Der Mythos hinter dem Gedanken, für eine thematische Anlage zu spät dran zu sein
Im Jahr 1954 stellten die Bell Labs die erste praxistaugliche Silizium-Solarzelle vor. Die New York Times bezeichnete das Ereignis als den Beginn einer Ära, in der die Sonne endlich für die Bedürfnisse der Zivilisation nutzbar gemacht werden könnte. Diese Ära liess jedoch länger auf sich warten, als die Schlagzeile vermuten liess. Solarenergie galt jahrzehntelang als Nischenphänomen, bevor sie zu einer der günstigsten Quellen für neuen Strom weltweit avancierte. Die eigentliche Chance bestand in der langen Phase zwischen Erfindung und breiter Akzeptanz – einer Phase, die die meisten Anleger nicht wahrnehmen, weil sie auf das falsche Signal achten.
Das ist der Mythos hinter der Vorstellung, «zu spät» für ein Thema zu sein. Die Annahme lautet, dass, sobald etwas investierbar wird, das schnelle Geld bereits verdient ist. In Wirklichkeit ist die Wahrnehmung oft nur der Anfang einer langen Wachstumsstory, nicht deren Ende. Atomenergie veranschaulicht das gut. Im Mai 2025 unterzeichnete Präsident Trump Durchführungsverordnungen mit dem Ziel, die US-Kernkraftkapazität bis 2050 zu vervierfachen. In der Folge entwickelte sich Atomkraft zu einem der Themen mit der besten Wertentwicklung des Jahres, da die Anleger eine Veränderung erkannten, die sich seit Jahren still und leise abgezeichnet hatte. Grosse Technologieunternehmen haben seitdem immer wieder Verträge über Atomenergie abgeschlossen, und 38 Länder haben sich nun verpflichtet, die weltweite Kernenergiekapazität bis 2050 zu verdreifachen – ein struktureller Wandel, der über Jahre hinweg Chancen entlang der Uran- und Atomenergie-Wertschöpfungskette schaffen wird. All das verhinderte jedoch nicht, dass das Thema 2026 an Schwung verlor, da ein Teil dieser anfänglichen Euphorie einer gesunden Korrektur wich. Struktureller Wandel verläuft niemals linear, und wenn sich ein Thema nach einer starken Phase etwas abkühlt, bedeutet das nicht, dass es am Ende ist.
Mobeen Tahir, Thematic Strategist, WisdomTreeDie Annahme, man sei zu spät, setzt voraus, dass ein Thema eine Ziellinie hat. Megatrends funktionieren nicht so.
2026 erzählte Cybersicherheit eine noch eindringlichere Version derselben Story. Im ersten Quartal gerieten Cybersecurity-Aktien in den Sog der sogenannten «SaaSpocalypse», als eine Verkaufswelle Softwareunternehmen traf – ausgelöst durch die Befürchtung, dass KI-Agenten bald ihren eigenen Code schreiben und patchen würden, wodurch die Menschen, die ihn entwickeln und schützen, überflüssig würden. Anleger verkauften erst einmal und stellten später Fragen. Wir haben immer wieder argumentiert, dass leistungsfähigere KI mehr Cybersicherheit erfordern würde, nicht weniger. Dieses Argument wurde im April auf die Probe gestellt, als Anthropic sein bislang leistungsfähigstes Modell, Mythos, nicht der Öffentlichkeit, sondern zunächst einer Handvoll vertrauenswürdiger Cybersicherheitsfirmen zur Verfügung stellte, nachdem es als erste KI einen simulierten Angriff auf ein Unternehmensnetzwerk eigenständig gelöst hatte. Der Geschäftsführer von CrowdStrike bezeichnete es als den «Mythos-Moment» der Cybersicherheit – ein Beweis dafür, dass KI ebenso dringend Verteidiger benötige wie Entwickler. Die Wende seitdem war dramatisch. Im Juli brachen KI-Modelle, die von OpenAI getestet wurden, aus ihrer Sandbox aus und gelangten in die Systeme von Hugging Face – ein Vorfall, den OpenAI selbst als beispiellos bezeichnete. Das letzte Quartal von CrowdStrike war das stärkste seit Bestehen des Unternehmens: Der neue jährliche wiederkehrende Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahr um 51% auf 333 Millionen US-Dollar, und Palo Alto sowie andere Unternehmen vermeldeten eine ähnlich robuste Entwicklung. Jeder Sprung nach vorne bei KI-Fähigkeiten schafft neue Aufgaben für die Branche, die auf deren Sicherung ausgelegt ist – und erzeugt so den KI-Halo-Effekt.
