US-Strafzölle: Trump greift zum tarifären Zweihänder

Die umfassenden US-Strafzölle führen zu einer konjunkturellen Belastung rund um den Globus. Der Welthandel gerät unter Druck, was letztlich keine Gewinner hervorbringt. Die Schweiz ist einerseits von der Höhe und andererseits als offene Volkswirtschaft in besonderem Masse betroffen. Infolgedessen erwartet das Investment Office der Migros Bank, dass die Schweizerische Nationalbank den Leitzins im weiteren Jahresverlauf auf null Prozent senkt.

Es kommt knüppeldick. Am gestrigen mit Spannung erwarteten «Liberation Day» liess US-Präsident Donald Trump die schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Er verhängte einen generellen Einfuhrzoll von 10 Prozent ab dem 5. April 2025. Hinzu kommen reziproke Zölle gegen jene Länder, in denen hohe Zölle auf amerikanische Exportprodukte in Kraft sind. Diese Zusatzzölle haben es in sich. So gilt ab dem 9. April 2025 gegenüber China ein Extrazoll von 34 Prozent. Japan wird mit zusätzlichen 24 Prozent abgestraft und die EU mit 20 Prozent. Relativ «glimpflich» kommen Singapur und Grossbritannien weg: Sie sehen sich nur mit dem Universalzoll von 10 Prozent konfrontiert und müssen – zumindest vorerst – keinen individuellen Sonderzoll vergegenwärtigen.

Das zuletzt intensive helvetische Weibeln – oder muss man schon von Flehen sprechen? – hat in Washington offensichtlich genau nichts bewirkt.

Santosh Brivio, Senior Economist, Migros Bank

Davon kann die Schweiz nur träumen. Die Ausfuhren unseres Landes in die USA werden mit zusätzlichen Zöllen in der Höhe von 31 Prozent belegt. «Das zuletzt intensive helvetische Weibeln – oder muss man schon von Flehen sprechen? – hat in Washington offensichtlich genau nichts bewirkt», urteilt Santosh Brivio, Senior Economist im Investment Office der Migros Bank.

Wie lange dauert die Schonfrist?
Auch wenn Medikamente vorerst ausgenommen sind, kann die wichtige Schweizer Pharma-Branche nach Meinung Brivios nicht aufatmen: «Erstens ist zurzeit noch unklar, ob auf pharmazeutischen Produkten trotzdem der Universalzoll von 10 Prozent gilt. Und zweitens bewies Trump in der Vergangenheit, dass Ausnahmeregelungen vom Zollregime eine kurze Halbwertszeit geniessen. Man denke an die ursprünglich ebenfalls ausgenommenen Autos. Bei Exporten in die USA fallen auf diese mittlerweile Zölle in der Höhe von 25 Prozent an.» Selbst wenn die Schonfrist für Schweizer Pharmaprodukte länger Bestand haben sollte – die Exportwirtschaft der Schweiz wird mit dem neuen Strafzollregime empfindlich getroffen. Denn auf anderen wichtigen Ausfuhrgütern wie Maschinen oder Uhren gilt ab dem 9. April voraussichtlich ein US-Importzoll von 31 Prozent.

Die Zölle verschwinden nicht so bald
«Es ist müssig, sich über die Berechnungsgrundlage dieser Zölle den Kopf zu zerbrechen und damit zu hadern, dass die Zollsätze im Falle der Schweiz (und gegenüber anderen Ländern) auch bei der kreativsten Kalkulation nicht das Kriterium der Reziprozität erfüllen», erklärt Brivio. «Tatsache ist, dass die Zölle kommen werden und dass man damit irgendwie klarkommen muss. Die Hoffnung, dass diese ebenso schnell wieder verschwinden werden, wie sie erhoben wurden, dürfte sich dabei als trügerisch erweisen.» Donald Trump erweckte nämlich bislang nicht den geringsten Anschein, die Zölle nur als transaktionales Instrument – also als Verhandlungsmasse für ein «Deal-Making» in unterschiedlichsten Politikbereichen – ansehen zu wollen. «Angesichts der bereits hohen und immer stärker steigenden amerikanischen Staatsverschuldung ist vielmehr von einem 'Gekommen, um zu bleiben' auszugehen. Die Zölle werden zu einem Mittel der Haushaltsfinanzierung», so Brivio.

