Der Ölmarkt hat seine Puffer verloren – warum Anleger den Iran-Konflikt nicht unterschätzen dürfen
Die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran rückt die Energiemärkte erneut in den Fokus. Zwar deuteten jüngste Meldungen auf eine vorübergehende Pause der direkten Angriffe und neue diplomatische Bemühungen hin. Dennoch bleibt die Lage fragil: Nachdem das Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran gescheitert ist, haben die Spannungen rund um die Strasse von Hormus deutlich zugenommen. Die USA haben die Seeblockade gegen den Iran wieder eingeführt, zugleich drohen die Huthi-Rebellen mit einer Blockade saudi-arabischer Häfen. Für Anleger ist damit nicht nur die Frage entscheidend, ob es kurzfristig zu einer weiteren militärischen Eskalation kommt. Ebenso wichtig ist, wie viel Widerstandskraft die globalen Energiemärkte nach Monaten der Störungen noch besitzen.
Aus unserer Sicht unterscheidet sich die aktuelle Eskalation deutlich von früheren Phasen des Konflikts. Zwar bleibt eine Rückkehr zu einem instabilen, schwelenden Waffenstillstand das Basisszenario. Das Risiko einer vorübergehenden Rückkehr zu umfassenderen Kampfhandlungen ist jedoch spürbar gestiegen. Die kurzfristigen Eskalationsrisiken haben deutlich zugenommen. Gleichzeitig sprechen wirtschaftliche, politische und militärische Zwänge weiterhin dafür, dass beide Seiten im weiteren Verlauf wieder nach Wegen zur Deeskalation suchen dürften.
Ölmarkt mit deutlich reduzierten Notreserven
Besonders kritisch ist, dass die Reserven an den Energiemärkten inzwischen deutlich kleiner sind als zu Beginn des Konflikts. Nach unserer Einschätzung liegen die Ölflüsse aus dem Persischen Golf wieder bei weniger als der Hälfte des Vorkriegsniveaus. Zugleich sind strategische und kommerzielle Reserven nach fast fünf Monaten Konflikt stark zurückgegangen. Auch die Möglichkeit, Versorgungsengpässe durch eine schwächere chinesische Nachfrage abzufedern, ist begrenzt. Die Puffer an den Ölmärkten schwinden schnell. Eine erneute Eskalation wäre deshalb deutlich kostspieliger als in früheren Spannungsphasen. Der Markt trifft nicht mehr auf dieselben Reserven und Ausweichmöglichkeiten wie im Frühjahr.
Theodore Bunzel, Leiter Geopolitical Advisory, Lazard Asset ManagementDie Puffer an den Ölmärkten schwinden schnell. Eine erneute Eskalation wäre deshalb deutlich kostspieliger als in früheren Spannungsphasen.
Hinzu kommt, dass es nicht allein um Rohöl geht. Besonders angespannt sind inzwischen die Märkte für Raffinerieprodukte wie Diesel und Benzin. Der Abstand zwischen den Preisen für raffinierte Produkte und Rohöl hat historische Höchststände erreicht. Das deutet darauf hin, dass nicht nur die Rohölversorgung, sondern zunehmend auch die Verarbeitungskapazitäten zum Engpass werden. Eine erneute Bewegung des Ölpreises in Richtung 100 bis 110 US-Dollar je Barrel könne sich daher stärker auf Endverbraucherpreise auswirken als frühere Preisschübe.
Huthi-Drohungen erhöhen Risiko für Saudi-Exporte
Ein weiterer Risikofaktor ist nach unserer Einschätzung die Drohung der Huthi-Rebellen, den Schiffsverkehr zu saudi-arabischen Häfen zu blockieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Route über Yanbu am Roten Meer. Über diesen Exportweg kann Saudi-Arabien grosse Mengen Rohöl an der Strasse von Hormus vorbeileiten. Sollte auch dieser Ausweichkanal gestört werden, würde ein wichtiger Puffer für die globale Ölversorgung wegfallen. Die Huthi-Drohung gegen saudi-arabische Häfen ist deshalb relevant, weil sie einen der wichtigsten verbleibenden Umgehungswege für Golf-Öl betrifft. Selbst wenn eine vollständige Blockade operativ schwer umzusetzen wäre, können bereits höhere Kriegsrisiko- und Versicherungsprämien den Schiffsverkehr spürbar belasten. Für die kommenden Wochen sind daher mehrere Signale entscheidend: ob es zu weiteren US-Opfern und darauffolgenden US-Militärschlägen kommt, ob Israel wieder direkter in den Konflikt eingreift, ob der Iran weiter auf Kontrolle und mögliche Gebührenmodelle rund um die Strasse von Hormus besteht und ob die Huthi ihre Drohungen tatsächlich mit Angriffen auf Schiffe im Roten Meer untermauern. Auch die Entwicklung der strategischen Ölreserven sowie eine mögliche Erholung der chinesischen Ölnachfrage sind wichtige Indikatoren für die Belastbarkeit der Märkte.
