Investieren Sie nicht blindlings in China

Der weltweite Aufschwung lässt im kommenden Jahr vermutlich nach und liegt hinter dem von 2021 sowie den Erwartungen der Investoren. Ausserdem dürfte die Entwicklung in den einzelnen Regionen unterschiedlich verlaufen. Selektivität und Flexibilität nehmen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle ein.

2021 war das Jahr der Wiedereröffnung der Wirtschaft. Gross angelegte Impfkampagnen, Hilfspakete von Regierungen sowie geldpolitische Unterstützung durch Währungshüter trugen dazu in erster Linie bei. Im kommenden Jahr könnte das Wachstumstempo allerdings abnehmen und hinter den derzeitigen Prognosen liegen. Die Wirtschaftsentwicklung der Regionen weicht möglicherweise auch künftig voneinander ab. Der Grund? Das ist hauptsächlich auf die Verschiedenartigkeit der Wirtschaftspolitik weltweit zurückzuführen.

Die Politik der USA und die Chinas sind diametral entgegengesetzt und ein perfektes Beispiel für diese nicht aufeinander abgestimmte Weltwirtschaft. Washington legte gross angelegte Unterstützungspläne mit Schwerpunkt auf Sozialtransfers auf, um die Auswirkungen der Krise abzumildern. Peking beschloss dagegen, sich auf den Schuldenabbau und die Dekarbonisierung der chinesischen Wirtschaft zu konzentrieren und die Vorschriften für Grosskonzerne zu verschärfen.

Nach einer Periode, in der sich die Finanzmärkte nur in eine Richtung entwickelten, könnte das Stock-Picking wieder der beste Weg sein, um Performance zu erzielen.

David Older, Leiter des Aktienteams, Carmignac

Im Euroraum dürfte sich die Entwicklung noch anders gestalten. Die Konjunkturerholung ist bisher im Vergleich zu den USA bescheiden ausgefallen. Die Region könnte dennoch ein widerstandsfähigeres Wachstumsprofil aufweisen, da das Konjunkturpaket «NextGenerationEU» verabschiedet wurde. Ziel ist es, den Aufschwung dauerhaft zu sichern und den Mitgliedstaaten bei der Energiewende und dem digitalen Wandel unter die Arme zu greifen.

Zu diesen Unterschieden kommt hinzu, dass die Inflation länger als erwartet anhalten kann. Der weltweite Preisanstieg lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Der Mangel an Halbleitern, die hohe Auslastung der Transportkapazitäten im See- und Strassenverkehr sowie die fehlenden Arbeitskräfte im Baugewerbe und im Dienstleistungsbereich behindern die Produktion der Unternehmen. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise, die auf eine besonders starke Nachfrage zurückzuführen sind, sowie geopolitische Spannungen und klimatische Faktoren (Dürren, Wirbelstürme usw.) treiben die Inflation ebenfalls an.

Im Hinblick auf Investitionsentscheidungen lädt ein solches Umfeld zum Nachdenken ein. Nach einer Periode, in der sich die Finanzmärkte nur in eine Richtung entwickelten, könnte das Stock-Picking wieder der beste Weg sein, um Performance zu erzielen. Diese Strategie zahlt sich vor allem dann aus, wenn sich der Wirtschaftszyklus dreht. Angesichts der immer noch sehr niedrigen Zinssätze und eines Inflationsanstiegs sollten sich die Anleger daher vor allem Aktien zuwenden, um höhere Renditen zu erzielen.

China bleibt zwar eine wichtige Wachstumsquelle für die kommenden Jahrzehnte, doch sind Investitionen in diesem Land nach wie vor komplizierter als anderswo.

David Older

Das Nachlassen des globalen Aufschwungs könnte die sogenannten Growth-Aktien begünstigen. Dabei handelt es sich um Unternehmen, von denen man ein starkes Geschäftswachstum erwartet bzw. die eine hohe Gewinnwahrscheinlichkeit aufweisen. Und Firmen werden ebenfalls gefragt sein, die trotz der Inflation in der Lage sind, Gewinnspannen zu erhalten, obwohl sie die Verkaufspreise wegen steigender Kosten (Rohstoffe, Löhne, Mieten, Transport usw.) erhöht haben. Darüber hinaus sind aufgrund der Pandemie neue Marktführer entstanden, die bestimmte Trends verstärkt haben: Online-Einkauf und -Zahlungen, Lebensmittellieferungen, Arbeiten im Homeoffice. All diese Dinge gab es schon vorher, aber die Pandemie hat ihre Einführung beschleunigt, und zwar nachhaltig.

Neben Aktien könnte sich ein selektiverer Ansatz auch in den Segmenten der Anleihemärkte auszahlen, die noch Renditen bieten – die Märkte, an denen Unternehmens- und Staatsanleihen gehandelt werden, um sich gegen Zinszahlungen zu finanzieren. Dies könnte bei Unternehmensanleihen der Fall sein, die weiterhin von der Wiedereröffnung der Weltwirtschaft profitieren dürften. Gleiches trifft auch auf Anleihen von Unternehmen zu, die mit dem Energiesektor verbunden sind.

Wie sieht es in China aus? Die Verschärfung der Vorschriften, mit denen zahlreiche Exzesse (marktbeherrschende Stellungen, Ungleichheiten, Verschuldung) in bestimmten Segmenten der chinesischen Wirtschaft korrigiert werden sollen, hat die Ängste ausländischer Investoren geschürt. China bleibt zwar eine wichtige Wachstumsquelle für die kommenden Jahrzehnte, doch sind Investitionen in diesem Land nach wie vor komplizierter als anderswo. Es geht nicht darum, blindlings zu investieren, denn es gibt viele Probleme, die zu vermeiden sind. Daher muss man bei der Auswahl der Anlagen äusserst selektiv vorgehen und ein aktives Management nutzen, um nicht von der Entwicklung der Börsenindizes abhängig zu sein.