Geteilte Macht in Washington: Was die Midterms für die Kapitalmärkte bedeuten
Die Demokraten haben in beiden Häusern die Mehrheit. Trump wird Kompromisse und Deals eingehen müssen, die Demokraten gleichermassen. Für die Kapitalmärkte zählt jedoch weniger die neue Machtverteilung als das, was am Ende tatsächlich umgesetzt wird.
Mit den Midterm Elections wurden 35 der 100 Senatoren und alle 435 Abgeordnete des Repräsentantenhauses neu gewählt. Nach dem derzeitigen Stand der Hochrechnungen und Auszählungen hat die Demokratische Partei sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit errungen. Die anhaltend hohe Inflation in den USA war das wahlentscheidende Thema.
Kubilay Yalcin, Portfolio Director Equities, Flossbach von StorchDa US-Präsident Donald Trump die Mehrheit seiner Republikanischen Partei in beiden Häusern des Kongresses verloren hat, muss er in der zweiten Hälfte seiner zweiten Halbzeit weitgehende Kompromisse mit der Demokratischen Partei eingehen.
Da US-Präsident Donald Trump die Mehrheit seiner Republikanischen Partei in beiden Häusern des Kongresses verloren hat, muss er in der zweiten Hälfte seiner zweiten Halbzeit weitgehende Kompromisse mit der Demokratischen Partei eingehen. Aber auch die Demokratische Partei wird trotz der errungenen Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses keine neuen Gesetze ohne die Zustimmung von US-Präsident Donald Trump in Kraft setzen können. Auch eine KI-Regulierung, welche die Demokratische Partei jetzt in beiden Häusern des Kongresses beschliessen könnte, kann der US-Präsident mit einem Veto stoppen. Nur mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern des Kongresses kann das präsidentielle Veto überstimmt werden. Präsident und Kongress können sich deshalb weitgehend gegenseitig blockieren.
Spürbare Folgen für die Wirtschaftspolitik
Für die Wirtschaftspolitik hat das spürbare Folgen. Weitere Steuersenkungen nach dem Vorbild der «One Big Beautiful Bill» vom Juli 2025 sind kaum noch zu erwarten, denn Haushaltsgesetze brauchen künftig die Zustimmung der Demokraten. Verhärten sich die Fronten, drohen zeitweise Blockaden bis hin zu längeren Government Shutdowns. Weil die Demokraten Sparprogrammen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen, dürften die nötigen Kompromisse ausserdem eher zu einer weiter steigenden Staatsverschuldung führen.
Kubilay YalcinDie Demokratische Partei wird trotz der errungenen Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses keine neuen Gesetze ohne die Zustimmung von US-Präsident Donald Trump in Kraft setzen können.
Auch in der Handelspolitik bleibt vieles offen. Der Supreme Court hat im Februar 2026 die auf Notstandsrecht (IEEPA) gestützten Zölle für unzulässig erklärt. Die Regierung ist seither auf andere, enger gefasste Rechtsgrundlagen ausgewichen und hat im Juli neue Zölle auf Importe aus 60 Volkswirtschaften angekündigt. Ein dauerhaftes und rechtssicheres Zollsystem gibt es damit weiterhin nicht. Mit dem Verlust der Kongressmehrheit dürfte Trump noch stärker auf Executive Orders setzen, deren Bestand letztlich die Gerichte bestimmen. Den grössten Handlungsspielraum behält der Präsident in der Aussen- und Sicherheitspolitik. Dort dürfte er sich in den verbleibenden zwei Jahren entsprechend stärker engagieren. Über das Budgetrecht können die Demokraten allerdings auch hier mitreden, etwa beim andauernden Krieg gegen Iran, der die Energiepreise in die Höhe getrieben hat und damit zur hohen Inflation beiträgt, die mitunter wahlentscheidend war.
Kapitalmärkte: Zwischen Gesundheitssektor und KI-Kritik
Die Auswirkungen der US-Midterms auf die Kapitalmärkte sind komplex und dürften sich teilweise erst mit der Zeit zeigen. Entscheidend wird letztlich sein, inwieweit die neuen politischen Mehrheitsverhältnisse die künftige US-Politik tatsächlich verändern und welche wirtschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Da hierbei zahlreiche politische und wirtschaftliche Faktoren ineinandergreifen, lassen sich insbesondere die mittel- und langfristigen Auswirkungen aus Flossbach von Storchs Sicht derzeit kaum verlässlich abschätzen. Kurzfristig könnten Unternehmen und Branchen, die von einer möglichen Verschiebung der politischen Prioritäten profitieren, stärker in den Fokus der Anleger rücken. Denkbar wäre beispielsweise ein verstärktes Interesse am Gesundheitssektor, weil die Demokraten öffentliche Krankenversicherungen stärker subventionieren wollen. Ob sich daraus tatsächlich nachhaltige Vorteile für Unternehmen ergeben, bleibt allerdings abzuwarten. Auf der anderen Seite geriet der Technologiesektor, insbesondere der Ausbau von Rechenzentren, zuletzt zunehmend in die politische Kritik. Die Ergebnisse der US-Zwischenwahlen könnten diesen Gegenwind verstärken. Strengere Auflagen oder Verzögerungen beim Ausbau wären ein zusätzlicher Belastungsfaktor für den ohnehin zunehmend kritisch hinterfragten KI-Investitionszyklus. Ob und in welchem Umfang daraus tatsächlich politische Massnahmen entstehen, ist jedoch offen.
Insgesamt dürften die unmittelbaren Marktreaktionen auf politische Ereignisse zunächst vor allem taktischer Natur sein. Mittel- und langfristig bleiben die fundamentalen Faktoren entscheidend: die Entwicklung der US-Zinsen, die Fiskal- und Handelspolitik und insbesondere die Unternehmensgewinne. Politische Entscheidungen können diese Faktoren natürlich beeinflussen. Entscheidend ist daher weniger, welche politischen Veränderungen zunächst erwartet werden, sondern welche Massnahmen am Ende tatsächlich umgesetzt werden und wie sie sich auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Unternehmensgewinne auswirken.