Ähnliches gilt für erneuerbare Energien. Der Sektor ist seit Jahrzehnten ein Anlageziel und gehörte auch 2025 wieder zu den Themen mit der besten Wertentwicklung – doch den grössten Beitrag zu dieser Wertentwicklung leistete Wasserstoff. Obwohl es das Thema schon seit vielen Jahren gibt, erzielte es seine stärksten Renditen aus einem Bereich, den die meisten Anleger kaum in Betracht gezogen hatten. Ein «später» Einstieg in erneuerbare Energien insgesamt spielte kaum eine Rolle, wenn ein Fonds so positioniert war, dass er diesen neueren Teil des Sektors erfassen konnte. Zwar hat das Thema im Jahr 2026 insgesamt nachgelassen, da höhere Zinsen den kapitalintensiven Sektor belasteten, doch die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich die weltweite Kapazität im Bereich der erneuerbaren Energien bis 2030 verdoppeln wird. Der Trend bleibt intakt, da zyklische Kräfte auch weiterhin Einfluss nehmen werden.
Und ja, manchmal zahlt es sich direkt aus, früh dabei zu sein. 2025 verzeichneten wir ein starkes Anlegerinteresse am europäischen Verteidigungssektor, und die richtige Strategie zur richtigen Zeit hat sicherlich zum Erfolg beigetragen. Aber früh dabei zu sein, ist nur die halbe Miete – die andere Hälfte besteht darin, sich mit der Entwicklung des Themas weiterzuentwickeln. In ähnlicher Weise stiegen wir bereits 2018 in das Thema KI ein, als die Landschaft noch ganz anders aussah als heute. Im Jahr 2024 haben wir unsere KI-Wertschöpfungskette neu aufgebaut, um Enablern, Halbleitern und Grundlagenmodellen mehr Gewichtung zu verleihen, denn genau diese Bereiche treiben das Thema nun an.
Wie ein Thema erfasst wird, ist ebenso wichtig wie der Zeitpunkt. Unsere Analyse des europäischen Universums thematischer Fonds zeigt enorme Performanceunterschiede zwischen Fonds, die dasselbe Thema bedienen. Daher ist das richtige Anlageinstrument genauso wichtig wie die richtige Idee. Das Quantencomputing verdeutlicht beide Seiten der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zugleich. Es wird schon seit Jahren darüber gesprochen, doch das Interesse der Anleger hat erst 2026 wirklich zugenommen – unterstützt durch eine Welle von Börsengängen, die das Thema greifbar und nicht mehr nur theoretisch erscheinen liessen.
Ob eine Strategie früh oder spät auf den Markt kommt – entscheidend ist, dass sie sich parallel zu dem Thema, das sie abbildet, weiterentwickelt und Anlegern ein klares, auf die Trendrichtung abgestimmtes Anlageobjekt bietet. Die Annahme, man sei «zu spät», setzt voraus, dass ein Thema eine Ziellinie hat. Megatrends funktionieren nicht so. Sie verlaufen in Zyklen, stolpern über ihre eigene Begeisterung, korrigieren sich und setzen ihren Weg trotzdem fort. Das eigentliche Risiko besteht darin, anzunehmen, dass die Sache in dem Moment endet, in dem ein Thema investierbar wird – obwohl das bei den meisten Themen eher der Anfang ist.