Die Angst der Geldverwalter: Wird KI den Finanzsektor überflüssig machen?

Was haben Softwareunternehmen, Finanzdienstleister und Logistikkonzerne gemeinsam? Sie alle standen in den letzten Tagen plötzlich im Feuerkreis der Künstlichen Intelligenz (KI).

Erst gerieten etablierte Softwarefirmen unter Druck, weil neue generative KI-Modelle ihr bisher sicheres Terrain infrage stellten. Allein in den letzten drei Wochen haben Softwarefirmen im weltweiten Aktienindex fast 20% verloren. Viele Investoren fürchten, dass Geschäftsmodelle, die lange auf proprietären Lösungen beruhten, nun durch offene und lernfähige KI-Plattformen bedroht sind. Letzte Woche trafen die Disruptionsängste die Aktien von US-Versicherungsmaklern, nachdem der Online-Marktplatz Insurify eine neue KI-Anwendung zum Vergleich von Versicherungstarifen vorgestellt hatte.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, welches Unternehmen zum grossen Gewinner der KI-Ära wird und welches Opfer einer Disruption, die heute noch nicht einmal sichtbar ist.

Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse, St.Galler Kantonalbank

Anschliessend gerieten Vermögensverwalter unter Druck, ausgelöst durch eine Steuer-KI. Diese soll in der Lage sein, hochkomplexe Steuerstrukturen in Echtzeit zu analysieren und Optimierungspotenziale zu erkennen. Gegen Ende der Woche sorgte ein White Paper des Logistik-Start-ups SemiCab für Aufsehen. Darin wird skizziert, wie KI-basierte Routenplanung und autonome Transportnetzwerke den globalen Frachtverkehr revolutionieren könnten. Prompt gerieten die Aktien grosser Logistikkonzerne unter Druck.

Vom Gewinnerfokus zur Risikoaversion
Investoren konzentrieren sich momentan nicht mehr darauf, die Gewinner zu identifizieren, sondern versuchen vielmehr, jeden Titel zu vermeiden, der auch nur ein geringes Risiko birgt, durch KI verdrängt zu werden. Die Reaktion an den Märkten folgt einem bekannten Muster: zuerst verkaufen und die Fragen dann später stellen. Absehbar ist, dass die KI-Revolution in nahezu jeder Branche zu Veränderungen führen wird. Sie kann Effizienzgewinne ermöglichen, ganze Wertschöpfungsketten neu ordnen oder bestehende Geschäftsmodelle überflüssig machen. Doch die Geschwindigkeit, mit der sich dieser Wandel momentan entfaltet, führt an den Börsen zu Überreaktionen. Beflügelt von Schlagzeilen und Social-Media-Stimmungen, wird daraus oft ein kollektiver Reflex: «Jetzt raus, bevor es zu spät ist.» Wie geht man jedoch als langfristig denkender Investor mit solchen Umwälzungen um, wenn die Grenzen zwischen Gewinnern und Verlierern der KI-Revolution noch gar nicht klar gezogen sind?

Diversifikation als Kompass im KI-Wandel
Wer langfristig Vermögen aufbauen und bewahren will, muss das Gegenteil tun: ruhig agieren, die strukturellen Auswirkungen nüchtern analysieren und vor allem auf die Kraft der Diversifikation setzen, die seit Generationen das Rückgrat solider Anlagestrategien bildet. In einer Zeit, in der technologische Umbrüche ganze Sektoren erschüttern können, ist dieser Ansatz aktueller denn je. Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, welches Unternehmen zum grossen Gewinner der KI-Ära wird und welches Opfer einer Disruption, die heute noch nicht einmal sichtbar ist. Künstliche Intelligenz ist kein vorübergehender Trend, sondern eine tektonische Verschiebung vergleichbar mit der industriellen Revolution oder dem Aufkommen des Internets. Doch wie bei jeder grossen Transformation zeigt sich erst mit der Zeit, wer gestärkt aus ihr hervorgeht. Breit diversifizierte Portfolios schaffen hier Stabilität. Im Kern gilt damit ein altes, aber immer wieder bewährtes Prinzip: Wer sich nicht von kurzfristigen Emotionen, sondern von langfristiger Strategie leiten lässt, ist dem Markt oft einen Schritt voraus – selbst in Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz die Regeln neu schreibt.

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