Klimaziele 2050: Übergangsfinanzierung besser als Netto-Null-Finanzierung
«Saubere» Portfolios bewirken nicht die Art von Wandel, der zur Bewältigung der Klimakrise erforderlich ist.
COP26 ist in vollem Gange. Dabei muss eine unbestreitbare und ernüchternde Tatsache mit Blick auf Netto-Null-Emissionen zur Kenntnis genommen werden. Jede Anstrengung in diesem Bereich, die nicht für die ganze Welt funktioniert, wird scheitern. Ein Weg, der die entwickelten Märkte auf Kosten anderer begünstigt, wird nur partiell zu Netto-Null-Emissionen führen, wodurch das Netto-Null-Ziel schliesslich nicht erreicht wird.
Hendrik du Toit, CEO Ninety OneZu viele Länder, Unternehmen und Kapitalgeber sehen das Erreichen der Klimaziele eher als ein individuelles Rennen gegen die Zahlen, denn als ein gemeinsames Rennen gegen die Zeit.
Jetzt ist es an der Zeit, die globalen Bemühungen zu bündeln und zu beschleunigen. Es muss Schluss sein mit Schlagwörtern, Greenwashing und Marketingtricks. Alle Länder haben die Pflicht, einen fairen Übergangspfad für alle 7,9 Milliarden Menschen auf der Welt zu schaffen, von denen die meisten in Schwellenländern leben und unverhältnismässig stark von schmutzigen Energiequellen oder Industrien abhängig sind. Ohne Anreize und Unterstützung wird das noch eine lange Zeit so bleiben.
Weg von «sauberen» Portfolios
Viele Investoren konzentrieren sich lediglich auf die Reduktion von Kohlenstoffemissionen in ihren eigenen Portfolios. Durch diesen kurzsichtigen Fokus auf «Portfolio-Reinheit» bewirken sie nicht die Art von Veränderung, die zur Bewältigung der Klimakrise erforderlich ist. Als Resultat gibt es zwar «saubere» Portfolios, doch das eigentliche Problem ist damit nicht gelöst – es wird lediglich auf andere abgewälzt.
Übergangsfinanzierung statt Netto-Null-Finanzierung
Jetzt ist nicht die Zeit für die reichen Länder, den Rest der Welt im Stich zu lassen. Wenn sich ein effektives «Buy developed, sell developing» durchsetzt, könnten die Schwellenländer genau zu dem Zeitpunkt ohne Investitionskapital dastehen, zu dem sie zusätzliche 2,5 Billionen Dollar pro Jahr zur Finanzierung ihrer Energiewende benötigen. Der Fokus der Unternehmen und Länder muss auf langfristigen Übergangsplänen liegen, d.h. auf Übergangsfinanzierung statt auf Netto-Null-Finanzierung. Darüber hinaus muss der Kontext, in dem jedes Land agiert, sein Potenzial, zum Netto-Null-Emissionsziel der Welt beizutragen und seinen spezifischen Übergangspfad angemessen berücksichtigen.
Finanzierung eines integrierten Übergangs
Investoren müssen Kapital für die Finanzierung des Übergangs zu Netto-Null-Emissionen bereitstellen – sowohl gezielte Allokationen als auch Finanzmittel für die Messung und Überwachung der Fortschritte bei der Erreichung der Klimaziele in ihren Kernportfolios. Darüber hinaus müssen Vermögensverwalter geeignete Instrumente entwickeln, die sicherstellen, dass es sich bei diesem Engagement nicht um Greenwashing handelt. Die Schaffung von Finanzinstrumenten, die den Kapitalgebern dabei helfen, ihre Portfolios auf eine reale integrative Dekarbonisierung auszurichten – sprich Instrumente, die Kapital in Unternehmen und Projekte lenken, die die Weltwirtschaft näher an die Kohlenstoffneutralität heranführen und den ärmeren Ländern die Möglichkeit geben, an der Netto-Null-Umstellung teilzuhaben – ist unerlässlich.
Worauf der Fokus liegen sollte: Elektrizität
Viele Schwellenländer, darunter Indien, Südafrika und Indonesien, sind bei der Stromerzeugung immer noch stark auf Kohle angewiesen. Für 25 bis 40% der gesamten Kohlenstoffemissionen dieser Länder sind fossile Brennstoffe verantwortlich. Weitere 9 bis 18% fallen auf den Verkehr. Da Elektrofahrzeuge ein sauberes Energienetz benötigen, um ihren Nutzen zu entfalten, können 40 bis 50% der Gesamtemissionen in vielen Schwellenländern durch eine Senkung der Emissionen aus der Stromerzeugung verringert werden. Um die Stromerzeugung in den Entwicklungsländern zu sanieren, müssen vier wichtige Finanzierungsströme erschlossen werden:
- Verfügbares Kapital für den Ausbau der erneuerbaren Energien
- Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur für den Übergang zu Netto-Null-Emissionen
- Anreize für staatliche Versorgungsunternehmen für die beschleunigte Schliessung von emissionsintensiven Anlagen
- Finanzierung eines fairen Übergangs für Arbeitnehmer und Gemeinden, die durch die Abkehr von fossilen Brennstoffen negative Konsequenzen tragen müssen
Der Privatsektor muss den angestrebten Übergang vorantreiben und Finanzmittel in grossem Umfang bereitstellen. Für Regierungen, politische Entscheidungsträger und Kapitalgeber ist das der längere Weg, aber es ist auch der richtige Weg. Bei einem fairen und integrativen Übergang gewinnt die ganze Welt.