Value ist zurück: Die Renaissance der unterschätzten Aktien

An der Borse wechseln Trends schneller als Gewissheiten. Heute bestimmen künstliche Intelligenz, Tech-Giganten und der Börsengang von SpaceX die Schlagzeilen. Wachstum verkauft sich, und Anleger zahlen für die Gewinner von morgen fast jeden Preis. Wer dagegen über Value-Aktien spricht, wirkt aus der Zeit gefallen. Genau das ist der Punkt: Die grössten Chancen entstehen dort, wo dem Markt gerade die Aufmerksamkeit fehlt. Value lnvesting steht nicht vor einem Comeback, es hat bereits begonnen, nur schaut kaum jemand hin.

Value lnvesting setzt auf Unternehmen, deren Börsenkurs unter ihrem wirtschaftlichen Wert liegt. lm Mittelpunkt stehen solide Fundamentaldaten, nachhaltige Ertragskraft und eine attraktive Bewertung. Growth-lnvestoren zahlen dagegen für die Hoffnung von morgen und nehmen dafür deutlich höhere Bewertungen in Kauf. Diese Wette geht nicht ewig auf. Wie unterschiedlich Value-Unternehmen aussehen können, zeigen bekannte Beispiele. Newmont Mining gilt wegen günstiger Bewertung und werthaltiger lnvestments als klassischer Value-Titel. Société Générale steht für moderate Bewertung bei stabiler Ertragsbasis. Und Logitech beweist: Auch Technologiekonzerne werden zu Value-Aktien, sobald sich Bewertung und operative Entwicklung auseinanderbewegen. Value ist also kein verstaubtes Etikett, sondern ein Zustand, den auch Wachstumsfirmen erreichen können.

Der KI-Boom verändert die Spielregeln
Kaum eine Technologie hat so schnell so viel Kapital angezogen wie künstliche lntelligenz. Doch technologische Durchbrüche sind kein Selbstläufer für wirtschaftlichen Erfolg. Entscheidend ist, wer Wettbewerbsvorteile tatsachlich in langfristige Cashflows übersetzt und wer nur Erwartungen verkauft.

Das eigentliche Comeback des Value lnvesting beginnt genau dann, wenn kaum noch jemand darüber spricht. Und dieser Punkt ist erreicht.

Bernhard Schmitt, Leiter Equity & Multi Manager Management, Liechtensteinische Landesbank LLB

Genau hier liegt das Risiko der Growth-Story: Viele Wachstumsunternehmen haben inzwischen nahezu perfekte Zukunftsszenarien eingepreist. Schon kleine Enttäuschungen reichen für heftige Kursreaktionen. Günstig bewertete Unternehmen dagegen sind bereits auf durchschnittliche Entwicklungen eingestellt und haben mehr Spielraum nach oben. Die kräftigen Rotationen zwischen Value und Growth im ersten Halbjahr 2026 zeigen, wie schnell sich dieses Verhältnis dreht. Für Value-lnvestoren heisst das aber auch: Günstige Bewertungen allein reicht nicht mehr. Geschäftsmodelle geraten schneller unter technologischen Druck als früher. Bilanzqualität, Wettbewerbsposition, Anpassungsfähigkeit des Managements und Preissetzungsmacht entscheiden zunehmend mit. KI selbst wird dabei zum Werkzeug, um Bewertungsunterschiede schneller aufzudecken.

Wissenschaft liefert Rückenwind
Die Studie «Value vs. Growth: What Drives the Value Premium?» von Chen, Huang und Jiang von Anfang 2026 erklärt die langfristige Value­Prämie neu: Am erfolgreichsten sind «New Value»-Aktien, also Unternehmen, die erst vor Kurzem in das Value-Segment vorgestossen sind. Sie verbinden attraktive Bewertungen mit robuster Profitabilität und solidem Umsatzwachstum. Neu klassifizierte Growth-Titel schneiden dagegen mit ihrer sportlichen Bewertung schwach ab. Dies ist ein Beleg dafür, dass ambitionierte Erwartungen allein keine Rendite garantieren. Besonders stark zeigt sich der Effekt in wirtschaftlichen Abschwüngen, bei restriktiver Geldpolitik, steigenden Zinsen und hoher Unsicherheit. Genau das spricht dafür, Value nicht statisch, sondern dynamisch zu denken. Ein geradliniges Comeback ist nie garantiert. Aber eines steht fest: Hohe Erwartungen und hohe Bewertungen bedeuten nicht automatisch hohe Renditen. Je stärker ein Markt von KI-Fantasie getrieben wird, desto härter meldet sich am Ende der Preis zurück. Das eigentliche Comeback des Value lnvesting beginnt genau dann, wenn kaum noch jemand darüber spricht. Und dieser Punkt ist erreicht.

Überzogene Erwartungen halten an den Kapitalmärkten nie dauerhaft. Wenn KI die Unternehmenswelt umkrempelt, gewinnt am Ende nicht, wer die beste Technologie besitzt, sondern wer den richtigen Preis dafür zahlt. Wer heute Fonds oder Aktien auswählt, sollte deshalb nicht langer nur die Gewinner von morgen jagen, sondern gezielt nach Unternehmen suchen, deren Wert der Markt aktuell unterschätzt.

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