Wettbewerbsfähigkeit: Die Schweiz reguliert sich aus der Weltspitze

Eine neue Studie von McKinsey und der Swiss-American Chamber of Commerce zeigt die Schlüsselrolle multinationaler Unternehmen für die Schweizer Wirtschaft und benennt basierend auf einer Befragung von Unternehmensleitenden konkreten Handlungsbedarf zur Sicherung der langfristigen Standortattraktivität im internationalen Wettbewerb.

Multinationale Unternehmen machen zwar nur 6 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz aus, erwirtschaften jedoch 42 Prozent des Schweizer BIP und tragen seit 2014 zu drei Vierteln des nominalen Wirtschaftswachstums bei. Die Schweiz ist heute trotz globaler disruptiver Dynamiken produktiver denn je. Gleichzeitig sehen sieben von zehn befragten CEOs gegenüber globalen Hubs eine Verschlechterung in mindestens drei zentralen Standortfaktoren – insbesondere bei Regulierung, Steuern und Infrastruktur. Zugleich gewinnt die Schweiz bei Forschung und Entwicklung sowie im Technologiesektor an Bedeutung, verliert jedoch bei globalen Hauptsitzfunktionen an Boden.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist kein Selbstläufer mehr. Die Frage ist nicht mehr, ob wir attraktiv bleiben, sondern ob wir die Bedingungen aktiv pflegen, die diese Attraktivität ausmachen.

Michael Steinmann, Managing Partner von McKinsey Schweiz

Die Verschiebung ist bereits sichtbar: Die Schweiz gewinnt bei Technologie und Künstlicher Intelligenz an Bedeutung und steigert ihren Anteil an Um- und Neuansiedlungen von Unternehmenshauptsitzen von 15 auf 22 Prozent. Gleichzeitig verliert sie in Pharma & Healthcare (46 auf 32 Prozent) sowie Industrie (27 auf 16 Prozent). Insgesamt bleibt die Schweiz Europas führender Standort für Forschung und Entwicklung, zieht aber weniger globale Hauptsitze und Steuerungsfunktionen an als früher. «Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz ist kein Selbstläufer mehr. Unsere CEO-Befragung zeigt: Die Frage ist nicht mehr, ob wir attraktiv bleiben, sondern ob wir die Bedingungen aktiv pflegen, die diese Attraktivität ausmachen», sagt Michael Steinmann, Managing Partner von McKinsey Schweiz. «Multinationale Unternehmen sind dabei ein Frühwarnsystem: Wenn Investitionsentscheide zunehmend zugunsten anderer Hubs fallen, ist das ein wichtiges Signal für die langfristige Standortqualität. Besonders kritisch beurteilen die CEOs drei Faktoren: die «Ease of Doing Business» mit regulatorischer Komplexität und Geschwindigkeit (rund 70 Prozent sehen eine Verschlechterung), das steuerliche Umfeld nach der OECD-Mindestbesteuerung (65 Prozent) sowie Infrastrukturengpässe (60 Prozent). Rund 80 Prozent vergleichen die Schweiz nicht mehr nur mit europäischen Standorten, sondern mehr mit globalen Hubs wie den USA, Singapur und den Emiraten. Bei Talent, politischer Stabilität und Forschungsstärke bleiben die Werte hingegen hoch – mehr als 85 Prozent stufen Talent und Innovation weiterhin als Kernstärke ein.

Tempo als kritischer Standortfaktor
Nach Einschätzung der CEOs entsteht der grösste Wettbewerbsnachteil nicht durch einzelne Regulierungen, sondern durch die Summe vieler kleiner Verzögerungen – von langen Bewilligungsverfahren für Investitionen in Infrastrukturprojekte oder Arbeitsbewilligungen für externe Talente. Gleichzeitig verschärfen geopolitische Spannungen, neue Handelsbarrieren, Unsicherheiten im Verhältnis zur EU, die OECD-Mindestbesteuerung, eine aktivere US-Handelspolitik und der starke Franken den Wettbewerbsdruck zusätzlich. Rahul Sahgal, CEO der Swiss-American Chamber of Commerce, betont: «Die Schweiz kann grössere Volkswirtschaften nicht mit Marktgrösse oder Subventionen ausstechen – aber sie kann sie mit Leistung, Schnelligkeit und Verlässlichkeit übertreffen. Diesen Vorteil müssen wir wieder gezielt nutzen. Dafür braucht es schnelleres Handeln sowie ein klares und konsequentes Bekenntnis zu wirtschaftlichem Wachstum – denn ohne Wachstum lässt sich unser heutiger Wohlstand nicht bewahren.»

Fünf Handlungsfelder – Handeln statt abwarten
Der Report identifiziert fünf zentrale Handlungsfelder: internationale Talente, regulatorische Prozesse, steuerliche Planbarkeit, Infrastruktur sowie die strategische Positionierung der Schweiz gegenüber der EU, den USA und Asien. Ein starker Wirtschaftsstandort zeichnet sich gemäss den Autoren nicht durch Deregulierung um jeden Preis aus, sondern durch wirksame, verhältnismässige und planbare Rahmenbedingungen, die Innovation, Investitionen und Wachstum ermöglichen. «Die Schweiz braucht keine Neuerfindung – sie braucht die konsequente Pflege genau jener Stärken, die sie zur attraktivsten Volkswirtschaft Europas gemacht haben. Entscheidend ist, dass wir uns nicht auf den bisherigen Erfolgen ausruhen. Der langfristige Wohlstand der Schweiz hängt von wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen für international tätige Unternehmen ab. Wenn wir Geschwindigkeit verlieren, verlieren wir Relevanz», schliessen Steinmann und Sahgal.

Die detaillierte McKinsey-Studie «Climbing higher. Securing Switzerland’s competitiveness in a changing landscape» findet sich hier.

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