Bleibt die Schweiz vom Nebel der Inflation verschont?
Trotz anziehender Energiepreise ist die Inflation in der Schweiz niedrig. Teurer werden in jedem Fall das Reisen, Heizen, Immobilien und das Gesundheitswesen.
Stefan Paul, der Chef des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, sollte es eigentlich mit am besten wissen: «Wir gehen davon aus, dass die Treibstoffpreise bis mindestens zum Ende des Jahres relativ hoch bleiben werden», sagte er kürzlich gegenüber der NZZ. Damit nicht genug. Wenn der Nahost-Konflikt noch lange anhält, befürchtet Paul einen Energiepreisschock, der die allgemeine Inflation anheizen könnte. Hierzulande liegt sie derzeit nahe Null. Doch schon Ende März warnte die Nationalbank in ihrem Quartalsbericht: «Die Unsicherheit bezüglich der Wirtschaftsaussichten für die Welt und die Schweiz ist vor dem Hintergrund des Konflikts im Nahen Osten deutlich angestiegen». Herrscht mithin die Ruhe vor einem verzögerten und zumindest kleinen Sturm? Im Euroraum liegt die Inflationsrate inzwischen schon wieder bei drei Prozent, kein Wunder bei Energiepreisen, die im April das Vorjahr um knapp elf Prozent übertrafen.
Der starke Franken hilft
Hierzulande bremst der starke Franken die importierte Inflation, zudem hat im Warenkorb der Schweizer Verbraucher Energie im internationalen Vergleich eine unterdurchschnittliche Bedeutung. Dennoch ist der Sprit an den Tankstellen schon deutlich teurer geworden, und beim Flugbenzin häufen sich die Alarmrufe in besonderem Masse. Das spüren nicht nur die Logistiker in der Luftfracht, sondern auch die sonnenhungrigen Urlauber. Ein Beispiel: Ein für den Mai gebuchter Swiss-Flug nach Mallorca kostete Anfang März für zwei Personen knapp 630 Franken. Inzwischen sind es für Anfang Juni knapp 770 Franken, wobei natürlich auch die Saison eine Rolle spielt. Dennoch kam der deutsche Reisekonzern TUI kürzlich nicht um eine Gewinnwarnung herum. Ob der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der Opec mittelfristig im Ölhandel eine Entspannung bringt, bleibt abzuwarten.
Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist FAZ et al.Hierzulande bremst der starke Franken die importierte Inflation, zudem hat im Warenkorb der Schweizer Verbraucher Energie im internationalen Vergleich eine unterdurchschnittliche Bedeutung.
Rohöl zieht sich durch grosse Teile der Wertschöpfungsketten bis hin zu Kunststoffverpackungen. Das dürfte verstärkt auch Lebensmittel treffen: je weiter der Transportweg, desto mehr. Positiv kann im Gegenzug wirken, dass regionale Produkte stärker nachgefragt werden. Preisschübe drohen ausser in der Mobilität mit Verbrenner-Autos sowie in der Luft sowie beim Heizen vor allem in einem ganz anderen Sektor: dem Immobilienmarkt. Im Gegensatz zur Entspannung bei den Mieten scheinen die Preiserhöhungen beim Kauf von Eigentumswohnungen und Einfamilienhäusern kein Ende zu nehmen. Die Immobilienprofis von Wüest Partner erwarten für dieses Jahr ein weiteres Plus von 3,5 Prozent im Stockwerkeigentum und von 3,1 Prozent bei Häusern. Angesichts solcher Zahlen geht leicht vergessen, dass auch die Teuerung bei den Baupreisen auf 2,5 Prozent und damit weit über die aktuelle Inflationsrate zulegen sollte.
Der Gesundheitssektor ist uns lieb – und teuer
Der zweite grosse Preistreiber sind die Krankenkassenprämien. Jeder weiss, dass wir uns ein teures Gesundheitssystem leisten, aber alle jammern über die deutlich steigenden Prämien. Das dürfte auch 2027 so kommen. Dass die Krankenkassenbeiträge nicht im allgemeinen Warenkorb der Statistiker stecken, ist kein Trost. Das Geld kann rasch knapp werden und sei es nur in der individuellen Wahrnehmung, eine erhöhte Vorsicht in der Finanzplanung liegt nahe. Vorläufig hoffen die meisten Zentralbanken, dass die höheren Energiepreise nur einen vorübergehenden Angebotsschock widerspiegeln. Durch solche Schocks könnten sie in der Regel «hindurchschauen», meint SNB-Präsident Martin Schlegel. An eine Stagflation mit Wirtschaftsflaute und Inflation mögen sie noch nicht denken. Zu lange dürfe der Schock indes wegen möglicher Zweitrundeneffekte bei Dienstleistungen und Löhnen nicht dauern, warnt auch Schlegel. In jedem Fall ist Wachsamkeit angesagt. Während Corona haben die Notenbanker mit wenigen Ausnahmen wie etwa der SNB zu lange gezögert, ehe sie ihre Leitzinsen erhöhten.