Schuldenkönig Schweiz: Warum die weltweit höchsten Schulden ein Zeichen von Stärke sind
Nirgends auf der Welt sind die Privathaushalte so hoch verschuldet wie in der Schweiz. Doch statt ein Alarmsignal zu sein, spiegeln die Rekordschulden eher die ausserordentliche Wirtschaftsleistung der Schweizer wider.
Die Welt ächzt unter immer höheren Schulden. Mehr als 250 Billionen US-Dollar beträgt der globale Schuldenberg mittlerweile, was einem historischen Höchststand entspricht. Die Schweiz ist dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil: Die Schweiz weist die weltweit höchste Schuldenquote unter den Privathaushalten vor. Dies muss aber nicht zwangsläufig ein Warnsignal sein, denn hohe Schulden können auch als Qualitätsmerkmal verstanden werden, da sie oftmals eine hohe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gute institutionelle Rahmenbedingungen spiegeln. Nur wer langfristig über stabile Einnahmen verfügt, wird seine Schulden in der Zukunft bedienen können.
Julian Marx, Research Analyst, Flossbach von StorchMit einer Schuldenquote von 125 Prozent des BIP weist die Schweiz die weltweit höchste Verschuldung unter den Privathaushalten auf.
Dass hohe Schulden nicht zwangsläufig in die Zahlungsunfähigkeit führen, zeigt sich schon auf der Ebene der Staaten. Rekordhohe Verschuldung ist längst die Regel: Die USA stehen bei 124 Prozent des BIP und Japan gar bei über 200 Prozent – dem höchsten Wert weltweit. Auch in Europa gehören Schuldenquoten jenseits 100 Prozent des BIP mittlerweile zum guten Ton, so zum Beispiel in Frankreich, Italien oder Grossbritannien. Dennoch hält das Vertrauen seitens der Finanzinvestoren in Staatsanleihen weiter an. Eine Staatspleite kann sich schlicht niemand leisten, zu gross wären die wirtschaftlichen Konsequenzen. Zudem können Notenbanken im Krisenfall Staatsanleihen aufkaufen und so die Zinslast begrenzen. Entscheidend ist damit nicht die absolute Höhe der Schulden, sondern ob ein Staat sie glaubwürdig bedienen kann. Dieses Prinzip gilt gleichermassen auch für Privathaushalte.
Schulden als Gütesiegel
Mit einer Schuldenquote von 125 Prozent des BIP weist die Schweiz die weltweit höchste Verschuldung unter den Privathaushalten auf. Die Pro-Kopf-Verschuldung beträgt im Alpenland 130'000 US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschland kommt auf eine Pro-Kopf-Verschuldung von gerade einmal rund 28’000 US-Dollar, in Paraguay sind es nicht einmal 500 US-Dollar. Gleichzeitig verfügt die Schweiz aber auch über eine extrem leistungsfähige Volkswirtschaft und gehört mit einem BIP pro Kopf von knapp 110'000 US-Dollar zu den führenden Wirtschaftsnationen. Aber nicht nur die Einkommenssituation spricht für eine gesunde Schuldentragfähigkeit der Schweizer Haushalte. Zudem stehen den Schulden werthaltige Vermögen gegenüber. Bei mehr als 90 Prozent der Schweizer Haushaltsschulden handelt es sich schliesslich um Immobilienkredite. Und dass die Schweizer Schulden im internationalen Vergleich derart hoch ausfallen, hat sicherlich auch mit der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Baukreditzinsen zu tun: So ist von zehn Hauseigentümern in der Schweiz in der Regel nur einer schuldenfrei. Eine im internationalen Vergleich aussergewöhnlich niedrige Quote.
Warum niedrige Schulden von schwacher Wirtschaft zeugen
Im Gegensatz dazu gehören die Privathaushalte Pakistans zu den am niedrigsten verschuldeten der Welt. Dort lagen die Haushaltsschulden im Jahr 2024 bei gerade einmal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dass die Schuldenquote derart niedrig ist, hat jedoch ernste Hintergründe und zeugt eher von Herausforderungen als einer gesunden Wirtschaft. Rund die Hälfte der Staatseinnahmen muss für Zinskosten aufgewendet werden, die Alphabetisierungsrate beträgt bei Männern nur knapp 70 Prozent – bei Frauen sogar weniger als 50 Prozent – und das BIP pro Kopf Pakistans lag im vergangenen Jahr bei mageren 1'700 US-Dollar, was weniger als 3 Prozent des deutschen und knapp 1.5 Prozent des Schweizer BIP pro Kopf entspricht. Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen zudem davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Arbeitnehmer in informellen Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Doch ohne sichere Einkünfte fehlt den allermeisten Menschen in Pakistan die Grundlage, um überhaupt als kreditwürdig eingestuft werden zu können. Die niedrigen Haushaltsschulden Pakistans sind daher zuallererst der prekären wirtschaftlichen Situation im Land geschuldet. Im Vergleich dazu steht die Welt in der mehr als 5’000 Kilometern entfernten Schweiz auf dem Kopf. Die Extrembeispiele der pakistanischen und Schweizer Haushalte zeigen, wie schwer es ist, allgemeingültige «Schuldenobergrenzen» zu definieren. Im Fall der Schweiz sind theoretisch sogar noch höhere Schuldenquoten bei den Privathaushalten denkbar. Denn nach Angaben des Schweizer Bundesamts für Wohnungswesen werden im Alpenland gerade einmal 36 Prozent aller dauernd bewohnten Wohnungen von ihren Eigentümern selbst bewohnt, was der niedrigsten Eigentumsquote unter allen europäischen Ländern entspricht. Für die pakistanischen Haushalte sind deutlich höhere Schuldenquoten hingegen kaum vorstellbar. Dafür bräuchte es zunächst spürbare Verbesserungen der prekären wirtschaftlichen Situation.