Hat die Schweiz ein ernsthaftes Verteilungsproblem?
Das Bild der Schweiz, das uns von vielen Medien und NGOs gezeichnet wird, ist düster: «Mehrheit findet: Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist zu gross» vermeldet der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande. Ein reichweitenstarkes Online-Medium weiss: «Das Geld in der Schweiz ist immer ungleicher verteilt». Ein anderes wiederum verkündet: «Die Ungleichheit in der Schweiz ist grösser, als wir glauben sollen. Und sie nimmt zu.» Der Boulevard orakelt: «Schockierende Zahlen zum Mittelstand: Die Hälfte aller Familien kommt nur knapp über die Runden». Nach Aussage der Gewerkschaften ist das Malaise hierzulande naturgemäss gross – und das Narrativ wird wiederum vom öffentlichen Rundfunk direkt übernommen: «Studie der Unia: Schere zwischen höchsten und tiefsten Löhnen wird immer grösser».
Entsolidarisiert sich die Schweiz? Ist die Eidgenossenschaft zynisch geworden? Hat die Schweiz ein ernsthaftes Verteilungsproblem? Pünktlich zu Weihnachten können wir eine frohe Botschaft verkünden, die in scharfem Kontrast zum Bemühen vieler Medien und NGOs bei der Problembewirtschaftung steht: Die staatliche Solidarität in der Schweiz ist tatsächlich intakt. Das Zauberwort heisst «Stabilität». Zu diesem Schluss kommt, wer sich ein umfassendes Bild zur Verteilsituation in der Schweiz macht.
Die Fakten
Das IWP hat in einer neuen Studie den aktuellen Stand der Daten, Fakten und wissenschaftlichen Ergebnisse zur Verteilungssituation in der Schweiz zusammengefasst, die von Melanie Häner-Müller, Nina Kalbermatter und Nadja Koch und mir verfasst wurde. Sie heisst Verteilungsradar, und ich möchte daraus fünf Fakten zitieren, die hervorstechen.
- Die Einkommensungleichheit in der Schweiz ist über die letzten 100 Jahre sehr stabil geblieben: Die obersten 10% der Bevölkerung vereinen recht konstant rund 30% des Gesamteinkommens auf sich, während die obersten 1% rund 10% des Gesamteinkommens erwirtschaften. Natürlich sind dies nicht stets dieselben Personen, weil die soziale Dynamik spielt. Und es zeigt: der Wohlstand in der Schweiz bleibt breit gestreut.
- Auch im Fall des Mittelstands kann Entwarnung gegeben werden: Weder kann von einem Zerfall des Mittelstands noch von einer verstärkten Polarisierung der Ränder der Einkommensverteilung gesprochen werden (die Schere zwischen Arm und Reich). Stattdessen gilt: der Mittelstand, in der Statistik als die Bevölkerungsgruppe zwischen 70% und 150% des medianen Bruttoäquivalenzeinkommens definiert, macht in den letzten 20 Jahren zuverlässig zwischen 55% und 60% der Gesamtbevölkerung aus.
- Im internationalen Vergleich zeichnen sich die Schweizer Markteinkommen vor Umverteilung durch eine besonders gleichmässige Verteilung aus, während die Einkommensungleichheit nach Umverteilung im OECD-Mittelfeld liegt. Die unterdurchschnittliche Umverteilung hierzulande ergibt sich also schlicht und sinnvollweise aus dem unterdurchschnittlichen Bedarf. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern, die seit den 1980er Jahren einen Anstieg der Einkommensungleichheit verzeichnen, über dessen Ausmass allerdings in der Wissenschaft keine Einigkeit besteht, bleibt die Schweiz ein stabiler Sonderfall. Diese Stabilität steht im Zusammenhang mit einer Kombination aus einem flexiblen Arbeitsmarkt, einem starken dualen Bildungssystem und einem föderalen Steuersystem.
