Raketen, Satelliten, Renditen: Das Geschäft mit dem Weltall
Das Weltall fasziniert seit Menschengedenken. Zudem sind viele alltägliche Tätigkeiten ohne Unterstützung aus dem Orbit mittlerweile nicht mehr vorstellbar: Von GPS über Wettervorhersagen bis hin zu satellitengebundenem Internet. Die einst staatlich geprägte Raumfahrt wird zunehmend privatisiert. Bahnbrechende Innovationen haben die Kosten stark gesenkt. Der zunehmend kosteneffiziente Zugang zum All eröffnet neue Geschäftsmodelle. Interessierte Anlegerinnen und Anleger können gezielt in ein Ökosystem von Firmen investieren und so am aktuellen Weltraum-Boom partizipieren.
Im frühen Mesopotamien wurden Mond und Sonne als Gottheiten verehrt – der Stand des Mondes galt als wichtiges Omen kommender Ereignisse. Die Gestirne hatten aber stets auch einen irdischen Nutzen. Sowohl die Zeitrechnung als auch die frühe Navigation waren ohne Astronomie undenkbar. Mittlerweile unterstützen Geodaten Millionen von Menschen täglich bei der Autofahrt, ermöglichen Fahrdienste wie Uber oder erlauben es, das gemietete E-Trottinett bequem am Zielort zu deponieren. Satelliten unterstützen die Überwachung des Klimas, Wettervorhersagen, Landvermessungen, Kommunikation und Forschung. Militärisch überwachen sie unter anderem Abrüstungsabkommen, kommunizieren mit Drohnen und liefern zentrale Aufklärungsdaten.
Thomas Rühl, Chief Investment Officer, Schwyzer KantonalbankWer als erstes die lukrativsten Plätze auf Mond & Co. besetzt, ist im Vorteil.
Der Weltraumforschung verdanken wir nebst unzähligen technologischen Innovationen auch viele Erfindungen des irdischen Alltags wie beispielsweise den Akku-Bohrer, kratzfeste Brillengläser oder auch das Ohr-Thermometer. Derweil hat die Eroberung des Weltalls erst vor gut 70 Jahren begonnen. Im Jahr 1942 erreichte eine von Wernher von Braun entwickelte Rakete erstmals eine Höhe von 184 Kilometern. Sie gilt als das erste von Menschenhand erschaffene Objekt im Weltall. Während des nachfolgenden «Kalten Krieges» lieferten sich Ost und West ein regelrechtes Wettrennen (Space Race) um die Vorherrschaft im Weltraum. Nach dem ersten sowjetischen Satelliten Sputnik 1 im Jahr 1957 betrat im Jahr 1969 erstmals ein Mensch den Mond. Seit 1998 umkreist die staatenübergreifende internationale Raumstation (ISS) unseren Planeten und beherbergte seither über 280 Menschen.
Thomas RühlDas WEF und die Beratungsfirma McKinsey attestieren der Weltraumwirtschaft ein jährliches Wachstum von 9% bis ins Jahr 2035.
Mit der sich abzeichnenden geopolitischen Fragmentierung und dem damit verbundenen Anspruch auf Einfluss und Ressourcen stellt sich zusehends die Frage, wem der Raum ausserhalb unseres Planeten gehört und wer von diesem wirtschaftlich profitieren darf. Das Weltall gehört niemandem und allen. Der kalte Krieg ist seit über 30 Jahren vorbei. Amerika, die bisherige Hegemonialmacht, ringt mit China um die politische, militärische und wirtschaftliche Deutungshoheit. In dieser fragmentierten Welt bietet das Weltall neuen Raum, den eigenen Vormachtanspruch zu festigen. Es verfügt über grenzenlose Rohstoffvorkommen, eröffnet eine neue Flanke, um gegnerische Länder zu beobachten, ihre Daten abzuschöpfen und sie notfalls zu bekämpfen. Um die menschlichen Aktivitäten völkerrechtlich zu regeln, wurden verschiedene Verträge aufgesetzt. Gemäss dem UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums (COPUOS) gehört das Weltall niemandem. Die gemeinhin als «Weltraumvertrag» (OST) bekannte Übereinkunft aus dem Jahr 1967 ist der erste von fünf Verträgen, welche den Kern des internationalen Weltraumrechts darstellen. Das Regelwerk besagt unter anderem, dass jeder Staat zivile Raumfahrt und Forschung betreiben darf und keine natürlichen Himmelskörper exklusiv von einzelnen Staaten besetzt werden dürfen. Das «Mondabkommen» aus dem Jahr 1979 erklärt sowohl den Mond als auch dessen Ressourcen zum gemeinsamen Erbe der Menschheit. Der Mondvertrag wurde nur von einzelnen Staaten ratifiziert, da schon damals das schlummernde wirtschaftliche Potential erkannt wurde. Auf dieser Basis wurden in über 40 Staaten nationale Weltraumgesetze erlassen. Mit dem «U.S. Commercial Space Launch Competitiveness Act» aus dem Jahr 2015 verfügen die USA über eine der weitreichendsten nationalen Gesetzgebungen. Das Gesetz soll private Investitionen und Unternehmen fördern und gewährt US-Bürgern und Unternehmern explizit das Recht, im Weltraum gewonnene Ressourcen zu besitzen und wirtschaftlich zu nutzen. Rechtlich gesehen kann also niemand Mondgrundstücke kaufen, wohl aber allfällige Rohstoffe abbauen und sich zumindest das Eigentum daran sichern. Wer als erstes die lukrativsten Plätze auf Mond & Co. besetzt, ist somit im Vorteil.