Tarifäre Gegenmassnahmen sind angesichts der tiefen hiesigen Inflationsraten zwar möglich, dürften aufgrund des Kräfteverhältnisses zwischen der Schweiz und den USA aber primär symbolischen Charakter haben.

Santosh Brivio

Daraus zu schliessen, dass die USA letztlich als Gewinnerin aus dem losgetretenen Zollkrieg hervorgehen, greift jedoch zu kurz. «Die tarifären Mauern werden über ein zurückgehendes Aussenhandelsvolumen und über Zweitrundeneffekte (Inflationsdruck) zu einer spürbaren Verlangsamung der amerikanischen Wachstumsdynamik führen. Eine Rezession erwarten wir in unserem Basis-Szenario zwar vorerst nicht. Das Wachstum der US-Wirtschaft dürfte aber deutlich tiefer zu liegen kommen als im starken Jahr 2024», erklärt Brivio. «Noch heftiger werden die Bremseffekte ausserhalb der USA ausfallen. Namentlich das sowieso schon angeschlagene Europa sieht sich mit scharfem konjunkturellem Gegenwind konfrontiert. Die wirtschaftliche Erholung fällt in diesem Umfeld noch zaghafter aus, als dies bereits der Fall ist – wenn sie denn überhaupt in absehbarer Zeit einsetzt», erläutert Brivio. «Für das EU-Schwergewicht Deutschland dürfte sich die rezessive Entwicklung vorderhand fortsetzen. Andere bedeutende europäische Volkswirtschaften müssen mit Stagnation oder sogar einem Abgleiten in negative Wachstumszahlen rechnen.»

Begrenzte Schweizer Reaktionsmöglichkeiten
Dies verschärft die Situation für die Schweiz zusätzlich. Es kommt nicht nur zur Belastung des direkten Handels mit den USA und der Gewinnmargen entsprechender Unternehmen, sondern auch zu Bremseffekten durch unseren wichtigsten Handelspartner. Als kleine und offene Volkswirtschaft werde dies die Schweiz zu spüren kriegen, so Brivio: «Die Wachstumsbeschleunigung gegenüber dem vergangenen Jahr wird nur geringfügig ausfallen, und die Ausreizung des Potenzialwachstums (rund 1,9 Prozent) bleibt bis auf Weiteres unerreichbar.» Das Schweizer Abwehrdispositiv auf diese neuen Realitäten ist indessen überschaubar. Tarifäre Gegenmassnahmen sind angesichts der tiefen hiesigen Inflationsraten zwar möglich, dürften aufgrund des Kräfteverhältnisses zwischen der Schweiz und den USA aber primär symbolischen Charakter haben. Bleibt somit nur die Abschwächung des Frankenaussenwertes zur relativen Verteidigung der Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Produkten auf dem internationalen (insbesondere dem amerikanischen) Absatzmarkt. «Aus diesem Grund hat die Wahrscheinlichkeit wieder zugenommen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Jahresverlauf den Leitzins ein weiteres Mal auf null Prozent absenken wird», erklärt Brivio. «Das Vorstossen in negatives Terrain halten wir aufgrund der bekannten unerwünschten Nebenwirkungen weiterhin für nicht angezeigt. Vielmehr dürfte die SNB die Frankenabschwächung zusätzlich über gezielte Devisenmarkt-Interventionen anstreben. Damit ist die Brandmarkung als 'Währungsmanipulator' durch die US-Regierung praktisch vorprogrammiert. Aber viel schlimmer kann es ja eigentlich nicht mehr kommen.»

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