Perlen unter US-Small-Caps – von Tech bis hin zu Cowboy-Stiefeln
Nach Jahren im Schatten der «Magnificent Seven» melden sich die US-Nebenwerte zurück. Einiges spricht dafür, dass die Small Caps aus dem Schatten der Tech-Giganten 2026 treten.
In den vergangenen zwei Jahren schien die Börse simpel: Wer in den USA Rendite wollte, setzte auf die Tech-Giganten. Die «Magnificent Seven» dominierten Schlagzeilen und Indizes, zogen Milliarden an Kapital an. Viele Anleger sprangen auf, aus Überzeugung oder aus Angst, etwas zu verpassen.
Fairouz Bouhmida, Senior Business Development Manager, Aberdeen Investments (Schweiz)Die grössten Konzerne der Welt waren einst selbst kleine Unternehmen. Wer ausschliesslich auf die etablierten Marktführer setzt, investiert in die Vergangenheit.
Die Kehrseite der Mega-Cap-Dominanz: Die Marktbreite schrumpfte. Der Grossteil der Indexperformance stammte von wenigen Schwergewichten, während weite Teile des Marktes, besonders Small Caps, kaum Beachtung fanden. Dies, weil das Kapital dorthin floss, wo Liquidität und Momentum am stärksten waren.
Cowboy-Boots und High-Tech
Wie vielfältig US-Small-Caps sind, zeigen Unternehmen abseits der grossen Indizes:
- Viavi Solutions liefert Testtechnik für Rechenzentren, Telekomnetze und die Verteidigung – ein stiller Profiteur des KI-Booms, denn ohne Infrastruktur läuft kein Datenzentrum.
- Camtek wiederum entwickelt Messtechnik für die Halbleiterproduktion. Während Chipdesigner im Rampenlicht stehen, sorgt Camtek im Hintergrund dafür, dass moderne Chips überhaupt präzise gefertigt werden können.
- Und dann ist da Boot Barn, ein Einzelhändler für Western- und Workwear mit starkem US-Fokus. Cowboy-Stiefel kommen in Amerika nie ganz aus der Mode. Der Cowboy ist dort weniger Beruf als Symbol – für Freiheit, Unabhängigkeit und eine tief verwurzelte Kultur. Kein Hightech also, sondern klassische Binnenwirtschaft. Boot Barn wächst mit neuen Filialen, profitiert von einer treuen Kundschaft und steht beispielhaft für Small Caps, die weniger von globalen Trends abhängen als vom Konsum im eigenen Land.
Gerade diese Mischung aus Technologie-Zulieferern, Industrie-Spezialisten und bodenständigen Konsumunternehmen macht den Reiz des Small-Cap-Segments aus.
Mehr Dynamik, tiefere Preise
Small Caps sind historisch günstig bewertet, während Analysten für 2026 deutlich höhere Gewinnzuwächse erwarten als bei den grossen Standardwerten. Für den Russell 2000 werden über 30 Prozent prognostiziert, der S&P 500 dürfte nur im niedrigen zweistelligen Bereich wachsen. Das macht Nebenwerte wieder spannend: tiefere Preise treffen auf mehr Dynamik. Doch Small Cap ist nicht gleich Small Cap. Im Russell 2000 finden sich viele unprofitable Firmen, weshalb Erholungsphasen oft zuerst von spekulativen Titeln getragen werden. Später richtet sich der Blick meist wieder auf solide Geschäftsmodelle. Entscheidend ist deshalb die Auswahl: Wer auf profitable Unternehmen mit starken Bilanzen setzt, findet im Small-Cap-Segment echte Substanz.
Zinsen, Binnenmarkt und politische Agenda
Die US-Wirtschaft wächst langsamer, aber weiter. Entscheidend ist nun die Geldpolitik: Vieles deutet auf Zinssenkungen in den kommenden Quartalen hin. Davon profitieren Small Caps oft besonders, weil sie stärker auf Finanzierungskosten reagieren. Zudem sind viele Nebenwerte stark auf den Heimmarkt ausgerichtet. Ein grosser Teil ihrer Umsätze entsteht in den USA. In Zeiten von Zöllen, geopolitischen Spannungen und staatlichen Investitionsprogrammen kann dieser Binnenfokus zum Vorteil werden – vor allem bei Infrastruktur- und Industrieprojekten.
M&A und Cash auf der Seite
Die steigende Übernahmetätigkeit im Small- und Mid-Cap-Bereich deutet auf eine Neubewertung hin. Strategische Käufer und Private-Equity-Investoren nutzen die tieferen Kurse für gezielte Akquisitionen – ein Zeichen, dass viele Nebenwerte als attraktiv gelten. Zugleich liegt in US-Geldmarktfonds so viel Kapital wie selten zuvor. Dieses Geld ist defensiv geparkt, könnte aber bei stabilerem Umfeld rasch in Aktien zurückfliessen. Da Small Caps gemessen am Gesamtmarkt derzeit gering gewichtet sind, würden schon moderate Umschichtungen spürbare Effekte haben.
Wer nur Giganten kauft, verpasst die Gewinner von morgen
Für langfristig orientierte Anleger stellt sich daher weniger die Frage, ob Small Caps wieder kommen – sondern wann. Die grössten Konzerne der Welt waren einst selbst kleine Unternehmen. Wer ausschliesslich auf die etablierten Marktführer setzt, investiert in die Vergangenheit. Wer gezielt auf qualitativ hochwertige Small Caps setzt, investiert in die nächste Generation von Marktführern. Doch Small Caps schwanken stärker als Large Caps und reagieren empfindlicher auf Konjunktur und Geldpolitik. Eine Rezession oder neue Zinsschocks würden sie besonders treffen, ebenso politische Unsicherheiten im Wahlumfeld.
Zyklus am Wendepunkt
Trotzdem zeigt die Börsengeschichte, dass Phasen relativer Schwäche bei Nebenwerten oft den Auftakt neuer Zyklen markieren. Heute sind Small Caps im US-Markt ungewöhnlich gering gewichtet, während die Dominanz weniger Grosskonzerne extreme Ausmasse erreicht hat – ein Ungleichgewicht, das sich über die Zeit meist wieder ausgleicht. Zudem entsteht Innovation nicht nur bei den Tech-Giganten. Viele spätere Marktführer waren einst kleine Unternehmen abseits des Rampenlichts. Nach Jahren der Konzentration auf Mega-Caps sollten die Anleger 2026 den Blick wieder stärker auf die zweite Reihe richten.