Stabile Preise, steigende Inflation: Der Schweizer Statistik-Effekt

Die Inflation steigt. Die Schweizerische Nationalbank ist deshalb aber nicht automatisch unter Zugzwang. Während die Inflation in den USA und im Euroraum zuletzt über 3% lag, bleibt die Schweiz mit einer Teuerungsrate von 0.8% eine Ausnahme.

In den kommenden Monaten dürfte die Inflation in der Schweiz allerdings ebenfalls steigen und im Herbst wieder über 1% klettern. Das kann leicht als neue Teuerungswelle interpretiert werden. Ein wesentlicher Teil des Anstiegs ist jedoch statistischer Natur.

In den kommenden Monaten dürfte die Inflation in der Schweiz steigen und im Herbst wieder über 1% klettern.

Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse, St.Galler Kantonalbank

Der Grund liegt in der tiefen Vergleichsbasis aus dem vergangenen Jahr. Im Herbst 2025 war die Inflation in der Schweiz praktisch bei null angekommen. Zwischen Oktober und Dezember lag die Jahresteuerung zwischen 0.0% und 0.1%. Diese tiefen Werte bilden nun die Vergleichsbasis für den kommenden Herbst. Der Mechanismus dahinter ist einfach. Die Jahresteuerung misst nicht das absolute Preisniveau, sondern den Abstand zum Preisniveau von vor zwölf Monaten. War dieses Vorjahresniveau sehr tief, genügt bereits eine moderate Preisentwicklung, damit die ausgewiesene Teuerungsrate steigt. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Preise nun weitgehend stabil bleiben, steigt die Jahresinflation deshalb weiter an.

Der Preisdruck nimmt zu, bleibt aber moderat
Der jüngste Anstieg der Inflationsrate ist allerdings nicht rein statistisch. Die Inflation lag im August mit 0.8% über den Erwartungen. Höhere Energiepreise und der zuletzt schwächere Franken, der Importe verteuert, haben den kurzfristigen Preisdruck verstärkt. Damit hat auch der allgemeine Preisdruck etwas zugenommen. Entscheidend ist, ob er sich verbreitert. Solange die höheren Kosten nicht verstärkt auf Dienstleistungen, Löhne und andere binnenwirtschaftliche Preise übergreifen, bleibt das Risiko einer nachhaltigen neuen Teuerungswelle begrenzt. Die Schweiz befindet sich damit weiterhin in einer deutlich komfortableren Ausgangslage als viele andere Industrieländer.

Die SNB gerät nicht automatisch unter Zugzwang
Am kommenden Donnerstag veröffentlicht die SNB im Rahmen ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung eine aktualisierte Inflationsprognose. Bereits im Juni rechnete die Nationalbank mit einer leichten Zunahme der Inflation über die kommenden Quartale, bevor sich die Rate im Verlauf von 2027 wieder zurückbildet. Der mittelfristige Inflationsdruck wurde damals als praktisch unverändert beurteilt. In der neuen Prognose dürfte der Anstieg gegen Jahresende deutlicher hervortreten. Das wäre jedoch nicht automatisch als Beginn einer neuen Teuerungsphase zu interpretieren. Ein wesentlicher Teil davon wäre weiterhin dem Basiseffekt aus dem Herbst 2025 geschuldet. Für die SNB ist deshalb weniger entscheidend, wie hoch einzelne Monatswerte ausfallen. Wichtiger ist, ob der zugrunde liegende Preisdruck nachhaltig zunimmt und sich breitere Zweitrundeneffekte zeigen. Die Finanzmärkte rechnen zwar im ersten Halbjahr 2027 mit einer Leitzinserhöhung. Ein vorübergehender Inflationsanstieg, der wesentlich durch Basiseffekte geprägt ist, wäre für sich allein jedoch noch kein Grund für einen geldpolitischen Kurswechsel. Entscheidend bleibt, ob sich der Preisdruck verbreitert und verstetigt. Dafür gibt es momentan noch keine belastbaren Anzeichen.

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