Inflationsrisiken rücken zurück in den Vordergrund
Die jüngste Ölpreisentwicklung ist ein wichtiger makroökonomischer Risikofaktor. Der Preis für Brent-Rohöl war zeitweise auf über 100 US-Dollar je Barrel gestiegen, nachdem er nur wenige Wochen zuvor noch etwas über 70 US-Dollar lag. Zwar gaben die Preise nach der vorübergehenden Angriffspause wieder nach. Die Volatilität zeigt jedoch, wie schnell geopolitische Risiken auf Energiepreise und Inflationserwartungen durchschlagen können. Das Aufwärtsrisiko für Energiepreise ist diesmal grösser als in früheren Runden der Eskalation. Strategische Reserven wurden bereits deutlich reduziert, und auch China dürfte kaum noch in der Lage sein, einen weiteren Angebotsschock im gleichen Umfang abzufedern wie zuvor. Damit steigt auch das Risiko, dass höhere Energiepreise erneut auf Inflationserwartungen und Konsumstimmung durchschlagen. Zwar sind die jüngsten US-Inflationsdaten besser ausgefallen als erwartet. Bisher sind viele Preisimpulse – etwa durch Zölle, den Iran-Konflikt oder Halbleiter – vergleichsweise isoliert geblieben. Es ist aber davor zu warnen, einzelne Preisschübe zu unterschätzen, wenn sie sich über die Zeit häufen. Auch wenn sich jeder einzelne Preisanstieg gesondert erklären lässt, kann die kumulative Wirkung am Ende zu einem breiteren Inflationsdruck führen.
US-Notenbank Fed könnte in Zwickmühle geraten
Für die Geldpolitik der US-Notenbank Fed kommt die neue Eskalation zu einem schwierigen Zeitpunkt und die Lage wird komplexer. Wir erwarten zwar, dass die Fed kurzfristig zunächst abwartet. Die Kombination aus Iran-Krieg, höheren Energiepreisen und dem Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz kann aber dazu führen, dass die Risiken breiterer Inflation wieder stärker in den Vordergrund rücken. Die Fed dürfte zunächst auf mehr Klarheit warten. Sollte sich jedoch zeigen, dass der Inflationsdruck nicht isoliert bleibt, würde der geldpolitische Handlungsdruck schnell steigen.
Keine kurzfristige Entspannung der Energiearchitektur
Selbst wenn es in den kommenden Monaten zu einer Rückkehr zu einem schwelenden Waffenstillstand kommt, dürfte die Region längerfristig mit eingeschränktem Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus leben müssen. Golfstaaten arbeiten zwar daran, ihre Pipelinekapazitäten zur Umgehung der Meerenge auszubauen. Neue Infrastruktur dürfte jedoch frühestens 2027 zur Verfügung stehen. Das bedeutet, dass Anleger die aktuelle Eskalation nicht nur als kurzfristiges geopolitisches Ereignis betrachten sollten. Der Konflikt beschleunigt die Neuordnung regionaler Energieflüsse. Selbst im günstigeren Szenario dürfte die Strasse von Hormus über längere Zeit ein struktureller Risikofaktor für die Weltwirtschaft bleiben. Aus Anlegersicht rückt damit eine zentrale Botschaft in den Vordergrund: Der Ölmarkt ist heute verwundbarer als noch zu Beginn des Konflikts. Eine Rückkehr zu einem instabilen Gleichgewicht bleibt möglich. Doch solange zentrale Transportwege, Raffinerieprodukte und Reserven gleichzeitig unter Druck stehen, können geopolitische Schocks schneller auf Inflation, Zinsen und Wachstumserwartungen durchschlagen. Die Märkte sollten nicht nur auf den Ölpreis selbst schauen. Entscheidend ist, ob höhere Energiepreise in den kommenden Monaten auf Inflationserwartungen, Verbraucherpreise und Notenbankpolitik übergreifen.