- Die Vermögensungleichheit hat seit den 2000er Jahren zugenommen. Die Gründe im Anstieg der Vermögensungleichheit liegen aber eben nicht in Veränderungen der Einkommensungleichheit oder die vererbten Vermögen, wohl aber in den Buchwertsteigerungen von Wertschriften und Immobilien sowie dem Zufluss ausländischen Vermögens. Dies alles wiederum mündet jedoch nicht in einem Anstieg der Kapitaleinkommen. Der Anteil des Vermögenseinkommens am gesamten Einkommen der privaten Haushalte bleibt über die Zeit relativ konstant bei rund 10%. Damit bleibt auch die Einkommensungleichheit trotz steigender Vermögenskonzentration stabil.
- Die obersten 10% zahlen 54,5% der gesamten Bundes-, Kantons-, Gemeinde- und Kirchensteuern, während rund ein Viertel aller Haushalte von der direkten Bundessteuer befreit ist. Das oberste 1% der Einkommen steuert sogar 23,2% zum Steueraufkommen bei. Seit den 1980 Jahren zeigt sich also das Gegenteil einer Entsolidarisierung beim Steueraufkommen: Die Aufkommensanteile der Spitzeneinkommen nehmen zu. Starke Schultern tragen damit weit überproportional zur Finanzierung des gemeinsamen Staats bei als schwache. Damit ergibt sich in Bezug auf die Steuereinnahmen allerdings eine zunehmende Abhängigkeit von den Top-Einkommen, was ein Klumpenrisiko darstellt – es sind die beiden Seiten derselben Medaille.
Was daraus folgt
Wenn sich die Verteilsituation in der Schweiz also viel besser präsentiert als in vielen Medien und NGOs mit tendenziöser Stossrichtung verkündet wird, stellt sich die Frage nach dem Warum. Welchen Sinn ergibt es, eine tatsächlich respektable Leistung der sozialen Kohäsion in der Schweiz schlecht zu reden? Die Antwort ist nahliegend: Emotionen treiben die Politik. Wenn sich das Narrativ einer unsolidarischen Schweiz verfestigt, ist der Ruf nach immer weiteren Massnahmen des Staats unwiderstehlich. Stattdessen wäre jedoch in einer besinnlichen Minute festzuhalten: Das austarierte Schweizer System funktioniert, und ja, gerade die progressiven Kräfte hätten guten Grund, sich für manche sozialen Errungenschaften zu loben.
Christoph A. Schaltegger, Direktor IWPViele Menschen haben eine von Medien und NGOs befeuerte und verzerrte Vorstellung von der tatsächlichen Einkommensverteilung und ihrer eigenen Position innerhalb der Gesellschaft. Sie fühlen sich ärmer, als sie tatsächlich sind.
Doch geschieht das Gegenteil: Eine asoziale Schweiz wird beklagt. Und dieses Narrativ hat durchaus Wirkung entfaltet: Die in der Bevölkerung wahrgenommene Ungleichheit hat in den letzten 30 Jahren zugenommen. Das zeigen verlässliche Umfragen. Und es wird deutlich aus den Reaktionen zur Aussage «Es liegt in der Verantwortung der Regierung, die Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen zu verringern». Im Jahr 1987 stimmte nur etwa ein Achtel der Befragten dieser Aussage deutlich zu, während es 2019 fast ein Viertel sind. Dies entspricht einem Anstieg von fast 50% allein zwischen den letzten beiden Befragungswellen. Damit ergibt sich auch in der Schweiz ein klarer Zusammenhang zwischen wahrgenommener Ungleichheit und starken Umverteilungspräferenzen – nicht aber zur tatsächlich gemessenen Ungleichheit, die sich wie gesehen kaum verändert.
Das heisst: Viele Menschen haben eine von Medien und NGOs befeuerte und verzerrte Vorstellung von der tatsächlichen Einkommensverteilung und ihrer eigenen Position innerhalb der Gesellschaft. Sie fühlen sich ärmer, als sie tatsächlich sind. Dieser Eindruck wiederum ist der Treiber für eine Stimmung des sozialen Handlungsbedarfs in Übereinstimmung mit dem aktuellen Zeitgeist. Ein Aspekt, dem in der wissenschaftlichen Literatur bisher wenig Gewicht beigemessen wurde und der erstaunlicherweise auch in der öffentlichen Diskussion kaum thematisiert wird.