Vor früheren Crashs lag er richtig – jetzt warnt dieser Indikator erneut

Was wäre, wenn ein einzelner Indikator geholfen hätte, viele der grössten Börseneinbrüche der letzten 30 Jahre zu umgehen? Genau dieses Warnsignal nähert sich derzeit einer Schwelle, die historisch Vorsicht nahelegt.

Einer der interessantesten Börsenindikatoren blinkt derzeit dunkelorange: der sogenannte CLI (Composite Leading Indicator) der OECD. Der Indikator wurde entwickelt, um Wendepunkte im Konjunkturzyklus frühzeitig zu erkennen. Dafür kombiniert er eine Vielzahl von Frühindikatoren aus 17 Volkswirtschaften – etwa Arbeitsmarkttrends in Deutschland, Fabrikaufträge in Japan oder Baugenehmigungen in den USA. Jede Volkswirtschaft bringt dabei ihre eigenen konjunkturrelevanten Daten ein. Zusammengenommen entsteht so ein aussagekräftiges Bild der globalen Wirtschaftsentwicklung.

Einer der interessantesten Börsenindikatoren blinkt derzeit dunkelorange: der sogenannte CLI der OECD.

Patrick Herger, Anlage-Experte, VZ VermögensZentrum

Das eigentliche Signal steckt allerdings nicht in der Hauptkennzahl, sondern im Detail: Wie viele der 17 Länder verzeichnen im Vergleich zum Vormonat eine Verbesserung? Zeigen lediglich fünf oder weniger Länder eine positive Entwicklung, bedeutet dies, dass sich in mehr als 70 Prozent der beobachteten Volkswirtschaften die konjunkturelle Dynamik verschlechtert. Genau in solchen Phasen ist erhöhte Vorsicht angebracht. Denn eine breit abgestützte Abkühlung der Weltwirtschaft geht häufig mit steigenden Risiken an den Aktienmärkten einher – insbesondere für die Schweiz, deren Wirtschaft stark vom internationalen Handel abhängt.

Die kritische Schwelle rückt näher
Aktuell weisen nur noch 6 der 17 CLI-Länder eine Verbesserung gegenüber dem Vormonat auf. Noch im vergangenen Sommer lag dieser Wert bei 16 Ländern und signalisierte damit eine breit abgestützte globale Konjunktur. Von Januar auf Februar kam es jedoch zu einem markanten Einbruch: Die Zahl der positiven Länder fiel von 12 auf 7. Seither hat sich die Entwicklung weiter abgeschwächt, sodass mittlerweile nur noch sechs Länder ein positives Signal senden. Der Indikator bewegt sich damit unmittelbar an seiner kritischen Schwelle und könnte im August in den roten Bereich kippen.

Ein einfacher Risikofilter für den Aktienmarkt
Wie gut der CLI-Indikator in der Vergangenheit als Risikofilter funktioniert hätte, lässt sich anhand einer regelbasierten Anlagestrategie veranschaulichen. Die Strategie ist denkbar einfach: Am 15. Kalendertag jedes Monats (oder am ersten Handelstag danach) wird überprüft, wie viele der 17 CLI-Länder ihren Wert gegenüber dem Vormonat verbessern konnten. Liegt die Zahl bei mindestens sechs Ländern, wird in den Schweizer Aktienmarkt (SPI) investiert. Sind es fünf oder weniger Länder, wird die Aktienposition verkauft und das Vermögen in Liquidität gehalten. Die gewählte Position bleibt jeweils bis zum nächsten Stichtag bestehen, bevor die Überprüfung erneut erfolgt. Wie hätte eine solche Strategie in der Vergangenheit abgeschnitten? Ein Blick auf die vergangenen 30 Jahre liefert ein bemerkenswertes Ergebnis.

Ohne Berücksichtigung von Transaktionskosten hätte die auf dem CLI basierende Strategie einen nahezu dreimal so hohen Gesamtertrag erzielt wie ein dauerhaft investierter Anleger. Gleichzeitig wäre sie mit deutlich geringeren zwischenzeitlichen Verlusten verbunden gewesen. Während Buy-and-Hold-Investoren in schwierigen Marktphasen Kursrückgänge von rund 50 Prozent verkraften mussten, hätte der maximale Verlust der CLI-Strategie bei lediglich etwa 25 Prozent gelegen. Dieser Rückgang war zudem auf die aussergewöhnliche Marktverwerfung während der Corona-Pandemie zurückzuführen. Der Erfolg des CLI dürfte vor allem darin liegen, dass er kein Versuch ist, den Markt von Monat zu Monat vorherzusagen. Die Strategie ignoriert kleinere Konjunkturdellen und kurzfristige Börsenschwankungen. Sie schlägt erst dann Alarm, wenn die wirtschaftliche Schwäche einen grossen Teil der Weltwirtschaft erfasst hat. Solche Phasen waren in der Vergangenheit oft Vorboten von rückläufigen Unternehmensgewinnen, steigender Risikoaversion und grösseren Kursverlusten an den Aktienmärkten.

Starke Historie – aber kein Garant für die Zukunft
Trotz der beeindruckenden historischen Bilanz sollten Anleger die hier vorgestellte Strategie nicht einfach übernehmen oder ihr unkritisch folgen: Jede Anlagestrategie, die auf historischen Daten basiert, birgt das Risiko, dass sie künftig weniger gut funktioniert als in der Vergangenheit. Auch beim CLI gibt es keine Garantie dafür, dass die beobachteten Zusammenhänge bestehen bleiben oder dass zukünftige Konjunkturabschwünge denselben Mustern folgen wie frühere Krisen. Selbst wenn der Indikator im kommenden Monat auf Rot schalten sollte – also weniger als sechs der 17 Länder eine Verbesserung ihres CLI ausweisen –, wäre dies deshalb keine Aufforderung, Aktien zu verkaufen oder das Portfolio sogar vollständig zu räumen.

Was heisst das für Privatanleger?
Der CLI sollte vor allem als zusätzlicher Baustein bei der Beurteilung des Marktumfelds verstanden werden. Gerade für taktisch orientierte Anleger liefert er einen interessanten Hinweis darauf, wie breit die wirtschaftliche Dynamik weltweit abgestützt ist. Für langfristig orientierte Investoren könnte ein Warnsignal des CLI-Indikators wiederum Anlass sein, die eigenen Anlageziele, die Risikofähigkeit und die aktuelle Portfoliostruktur kritisch zu überprüfen. Nicht jeder Anleger muss auf ein solches Signal reagieren – aber es kann ein guter Zeitpunkt sein, sich die Frage zu stellen, ob die eingegangenen Risiken noch mit den eigenen Zielen und dem veränderten wirtschaftlichen Umfeld übereinstimmen.

Hauptbildnachweis: Freepik