USA und die Schweiz: Ungleiche Schwestern mit vielen Gemeinsamkeiten

Zum 250-jährigen Bestehen der USA sind die Beziehungen zwischen Bern und Washington getrübt. Doch wie ist es grundsätzlich um die traditionelle institutionelle Verbundenheit der zwei erfolgreichen Länder bestellt? Eine Annäherung an eine vielschichtige Frage.

Letztes Wochenende feierten die USA den 250. Geburtstag. Die Feierlichkeiten und Berichterstattungen standen ganz im Zeichen von Donald Trump. Wer jedoch Amerika ausschliesslich durch die Brille des US-Präsidenten betrachtet, wird weder seiner Geschichte noch seiner wirtschaftlichen Bedeutung gerecht. Die USA waren nie als klassische Nation gedacht, sondern als Projekt: offen, unvollendet, risikobereit. Die Wirtschaftskraft gründet nicht auf jahrhundertealten Strukturen, sondern auf einer bewussten Abkehr davon; der Bruch mit Europa war politisch, ökonomisch und mental. Die Vereinigten Staaten entwickelten früh ein System, das Eigentum schützt, Kapital mobilisiert und Unternehmertum belohnt. Verfassung, Föderalismus und unabhängige Gerichte schufen Vertrauen – die unsichtbare Infrastruktur jeder funktionierenden Volkswirtschaft.

Die Schweiz und USA werden immer wieder als Schwesternrepubliken bezeichnet – mit Blick auf die von den 'Bill of Rights' inspirierte Schweizer Verfassung und ein ähnliches Staatsverständnis.

Santosh Brivio, Leiter Economic Research, Migros Bank

Aus Schweizer Optik lohnt sich der Blick auf dieses gewagte und erfolgreiche Experiment. Die Schweiz und USA werden immer wieder als Schwesternrepubliken bezeichnet – mit Blick auf die von den «Bill of Rights» inspirierte Schweizer Verfassung und ein ähnliches Staatsverständnis. Trotz aller Unterschiede bei Grösse, Wirtschaftskraft oder militärischer Bedeutung verbindet beide ein zutiefst republikanisches Verständnis des Staatswesens mit föderalen und subsidiären Strukturen. Doch lässt sich angesichts von Handelskonflikten noch von geschwisterlichen Banden sprechen? Oder liegt die Verwandtschaft tiefer – in Gemeinsamkeiten, die lange vor Donald Trump da waren und lange nach ihm Bestand haben? Ein Symbol steht dafür wie kaum ein anderes: die Freiheitsstatue. Millionen von Einwanderern sahen in ihr den ersten Blick auf ihre neue Heimat. Vielleicht erzählt sie mit den in Bronze gegossenen Worten auf ihrem Sockel bis heute mehr über das Erfolgsgeheimnis Amerikas als manche wirtschaftspolitische Analyse.

Grösse versus Effizienz?
«With conquering limbs astride from land to land.» Erst war es die Industrialisierung, gefolgt von der Massenproduktion und schliesslich die digitale Plattformökonomie: Immer wieder gelang es den USA, Grösse in Produktivität zu übersetzen. Netzwerkeffekte wurden genutzt, Kapitalmärkte vertieft, Risiken breit verteilt. Die Schweiz scheint das Gegenteil zu sein: klein, rohstoffarm, gezwungen, Effizienz über Grösse zu stellen. Wo die USA skalieren, spezialisieren sich die Schweizer. Amerika expandiert, die Schweiz optimiert.

Migration als gemeinsame und entscheidende Grösse
«Here at our sea-washed, sunset gates shall stand.» Auch die Schweiz kennt diese Dynamik, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Die Offenheit ist selektiver, stärker reguliert, politisch sensibler. Doch die Abhängigkeit von qualifizierter Zuwanderung ist unbestritten. Wohlstand entsteht dort, wo Talent auf Chancen trifft – ermöglicht durch ein republikanisches Verständnis von Staat und Wirtschaft: Der Staat setzt den Rahmen, dominiert aber nicht das Spiel. In den USA ist Wettbewerb das zentrale Ordnungsprinzip – zwischen Unternehmen, Bundesstaaten und Ideen. In der Schweiz dominiert der Ausgleich: Konsens, Stabilität, graduelle Anpassung.

Kontrollierte Präzision versus wilder Versuch & Irrtum
«Is the imprisoned lightning, and her name.» Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der USA ist die enge Verzahnung von Wissenschaft, Kapital und Unternehmertum. Universitäten, Venture Capital und ein toleranter Umgang mit Scheitern bilden ein Ökosystem, das Innovation systematisch hervorbringt. Die Schweiz ist ebenfalls innovativ, aber stärker industriegetrieben, oft inkrementell, weniger disruptiv: Präzision statt Explosion – ein anderes Erfolgsmodell mit anderem Risikoprofil.

Bewahren oder konstruktiv zerstören?
«Mother of Exiles.» Während die USA ihre Identität aus permanenter Erneuerung schöpfen, baut die Schweiz auf Kontinuität. Das amerikanische System ist auf ständige Neuerfindung ausgelegt, das schweizerische auf Sicherung von Stabilität. Ökonomisch heisst das: Die USA sind dynamischer, aber volatiler; die Schweiz ist stabiler, aber potenziell weniger anpassungsfähig in Zeiten des Umbruchs.

Anziehungskraft haben – und sich derer auch bewusst sein
«From her beacon-hand glows world-wide welcome.» Für die Schweiz stellt sich die Frage, wie sie in einer fragmentierten Welt ihre Attraktivität sichert. Steuerliche Wettbewerbsfähigkeit, regulatorische Verlässlichkeit und politische Stabilität bleiben entscheidend, genügen aber nicht mehr allein. Zunehmend zählen auch narrative Faktoren – die Wahrnehmung eines Standorts.

Freiheit UND soziale Sicherheit. Geht das?
«Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free.» Die Schweiz ist egalitärer, mit ausgeprägtem sozialen Sicherungssystem, steht aber ebenfalls unter Druck durch Kosten, Demografie und Wettbewerb. Freiheit bleibt beiderorts zentral: In den USA zeigt sie sich in flexiblen Arbeitsmärkten, geringer Regulierung und Unternehmenskultur; in der Schweiz ist sie stärker in institutionelle und soziale Strukturen eingebettet.

Gleich und doch anders
Sind die USA und die Schweiz Schwesternrepubliken? Institutionell zweifellos: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Föderalismus sind gemeinsame Grundlagen, ökonomisch aber unterscheiden sich die Modelle fundamental. Die USA können von der Kunst der Stabilität lernen, die Schweiz von mehr Mut zum Risiko, grösserer Akzeptanz von Scheitern und einer stärkeren Verknüpfung von Kapital, Technologie und Unternehmertum.

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