Privatwirtschaft auf dem Vormarsch
Lange Zeit war die Raumfahrt von staatlichen Akteuren dominiert. Die enormen Kosten bei gleichzeitiger Abhängigkeit von staatlichen Aufträgen schreckte private Unternehmen ab. Neue Technologien und eine investorenfreundliche Gesetzgebung haben dies nun verändert. Staatlich finanzierte Projekte bleiben zwar weiterhin das Rückgrat der Raumfahrt, doch der private Raumfahrtumsatz übersteigt mittlerweile die Budgets der grossen Raumfahrtnationen. Unternehmen wie SpaceX, Blue Origin, Rocket-Lab oder auch Viasat sind bekannte Vertreter dieser «New Space Economy». Die Dragon 2 Kapseln von SpaceX sind mittlerweile das wichtigste Transportmittel zur internationalen Raumstation (ISS). Der breite Einzug der Privatwirtschaft hat zu einem enormen Effizienzschub in der traditionellen Raumfahrt geführt. Insbesondere wiederverwendbare Raketenteile sorgen für eine drastische Senkung der Frachtkosten. Noch im Jahr 2000 mussten 45'000 US-Dollar bezahlt werden, um ein Kilogramm Fracht via Space Shuttle in den niedrigen Erdorbit (LEO) zu befördern. Mit den neuen Falcon Raketen von SpaceX ist dies heute mit weniger als 2'000 US-Dollar möglich. Gemäss Schätzungen soll der Frachtpreis künftig durch den Einsatz noch grösser Raketen nochmals deutlich fallen.
GPS, Glonass, Galileo und BeiDou
Was bei der Satellitennavigation bereits Realität ist, dürfte sich in anderen Bereichen wiederholen: Geopolitische Rivalitäten und die Angst vor Abhängigkeiten führen dazu, dass zentrale und kritische Systeme mehrfach aufgebaut werden. Neuestes Beispiel hierfür ist Starlink. Der US-Gigant bietet unzensiertes Internet via Satellit. Dieser Service kann aber auch für politische Interessen missbraucht werden. In der Ukraine lässt sich beobachten, welche Macht damit einhergeht. Die Europäische Union, China wie auch Russland planen daher eigene Systeme. Wie ein Damoklesschwert schwebt Starlink auch über der Telekombranche. Dank neuer Satelliten und Handyantennen möchte das Unternehmen seine Satelliten künftig direkt mit modernen Mobiltelefonen verbinden (D2C). In den USA kaufte Starlink im Oktober 2026 bereits entsprechende Funklizenzen. Als Schutzmassnahme für die heimische Industrie plant die Europäische Union, entsprechende Funklizenzen mehrheitlich an heimische Anbieter zu veräussern, bis ein eigenes Satellitennetzwerk zur Verfügung steht. Die Zeichen stehen dank privaten und öffentlichen Investitionen auf Wachstum. Das WEF und die Beratungsfirma McKinsey attestieren der Weltraumwirtschaft ein jährliches Wachstum von 9% bis ins Jahr 2035.
Was bringt die Zukunft?
Tiefere Frachtkosten ermöglichen neue und wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle. Gleichzeitig drängen Staaten wie China oder Indien immer stärker ins Weltall. Aktuell existieren mehr als 15'000 aktive Satelliten – Prognosen rechnen mit 150'000 Satelliten im Jahr 2035. Grossprojekte wie Starlink oder Reflect Orbital setzen auf zehntausende Satelliten. Sie sollen Sonnenlicht in der Nacht oder Satelliten-gestützte Telefongespräche ermöglichen. Um dies logistisch zu ermöglichen, entsteht im US-Bundesstaat Louisiana der grösste Weltraumbahnhof der Welt. Auf 500 Quadratkilometern werden für 100 Milliarden US-Dollar zehn Raketenstart- und Landeplätze gebaut. Von dort sollen pro Jahr tausende Starts durchgeführt werden. Die jüngste Vergangenheit zeigt, dass selbst stark ambitionierte Pläne sehr rasch Realität werden können. Doch nicht nur private Unternehmen hegen ambitionierte Pläne, auch Staaten setzen auf Präsenz im Weltall. So soll gemäss dem Artemis-Programm der NASA ab dem Jahr 2032 eine dauerhafte Präsenz auf dem Mond aufgebaut werden. Hierzu soll bereits Anfang 2028 wieder ein Mensch auf dem Mond landen. Auch für militärische Operationen wird der Weltraum zusehends wichtiger. Der Krieg in der Ukraine verdeutlicht, wie wichtig satellitenbasierte Echtzeit-Aufklärung oder Kommunikation in aktuellen Konflikten geworden ist. Im September 2026 haben die USA zudem erstmalig bestätigt, ein Waffensystem im All installiert zu haben.
Themenbasierte «Space»-ETF
Risikotolerante Anleger können über Aktieninvestitionen an diesem vielversprechenden Trend partizipieren. Als Anleger sollte man sich klar bewusst sein, dass nicht alle der teils höchst ambitionierten Geschäftsmodelle in der Realität erfolgreich sein werden. Ein langer Atem und ein scharfes Auge für zukünftig auftretende Chancen und Risiken ist daher unerlässlich. Um beides besser zu verteilen, bieten sich diversifizierte Themen-ETF an. Eine allzu starke Gewichtung einzelner Titel (bspw. SpaceX) sollte dabei jedoch vermieden werden.