres Strohfeuer bleibt, muss die Europäische Union rasch entschiedene und pragmatische Ziele setzen, die dem Wachstum und seiner Finanzierung förderlich sind.

Frederic Leroux, Fund Manager, Carmignac

Zum einen scheint es, dass die europäische Depression von den Märkten in den Aktienbewertungen gut eingepreist ist. Das 12-Monats-Kurs-Gewinn-Verhältnis des Stoxx600-Index beträgt das 14-fache, während das des amerikanischen Standard and Poor's 500-Index das 23-fache und das des Nasdaq-Index das 29-fache beträgt. Die derzeitige transatlantische Bewertungslücke ist im historischen Vergleich auf einem sehr hohen Niveau. Brancheninterne Vergleiche zwischen Unternehmen, die in Bezug auf ihre Leistungen und Aussichten vergleichbar sind, verdeutlichen diesen Unterschied. In der Luftfahrtindustrie handelt Safran mit einem Preisnachlass von 20% gegenüber General Electric, wie die dänische Novo Nordisk gegenüber der amerikanischen Eli Lilly im Pharmasektor. Im Bereich der Konsumgüter des täglichen Bedarfs ist die englische Reckitt Benckiser gegenüber der amerikanischen Colgate Palmolive um 40% unterbewertet! Natürlich lässt sich ein Teil der beobachteten Unterbewertungen strukturell durch deutliche Unterschiede zwischen den beiden Ökosystemen rechtfertigen, aber die Übertreibung ist offenkundig. Die zweite gute Nachricht könnte durchaus als Katalysator für die erwartete Aufholjagd an den Börsen fungieren.

Dies zweite gute Nachricht für die europäische Wirtschaft und die europäischen Märkte ist die Wahl von Donald Trump, die in mancher Hinsicht angstbesetzt ist, aber auch unerwartete Möglichkeiten mit sich bringt, die der europäischen Wirtschaft und den europäischen Unternehmen zugute kommen dürften. Diese Aussage wird von vielen von uns wahrscheinlich als schockierend empfunden, da wir alle in den letzten Monaten die Auswirkungen eines bedrückenden «Trump-Bashing» zu spüren bekommen haben. Die Erfahrungen mit Trumps erster Amtszeit als Präsident lehren uns jedoch, dass wir uns nicht auf seine Worte oder Ausfälle konzentrieren sollten – die meist im Zusammenhang mit laufenden oder bevorstehenden Verhandlungen stehen –, sondern vielmehr auf seine Handlungen, die auf rein wirtschaftlicher Ebene in der Regel vernünftig sind. Ein Beispiel: Die Erhöhung der Zölle gegen Europa ist unserer Meinung nach eher eine Drohung als eine nackte Realität. Sie ist ein Manöver, mit dem Europa gezwungen werden soll, seinen Anteil an der Finanzierung seiner eigenen Verteidigung zu übernehmen, was sich im Übrigen nachhaltig positiv auf seine Verteidigungsindustrie auswirken kann. Die US-Wahl bringt drei weitere potenzielle positive Faktoren mit sich. Der erste könnte eine schnelle Lösung des Konflikts in der Ukraine sein. Die Bedingungen einer solchen Lösung mögen nicht mit den europäischen Erwartungen übereinstimmen, aber sie würde langfristig die Energierechnung senken, europäischen Unternehmen grosse Infrastrukturaufträge verschaffen, die Rückkehr russischer Touristen fördern und die derzeitige geopolitische Lage entspannen. Der zweite Faktor bezieht sich auf die Kampfwirtschaft, die Trump zu errichten verspricht. Trumps Welthandel wird China dazu zwingen, seinen Konsum zu steigern, um den Rückgang seiner Exporte in die USA auszugleichen, der durch die Erhöhung der US-Zollschranken gegen chinesische Importe verursacht wurde.

Von einem stärkeren Wachstum in China, das vor allem vom Konsum angetrieben wird, würden auch die europäischen Exporteure profitieren, die in letzter Zeit unter der schwächelnden chinesischen Nachfrage gelitten haben. Der dritte positive Faktor ist schliesslich Donald Trumps Wille zu einer starken Unterstützung des US-Wachstums. Denn ein Grossteil der geplanten Massnahmen wie die Reduzierung der Einwanderung und die Erhöhung der Zollschranken sind inflationär, insbesondere im amerikanischen Kontext der Beinahe-Vollbeschäftigung. Die von Elon Musk angestossenen Massnahmen für eine kostengünstigere und effizientere Verwaltung werden diesen Inflationsdruck zwar verringern können, aber mit einer zeitlichen Verzögerung. Langfristig wird diese amerikanische Inflation die Investitionsströme aus den USA in den Rest der Welt, einschliesslich Europa, lenken und gleichzeitig den Dollar abwerten, was der Bewertung von nicht-amerikanischen Vermögenswerten Zugute kommt.

So sind die sich verändernden wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse für Europa wahrscheinlich gar nicht so negativ. Damit seine erwartete Aufholjagd an der Börse jedoch nicht nur ein leeres Strohfeuer bleibt, muss die Europäische Union rasch entschiedene und pragmatische Ziele setzen, die dem Wachstum und seiner Finanzierung förderlich sind. Die wirtschaftliche Aggressivität der USA wird einen wichtigen Anreiz für diese notwendige Metamorphose darstellen, aber ist sie noch möglich? Wie lange wird es dauern, bis eine realistische Energiepolitik entsteht? Ist ein grosses Investitionsprogramm zur Förderung von Innovationen, das durch eine gemeinsame Verschuldung finanziert wird, heute überhaupt noch denkbar? Ist das «Koste es, was es wolle» oder seine «Watever it takes»-Version nur dann anwendbar, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht? Die einzigen aussichtslosen Kämpfe sind die, die man nicht beginnt.

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