Der nächste Aufschwung kommt nicht aus den USA
Nach mehr als einem Jahrzehnt relativer Underperformance stehen Schwellenländeraktien an einem potenziellen Wendepunkt. Mehrere strukturelle und zyklische Faktoren sprechen dafür, dass sich das Umfeld für Emerging Markets (EM) im Jahr 2026 deutlich verbessern könnte – sowohl absolut als auch im Vergleich zu den entwickelten Märkten.
Ein zentraler Faktor für Schwellenländer ist die Entwicklung des US-Dollars. Dieser hat gemessen am handelsgewichteten US-Dollar-Index (DXY) im Jahresverlauf 2025 deutlich nachgegeben und zum Jahresende spürbar unter seinen Mehrjahreshochs notiert. Historisch betrachtet sind Phasen mit einem schwächeren US-Dollar häufig mit einer Outperformance von Schwellenländeraktien verbunden. Denn ein geringerer Dollar-Druck senkt Finanzierungskosten, stabilisiert Kapitalströme und verschafft den EM-Notenbanken zusätzlichen geldpolitischen Spielraum.
Überdurchschnittliches Gewinnwachstum in Sicht
Auch fundamental spricht vieles für die Schwellenländer. Für 2026 wird für den MSCI Emerging Markets Index ein Gewinnwachstum von rund 15 Prozent erwartet, während die Prognosen für die USA im untersten zweistelligen Bereich und für Europa teilweise deutlich darunter angesiedelt sind. Besonders dynamisch dürften sich Asien sowie einige Länder Lateinamerikas entwickeln. In der CEEMEA-Region, also Zentral- und Osteuropa, der Nahe Osten und Afrika, könnte sich das Gewinnwachstum nach einer schwächeren Phase ebenfalls deutlich beschleunigen. Insgesamt sehen wir in den Emerging Markets mehr Spielraum für positive Gewinnüberraschungen als in vielen entwickelten Märkten.
James Donald, Portfolio Manager, Lazard Asset ManagementFür 2026 wird für den MSCI Emerging Markets Index ein Gewinnwachstum von rund 15 Prozent erwartet.
Historisch günstige Bewertungen
Trotz dieses Wachstumsausblicks sind die Bewertungen von Schwellenländeraktien niedrig: EM-Aktien werden aktuell mit einem Abschlag von rund 40 Prozent gegenüber US-Aktien gehandelt. Der langfristige Durchschnitt liegt bei etwa 30 Prozent – der aktuelle Abschlag ist damit mehr als eine Standardabweichung grösser als im historischen Mittel. Auch absolut betrachtet sind die Bewertungen attraktiv: Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI Emerging Market Index liegt im niedrigen zweistelligen Bereich und damit deutlich unter dem des S&P 500. Gleichzeitig sehen wir, dass sich zentrale Qualitätskennzahlen bei EM-Unternehmen verbessern: Die Eigenkapitalrenditen steigen, während freie Cashflows und Dividendenrenditen in vielen EM-Märkten über denen der entwickelten Märkte liegen.
Produktivitätsgewinne und struktureller Wandel
Zudem ist ein wesentlicher Unterschied zu früheren EM-Zyklen hervorzuheben, und zwar die Zusammensetzung der Märkte: Viele Schwellenländermärkte haben einen strukturellen Wandel durchlaufen. Der Anteil von Technologie-, Internet- und Halbleiterunternehmen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Insbesondere in Asien sind diese Branchen wesentliche Wachstumstreiber geworden. Heute werden rund 47 Prozent der Marktkapitalisierung des MSCI Emerging Markets Index auf technologiegetriebene Sektoren entfallen – ein Wert, der nur noch knapp unter dem US-Niveau liegt (53 Prozent) und deutlich über dem Europas (11 Prozent). Besonders auffällig ist dabei die Bewertung: Halbleiter- und Softwareunternehmen aus den Schwellenländern werden mit 30 bis 50 Prozent niedrigeren Bewertungen gehandelt als vergleichbare US-Unternehmen, obwohl das erwartete Gewinnwachstum in vielen Fällen ähnlich hoch ist. Anleger zahlen in den USA also einen Aufpreis für eine solche Sektorexponierung, die in den Schwellenländern deutlich günstiger zu haben ist.
James DonaldEM-Aktien werden aktuell mit einem Abschlag von rund 40 Prozent gegenüber US-Aktien gehandelt.
Verbesserter Ausblick für China
Mit rund 31 Prozent Gewicht im MSCI Emerging Markets Index hat die Entwicklung chinesischer Aktien erheblichen Einfluss auf die Performance von EM-Aktien insgesamt. Die gute Nachricht: Nach mehreren schwierigen Jahren haben chinesische Aktien im Jahr 2025 wieder deutlich an Boden gewonnen. Der MSCI China Index verzeichnete über das Gesamtjahr eine kräftige zweistellige Wertentwicklung, gestützt durch politische Stabilisierungsmassnahmen und eine verbesserte Stimmung der Investoren. Die chinesische Regierung signalisiert auch weiterhin ihre Bereitschaft, Wachstum und Stabilität zu unterstützen – unter anderem durch fiskalische Impulse, Massnahmen zur Stärkung der Binnenkonjunktur und gezielte Förderung strategischer Branchen. Das ist wichtig, denn die Erfahrung aus den Jahren 2016 bis 2020 zeigt, dass politische Unterstützung wesentlich dazu beitragen kann, auch in einem schwierigen globalen Umfeld eine Outperformance zu ermöglichen.
Risiken bleiben – aber sie sind eingepreist
Natürlich sind Investitionen in Schwellenländer auch mit Risiken verbunden. Geopolitische Spannungen, protektionistische Tendenzen und handelspolitische Unsicherheiten bleiben auch im neuen Jahr relevante Einflussfaktoren. Allerdings sind viele dieser Risiken bekannt und aus unserer Sicht bereits weitgehend in den Bewertungen reflektiert. Entscheidend ist, dass sich die fundamentalen Rahmenbedingungen verbessern und die Ertragskraft der Unternehmen steigt.
Fazit
Für 2026 sehen wir bei Schwellenländeraktien eine seltene Kombination aus attraktiven Bewertungen, einem schwächeren US-Dollar, strukturellem Wandel hin zu Zukunftstechnologien und überdurchschnittlichen Erwartungen beim Gewinnwachstum. Damit sind die Weichen gestellt für eine positive Entwicklung der Assetklasse in diesem Jahr und darüber hinaus. Für langfristig orientierte Anleger bietet sich aus unserer Sicht jetzt eine attraktive Gelegenheit, sich frühzeitig zu positionieren.