Krisen bremsen die Weltwirtschaft nicht
Die Weltwirtschaft zeigt sich trotz geopolitischer Spannungen, höherer Zinsen und anhaltender Unsicherheiten weiterhin widerstandsfähig. Frühindikatoren wie Einkaufsmanagerindizes sowie stabile Konsum- und Arbeitsmarktdaten deuten darauf hin, dass die globale Konjunktur kurzfristig weiter expandiert. Vor allem ein struktureller Wandel der Wachstumstreiber ist zu beobachten. Expansive Fiskalprogramme und hohe Unternehmensinvestitionen stützen die wirtschaftliche Dynamik in vielen Regionen der Welt. Damit wird die Weltwirtschaft zunehmend von Investitionen statt vom klassischen Konsumzyklus getragen.
Hohe Ausgaben für künstliche Intelligenz, Infrastruktur, Energieversorgung und Verteidigung sorgen weltweit für einen anhaltenden Investitionsboom. Die Investitionen in künstliche Intelligenz bleiben weitgehend ungebremst und führen bereits zu steigender Produktivität und höheren Unternehmensgewinnen. Davon profitieren insbesondere Industrie-, Infrastruktur- und Technologieunternehmen mit hoher Produktivität, Preissetzungsmacht und realen Cashflows.
Finanzmärkte: Aktien robust, Zinsregime im Wandel
Die Aktienmärkte zeigen sich trotz zahlreicher Risiken bemerkenswert robust. Solide Unternehmensgewinne, expansive Fiskalpolitik und hohe Investitionstätigkeit stützen die Märkte weiterhin. Anleger scheinen geopolitische Risiken derzeit zunehmend auszublenden. Die Börsen steigen weiter die sprichwörtliche «Wall of Worry» hoch. Solange Gewinne, Liquidität und Investitionen stabil bleiben, bleiben Rückschläge an den Aktienmärkten bislang begrenzt.
Matthias Ramser, Chief Investment Officer, Reichmuth & CoNach der starken Markterholung und dem deutlich gestiegenen Optimismus an den Finanzmärkten erscheint ein diszipliniertes Rebalancing der Aktienquoten angezeigt.
Gleichzeitig markieren die jüngsten Anstiege der langfristigen Zinsen einen wichtigen Regimewechsel: Die Ära von Tiefzinsen, tiefer Inflation und nahezu unbegrenzter Liquidität dürfte vorbei sein. Investoren verlangen wieder höhere Realzinsen und Risikoprämien für langfristige Staatsanleihen. Während die Kerninflation bislang relativ stabil geblieben ist, erhöhen steigende Energiepreise den Druck auf Konsumenten- und Produzentenpreise. Insbesondere lange Laufzeiten in EUR- und USD-Anleihen erscheinen in diesem Umfeld wenig attraktiv. Stattdessen profitieren zunehmend kapitalintensive Geschäftsmodelle mit realen Cashflows und hoher Investitionstätigkeit – und weniger Unternehmen, deren Bewertungen primär auf langfristigen Gewinnerwartungen beruhen. Gleichzeitig dürften die erwarteten Börsengänge prominenter KI- und Technologieunternehmen wie SpaceX, OpenAI oder Anthropic ein wichtiger Test dafür werden, wie aufnahmefähig die Kapitalmärkte für hoch bewertete Zukunftsunternehmen noch sind.
Anlagepolitik: Qualität, Value und Realwerte bleiben zentral
In der Vermögensallokation bleiben Qualität, Value und Inflationsschutz entscheidend. Das hohe Gewicht der USA in den Weltindizes dürfte mittelfristig abnehmen, weshalb eine strategische Übergewichtung der Schweiz, Europa und Schwellenländer attraktiv erscheint. Innerhalb der Aktienmärkte präsentieren sich Qualitäts- und Value-Titel attraktiver als hoch bewertete Wachstumswerte. Chancen bilden sich insbesondere in Industrie-, Energie- und Rohstoffsektoren, welche von Infrastrukturinvestitionen, geopolitischer Fragmentierung und steigenden Verteidigungsausgaben profitieren dürften. Gleichzeitig gewinnen Diversifikation und Realwerte weiter an Bedeutung. Gold, Rohstoffe und liquide Alternativanlagen bieten in einem Umfeld höherer Inflation, steigender Staatsverschuldung und zunehmender geopolitischer Blockbildung attraktive Diversifikationsmöglichkeiten. Nach der starken Markterholung und dem deutlich gestiegenen Optimismus an den Finanzmärkten erscheint ein diszipliniertes Rebalancing der Aktienquoten dennoch angezeigt. Die geopolitische Lage rund um die Strasse von Hormus bleibt fragil, während die Sommermonate saisonal tendenziell schwächere Börsenphasen aufweisen. Die kommenden Jahre dürften insgesamt weniger von Liquidität und Bewertungsexpansion, sondern stärker von realem Wachstum, Investitionen und Cashflows geprägt werden. Breite Diversifikation über verschiedene Anlageklassen und Risikofaktoren bleibt deshalb zentral