Bitcoin: Rekord-Rechenleistung trotz Kurskorrektur
Die Rechenleistung des Bitcoin-Netzwerks bewegt sich nahe ihrem Höchststand, während der Kurs seit Herbst bis zu 50 Prozent verloren hat. Was das für Anleger bedeutet.
In den vergangenen Tagen hat sich die Laune von Bitcoin-Investoren wieder deutlich aufgehellt. Der Kurs liegt inzwischen wieder nahe bei 80'000 US-Dollar, nachdem er zuvor monatelang sich um 60'000 US-Dollar herum bewegt hatte. Was dabei oft untergegangen ist: Das Netzwerk im Hintergrund arbeitet so intensiv wie nie zuvor.
Kevin Kuhn, Anlage-Experte, VZ VermögensZentrumBereits im Bärenmarkt 2022 erreichte die Rechenleistung neue Rekordwerte, während der Kurs bei rund einem Drittel seines vorherigen Hochs verharrte.
Darauf deutet die Rechenleistung des Netzwerks hin, die sich nahe ihrem Rekordniveau bewegt. Bitcoin-Miner führen einen parallelen Suchprozess durch, um einen neuen Block an die Blockchain anzuhängen und damit die enthaltenen Transaktionen unumkehrbar zu bestätigen. Je höher die Rechenleistung, desto teurer wäre ein Angriff auf das Netzwerk – und desto sicherer gilt Bitcoin. Ein höherer Kurs müsste demnach zu mehr Rechenleistung führen, ein fallender zu weniger. Die Realität der letzten Monate widerspricht dieser einfachen Logik.
Kurs und Rechenleistung: verbunden, aber nicht synchron
Über mehrere Jahre sind Kurs und Rechenleistung tatsächlich gemeinsam gestiegen: Bei jedem Zyklushoch lag die Rechenleistung deutlich höher als beim vorherigen, zuletzt im Herbst 2025. Kurzfristig gilt dieser Zusammenhang aber nicht – und das ist kein neues Phänomen: Bereits im Bärenmarkt 2022 erreichte die Rechenleistung neue Rekordwerte, während der Kurs bei rund einem Drittel seines vorherigen Hochs verharrte. Das aktuelle Bild wiederholt dieses Muster: Der Kurs ist deutlich gefallen, die Rechenleistung kaum. Drei Gründe erklären den langfristigen Anstieg der Rechenleistung – und warum sie selbst in Abschwüngen kaum zurückgeht:
- Technologischer Fortschritt: Jede neue Generation von Mining-Chips (ASICs) liefert deutlich mehr Rechenleistung.
- Reiner Mengeneffekt: Es sind schlicht mehr Geräte im Netz aktiv. Ältere, weniger effiziente Geräte verschwinden bei fallenden Kursen zudem nicht einfach, sondern werden oft an Betreiber mit günstigerem Strom weiterverkauft – ein älteres Gerät ist günstiger in der Anschaffung und lohnt sich deshalb auch mit günstigem oder überschüssigem Strom weiter.
- Bitcoin-Preisentwicklung über die Zyklen: Höhere Kurse machen Mining rentabler, wodurch zusätzliche Kapazität ans Netz geht.
Verbrauch steigt deutlich, Klimabilanz weniger stark
Unabhängig vom Kurs zeigt eine neue Auswertung der Universität Cambridge: Der geschätzte weltweite Stromverbrauch des Bitcoin-Minings ist innerhalb von eineinhalb Jahren um knapp 40 Prozent gestiegen und macht inzwischen rund 0,6 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs aus. Die Treibhausgas-Emissionen legten im gleichen Zeitraum aber nur um rund 20 Prozent zu. Zum Vergleich: Die globale Goldindustrie verbraucht gemäss einer häufig zitierten Analyse des Krypto-Unternehmens Galaxy Digital etwas mehr Strom als das Bitcoin-Mining. Weltweite Rechenzentren, die zunehmend auch KI-Anwendungen betreiben, verbrauchen laut der Internationalen Energieagentur (IEA) bereits deutlich mehr Strom als Bitcoin. Solche Vergleiche sind allerdings nur bedingt aussagekräftig, da Goldförderung, Rechenzentren und Bitcoin unterschiedliche wirtschaftliche Funktionen erfüllen.
Immer mehr saubere Energie im Einsatz
Die erwähnte Cambridge-Studie beziffert den Anteil emissionsarmer Energiequellen am Bitcoin-Mining neu auf rund 59 Prozent, nach 52 Prozent bei der letzten Erhebung. Dazu zählen Wind-, Solar-, Wasser- und Kernkraft. Erstmals löst Wasserkraft dabei Erdgas als grösste einzelne Energiequelle ab, was unter anderem am wachsenden Anteil von Mining-Standorten in Ländern mit viel Wasserkraft liegt, etwa Äthiopien. Dass der Energiemix sauberer wird, hat auch wirtschaftliche Gründe: Strom macht den Grossteil der Betriebskosten aus, weshalb Miner tendenziell nach möglichst günstigen Energiequellen suchen. Dazu zählen teilweise überschüssige oder schwer transportierbare erneuerbare Energien, die andernfalls ungenutzt blieben. Befürworter sehen darin eine sinnvolle Nutzung vorhandener Ressourcen. Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass Mining nicht überall mit überschüssigem Strom betrieben wird und lokal durchaus mit anderen Stromverbrauchern konkurrieren kann. Da Mining-Anlagen lediglich eine Stromquelle und eine Internetanbindung benötigen, können sie zudem vergleichsweise flexibel eingesetzt werden. Einige Studien sehen darin Vorteile für die Stabilisierung von Stromnetzen, weil sich Anlagen rasch hoch- und herunterfahren lassen. Andere Beobachter verweisen dagegen auf die zusätzliche Stromnachfrage, die je nach Region auch zu höheren Belastungen der Netze führen kann. Der Trend zu einem höheren Anteil emissionsarmer Energie ist derzeit primär wirtschaftlich motiviert und nicht regulatorisch vorgeschrieben. Entsprechend bleibt offen, wie sich der Energiemix künftig entwickeln wird.
Einordnung für die Anlagepraxis
Unabhängig davon, ob sich der Kurs erholt oder weiter korrigiert, entwickelt sich die strukturelle Verfassung des Netzwerks weiter: Sicherheit steigt mit der Rechenleistung, der Energiemix wird sauberer, und Kapazitäten wandern eher zu effizienteren Standorten ab, statt zu verschwinden. Für Anlegerinnen und Anleger heisst das: Rechenleistung und Energiemix sind Sicherheits- und Nachhaltigkeitsindikatoren – keine Kursindikatoren.
Fazit
Zwei Entwicklungen laufen derzeit parallel, ohne sich gegenseitig zu bedingen: Der Kurs korrigiert, während das Netzwerk so leistungsfähig ist wie nie zuvor und zunehmend auf emissionsarme Energie setzt. Genau dieses Muster war bereits im Bärenmarkt 2022 zu beobachten. Ob sich Kurs und Netzwerkrealität dieses Mal wieder annähern oder sich vorerst weiter voneinander entfernen, bleibt offen.