Schock ’n‘ Roll an den Märkten: Inflationsdruck stoppt Zinssenkungen
Die wirtschaftliche Entwicklung wird aktuell durch zwei gegensätzliche Kräfte geprägt. Auf der Nachfrageseite treiben Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und KI-Rechenzentren die Dynamik. Auf der Angebotsseite wirken demografischer Wandel, Deglobalisierung und der Energiepreisschock bremsend. Diese Kombination wirkt inflationär – bei gleichzeitig unsicherem Wachstumsausblick.
Die zentrale Frage lautet: Sind die Rezessionskräfte stärker oder der Inflationsdruck? Und werden die Zentralbanken – wie nach der Pandemie – versuchen, durch den Inflationsdruck hindurchzusehen? Oder reagieren sie dieses Mal restriktiver? Aktuell deutet vieles auf Letzteres hin. Der Zinssenkungszyklus ist damit vorerst gestoppt.
Steigende Zinsen, steigende Risiken
Als Reaktion auf die gestiegenen Ölpreise sind die langfristigen Zinsen in der westlichen Welt gestiegen. Damit wächst das Risiko für eine Fiskalkrise in hochverschuldeten Staaten, wie etwa in Frankreich. Dort liegen die Nominalzinsen inzwischen über dem Nominalwachstum. Mit einer Staatsverschuldung von 115 Prozent des BIP bewegt sich das Land im Bereich einer möglichen Schuldenfalle. Regierungsnahe französische Berater fordern deshalb Massnahmen wie Schutzzölle gegenüber China von bis zu 30 Prozent oder eine deutliche Abwertung des Euro gegenüber dem Renminbi um 20 bis 30 Prozent. Europa ist kaum mehr wettbewerbsfähig, während asiatische Währungen Aufwertungspotenzial bergen.
Christof Reichmuth, Präsident des Verwaltungsrats, Reichmuth & CoAls Reaktion auf die gestiegenen Ölpreise sind die langfristigen Zinsen in der westlichen Welt gestiegen. Damit wächst das Risiko für eine Fiskalkrise in hochverschuldeten Staaten, wie etwa in Frankreich.
Kapitalströme im Wandel
Russland ist bereits vor zehn Jahren komplett aus US-Staatsanleihen ausgestiegen, China hat seine Bestände seither nahezu halbiert. Gleichzeitig haben Japan und westliche Staaten ihre Bestände deutlich erhöht. Mit den geopolitischen Spannungen und politischen Vorstössen aus den USA ist der Appetit auf US-Schulden inzwischen auch in Europa gesunken. Entsprechend wird vermehrt der Ruf nach «sicheren europäischen Anlagen» laut. Gemeint sind gemeinsame europäische Staatsanleihen, sogenannte Euro-Bonds. Aus ökonomischer Sicht ist dieser Schritt nachvollziehbar, da er die Kapitalmarktunion stärken und die Finanzierung steigender Verteidigungsausgaben erleichtern könnte. Selbst die Deutsche Bundesbank zeigt sich offen – allerdings unter der Voraussetzung einer stabilen Gesamtverschuldung und klar definierter Einsatzbereiche. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass solche Einschränkungen politisch schwer durchzuhalten sind.
USA: Hohe Verschuldung, jedoch hohe Fiskalkompetenz
Die USA leiden ebenfalls unter einer hohen Staatsverschuldung. Der entscheidende Unterschied: Das nominale Wachstum liegt über den nominalen Zinsen. Zudem stehen mit Scott Bessent und Kevin Warsh zwei ausgewiesene Finanzmarktkenner an der Spitze von Finanzministerium und Notenbank. Beide stehen in der Tradition von Stanley Druckenmiller, der seit Jahren vor den Risiken einer unhaltbaren US-Fiskalpolitik warnt. Derzeit finanzieren sich die USA hauptsächlich über kurzfristige Schuldtitel. Aus unserer Sicht bleiben sowohl der US-Dollar als auch der Euro Schwachwährungen. Aufgrund der institutionellen Aufstellung liegen die Vorteile jedoch vorübergehend beim US-Dollar.
Zinsmarken als Warnsignal
Für die weitere Entwicklung richten wir besonderes Augenmerk auf die zehnjährigen Zinsen. Die kritischen Werte liegen unserer Einschätzung nach in Europa bei rund vier Prozent, in den USA bei etwa fünf Prozent. Bei diesen Schwellen steigt die Wahrscheinlichkeit signifikanter Marktkorrekturen deutlich. Höhere Refinanzierungskosten treffen Staaten, Unternehmen und Aktienbewertungen gleichzeitig.
Klarheit vor Komplexität
Trotz dieser Unsicherheit bleibt unsere strategische Leitlinie unverändert: Langfristig sind Realwerte nominalen Anlagen überlegen. Aktien bieten Schutz vor Inflation und partizipieren am realen Wachstum. Aktienkurse können durch den Energieschock oder eine Fiskalkrise zwar unter Druck geraten, doch Unternehmen verfügen über Anpassungsmöglichkeiten. Besonders resilient erscheinen Dividendenwerte mit solider Bewertung. Sie liefern laufende Erträge und helfen, Marktschwankungen besser zu absorbieren. Gerade die Schweiz bietet hier ein überzeugendes Universum an Qualitätsunternehmen – ergänzt durch internationale Titel in Branchen, in denen die Schweizer Auswahl begrenzt ist.
Drei Wertspeicher
Kern jedes Portfolio bleiben daher folgende drei Anlagekategorien:
- Liquidität in Schweizer Franken: Sie schafft Flexibilität und Stabilität.
- Qualitätsaktien mit hoher Bilanzqualität und verlässlichen Dividenden. Zudem wird der Energiesektor immer wichtiger – sowohl aus geopolitischer Sicht als auch wegen des Energiebedarfs der sich abzeichnenden KI-Revolution.
- Gold als Absicherung: Es bleibt ein Schutz gegen systemische Risiken und Währungsabwertung.
In einem von Unsicherheit geprägten Umfeld ist nicht Aktionismus gefragt, sondern Disziplin. Entscheidend ist eine klare Strategie, die auch in volatilen Marktphasen trägt. Wer Risiken versteht, Ruhe bewahrt und konsequent auf Qualität setzt, kann die Chancen nutzen, die solche Umbrüche mit sich bringen.