Die KI-Revolution frisst ihre ersten Spekulanten

Der Absturz eines KI-Hedgefonds macht deutlich: Eine richtige Technologieprognose ist noch keine Garantie für eine gute Investition.

Jede Börseneuphorie erreicht den Punkt, an dem aus einer guten Geschichte eine Glaubensfrage wird. Zunächst gibt es die Verheissung, dann fliesst das Kapital und schliesslich wird der Hebel eingesetzt. Irgendwann fragt der Markt: Wer verdient damit nachhaltig Geld?

Der Nutzen von KI kann enorm sein, stellt sich aber nicht so schnell ein, wie Börsenkurse ihn vorwegnehmen.

Bernhard Schmitt, Leiter Equity & Multi Manager Management, Liechtensteinische Landesbank LLB

Der Fall Leopold Aschenbrenner liefert ein Lehrstück dazu. Der ehemalige OpenAI-Forscher gründete 2024 den Hedgefonds Situational Awareness und setzte auf Halbleiter, Rechenzentren und Energie. Fremdkapital verstärkte die Wetten. Bis Ende Juni 2026 wies der Fonds laut Medienberichten 439 Prozent Nettorendite aus. Was zuvor die Gewinne beschleunigt hatte, beschleunigte nun die Verluste. Es mussten Positionen verkauft, Risiken abgebaut und neues Kapital gesucht werden. Aus dem Star der Hausse wurde ein Symbol dafür, wie dünn die Luft über hohen Bewertungen werden kann.

Vier Daumenregeln durch den KI-Boom
Das ist keine Randepisode. Der Fall legt die Architektur des KI-Booms offen – und hält vier Lehren für Anleger bereit.

  • Die Produktivität hinkt der Fantasie hinterher. Neue Technologien verbreiten sich schnell. Unternehmen brauchen jedoch Zeit, um Prozesse und Produkte anzupassen. Der Nutzen von KI kann enorm sein, stellt sich aber nicht so schnell ein, wie Börsenkurse ihn vorwegnehmen.
  • Blasen platzen nicht, weil die Technologie wertlos wird. Gerade echte Revolutionen ziehen oft zu viel Kapital an. Meist gerät zuerst die Finanzierung ins Wanken. Nvidia, Google und andere Hyperscaler, Rechenzentrumsbetreiber, Private-Credit-Fonds und KI-Start-ups sind über Beteiligungen, Kredite, Leasingmodelle und Garantien verbunden. Der Chiphersteller beteiligt sich am Kunden, der Kunde bestellt Chips, Finanzinvestoren stellen das Kapital bereit. Solange Nachfrage und Finanzierung wachsen, trägt sich der Kreislauf. Stockt der Kapitalfluss, kann eine Kettenreaktion folgen.
  • Fremdkapital kann aus Euphorie ein Systemrisiko machen. Werden Rechenzentren, Chips und Beteiligungen zunehmend mit Schulden finanziert, drohen Refinanzierungsengpässe, Zwangsverkäufe und Ansteckungseffekte. Für Anleger ist der Einsatz von Krediten, Garantien und Private Capital deshalb wichtiger als manche tägliche Kursbewegung.
  • Die grössten Gewinner einer Basistechnologie sind nicht immer ihre Hersteller. Eisenbahn und Internet veränderten die Welt. Trotzdem verloren Anleger in den Boomphasen viel Geld. Technologie und Investmentthese sind nicht dasselbe. Dauerhafte Renditen entstehen oft dort, wo Unternehmen eine neue Technologie produktiv einsetzen.

Die nächste Phase gehört den Anwendern
Damit rücken profitable Softwareanbieter mit wiederkehrenden Erlösen, hoher Kapitalrendite und tiefen Kundenbeziehungen in den Blick. Sie können KI in bestehende Produkte integrieren, Abläufe automatisieren und den Wert pro Kunde steigern, ohne Milliarden in Rechenzentren zu investieren. Entscheidend sind eigene Daten, ein etablierter Vertrieb und fest in Kundenprozessen verankerte Produkte. Nicht jedes Softwarehaus wird gewinnen. Manche Angebote werden austauschbar, andere könnten verschwinden. Entscheidend ist die Trennlinie zwischen einem KI-Etikett und einem Anbieter, dessen Kunden für nachweisbaren Mehrwert bezahlen. Anleger sollten sich fragen: Steigert KI bereits Umsatz oder Marge? Zahlen Kunden für neue Funktionen? Bleiben die Investitionen im Verhältnis zum Cashflow tragbar? Besitzt das Unternehmen Daten, Kundenzugang oder Preissetzungsmacht, die sich nicht leicht kopieren lassen? Die Konsequenz lautet nicht: Raus aus KI. Sie lautet: Raus aus der Gleichsetzung von KI mit jedem KI-Trade. Die erste Phase gehörte den Erbauern der Infrastruktur. In der nächsten entscheidet sich, wer sie profitabel nutzt. An der Börse dürfte weniger das Versprechen zählen als der Beweis.

Hauptbildnachweis: Freepik