Kryptowährungen: Ein Gesellschaftsexperiment auf eigene Rechnung

An kaum einem anderen Thema der Finanzindustrie ist die Kluft zwischen Selbstwahrnehmung und Realität so grotesk wie bei Kryptowährungen. Während ihre Anhänger sie als Befreiungsschlag gegen das «alte System» feiern, sehen Kritiker vor allem ein ökonomisches Experiment, dessen grösster Erfolg bislang darin besteht, Zweifel als Ignoranz umzudeuten. Im Zentrum dieses Glaubenssystems steht der Bitcoin – nicht als funktionierendes Zahlungsmittel, sondern als Symbol, Projektionsfläche und Rechtfertigung zugleich.

Die Entstehungsgeschichte von Bitcoin ist bezeichnend. Ein anonymer Schöpfer, angeblich ein visionäres Genie, entzieht sich bis heute jeder Verantwortung. Was als Mythos verklärt wird, ist in Wahrheit ein struktureller Vorteil: Niemand haftet, niemand erklärt sich, niemand korrigiert. Anonymität ist hier kein Makel, sondern die stabilste Säule des gesamten Konstrukts. Seither ist eine unüberschaubare Zahl an Kryptowährungen entstanden – tausende Projekte, die sich in ihren Versprechen gleichen und in ihrer Bedeutungslosigkeit gegenseitig übertreffen. Die meisten existieren nur so lange, wie sich frisches Kapital findet. Danach verschwinden sie geräuschlos, oft begleitet vom ebenso lautlosen Verlust der Ersparnisse naiver Investoren. Die globalen Schäden gehen in die Milliarden. Wer davon profitiert, bleibt meist unklar. Was bleibt, ist ein Markt, in dem Verluste als persönliches Versagen gelten und Gewinne als Beweis moralischer Überlegenheit.

Was als Mythos verklärt wird, ist in Wahrheit ein struktureller Vorteil: Niemand haftet, niemand erklärt sich, niemand korrigiert.

Reto Giudicetti, The Onliner

Der erklärte Zweck von Kryptowährungen ist ein bargeldloser Zahlungsverkehr ohne Banken, ohne staatliche Aufsicht und ohne institutionelle Kontrolle. Dass ein solches System vor allem jene anzieht, die Regeln grundsätzlich als Zumutung empfinden, ist kein Zufall. Entsprechend finden sich unter den lautesten Befürwortern Verschwörungstheoretiker, Technikgläubige, libertäre Ideologen und Akteure, für die Regulierung vor allem eines ist: ein lästiges Hindernis. Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Zweifel gelten als Zeichen mangelnder Intelligenz, nicht als berechtigte Frage. Gerne wird darauf verwiesen, dass sich auch seriöse Investoren und etablierte Finanzinstitute mit Kryptowährungen beschäftigen. Das ist richtig – aber irreführend. Diese beobachten, testen und sichern sich ab. Man beteiligt sich vorsichtig, mit klar begrenztem Risiko. Begeisterung sieht anders aus. Wer genau hinschaut, erkennt vor allem professionelle Distanz und das stille Kalkül, im Zweifel lieber dabei zu sein als überrascht zu werden.

Bitcoin selbst zeigt exemplarisch, was dieses Marktsegment auszeichnet: extreme Volatilität bei gleichzeitig erstaunlicher Realitätsresistenz seiner Anhänger. Nach einem Höchststand von rund 110'000 Franken im Oktober 2025 liegt der Kurs heute rund 50 Prozent tiefer. In jedem anderen Anlagekontext wäre das ein ernstzunehmendes Warnsignal. In der Krypto-Welt gilt diese Entwicklung als «gesunde Korrektur». Der angeblich faire Wert wird weiterhin bei 80'000 Franken verortet – nicht auf Basis nachvollziehbarer Modelle, sondern aus reiner Überzeugung. Es könnten ebenso gut 20'000 Franken sein. Oder ein Container voller Schweinbauchhälften. Der Unterschied ist für die Argumentation irrelevant. Der Kursverfall hält die überzeugtesten Anhänger nicht davon ab, weiterhin von baldigen, erneuten Kursexplosionen zu phantasieren. Man hofft einfach auf neue Investoren, die ebenfalls auf den schnellen Gewinn schielen. Dieses Prinzip wird als Marktdynamik etikettiert, obwohl es auffällig bekannt wirkt. Was in den Köpfen dieser Investoren vorgeht, ist weniger eine Frage der Finanzökonomie als der Psychologie. Rationalität gilt als Bremse, Skepsis als Charakterschwäche.

Wer in diesem Umfeld Regulierung fordert – also Transparenz, Aufsicht und Schutz vor Betrug –, wird reflexartig als Fortschrittsfeind diffamiert. Freiheit wird hier konsequent mit Regellosigkeit verwechselt. Dass funktionierende Märkte Regeln benötigen, wird ignoriert. Verantwortung gilt als etwas, das man möglichst dezentralisiert, bis es vollständig verschwindet. Am Ende bleibt ein Markt, der sich revolutionär gibt, aber nach altbekannten Mustern funktioniert: Gewinne werden privatisiert, Verluste individualisiert, Verantwortung ignoriert. Kryptowährungen sind deshalb weniger ein technologischer Durchbruch als ein gesellschaftliches Experiment mit offenem Ausgang – und einer hohen Rechnung. Bezahlen werden sie jene, die zu spät erkennen, dass Freiheit ohne Haftung vor allem eines bedeutet: alleine dazustehen, wenn das investierte Kapital verbrannt ist.

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