Julius Bär: Totalabschreiber der Benko-Kreditposition kostet CEO Philipp Rickenbacher den Kopf

Lange hat sich Julius Bär im Zusammenhang mit dem Benko-Kreditdebakel bedeckt gehalten. Nachdem die Zürcher Privatbank im November 2023 einen ersten Abschreiber von 70 Millionen Franken bekannt gegeben hat, informierte sie heute, dass die Benko-Kreditposition komplett abgeschrieben wird. Damit beläuft sich der Schaden für die Bank auf desaströse 606 Millionen Franken. Für CEO Phillipp Rickenbacher ist damit Ende der Fahnenstange. Er muss die Bank verlassen und wird – zusammen den direkt an den Kreditentscheidungen beteiligten Mitglieder der Geschäftsleitung – keine variable Vergütung für das Geschäftsjahr 2023 erhalten. Die Entschädigung der übrigen Mitglieder der Geschäftsleitung für 2023 wird deutlich reduziert.

Mit dem Untergang des Immobilien-Imperiums von René Benko wurden verschiedene Banken im In- und Ausland auf dem falschen Fuss erwischt. Das aber in der Schweiz ausgerechnet die Zürcher Privatbank Julius Bär, die immer betont hat, als Pure Player nur im Private Banking-Geschäft aktiv zu sein, mit dem zweifelhaften österreichischen Financier Kreditgeschäfte in diesem enormen Ausmass tätigte, hat viele kritische Fragen aufgeworfen. Nicht nur stand das Risiko in keinem Verhältnis zur Grösse des Kreditbuches. Offenbar muss im Rückblick auch konstatiert werden, dass die Kredit-Expertise und das Risiko-Verständnis innerhalb der Bank wenig ausgeprägt waren. Noch schlimmer wiegt der Umstand, dass die toxische Kreditbeziehung mit Réne Benko von nahezu allen wichtigen Entscheidungsträger der Bank, angefangen vom Chief Risk Officer (Oliver Bartholet), über die Finanzchefin (Evangelia «Evie» Kostakis), den CEO (Phillipp Rickenbacher) bis hin zum Chairman (Romeo Lacher) abgesegnet wurde. Kein Wunder also, dass bereits sehr früh die Frage aufkam, wer für das Kredit-Desaster die Verantwortung trägt bzw. übernimmt.

Verwechsle die Höhe deiner Gage niemals mit der Grösse deines Talents.

Marlon Brando, US-Schauspieler (1924 – 2004)

«Wir betreiben das Kreditgeschäft nicht erst seit gestern», lies sich Philipp Rickenbacher wenige Tage nach Bekanntgabe des ersten Abschreibers im Kreditbuch der Bank über 70 Millionen Franken in einer renommierten Schweizer Zeitung verlauten. Was möglicherweise als medialer Befreiungsschlag gedacht war, entpuppte sich spätestens nach der bestätigten Insolvenz der Signa-Grupp von Réne Benko als untauglicher Versuch, die Katastrophe klein zu reden und darauf zu hoffen, dass sich die Dinge doch noch zum Guten wenden.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass sich in der Zürcher Bankenwelt relativ schnell der Eindruck verfestigte, dass die geplatzte Kredit-Bombe keinerlei personellen Konsequenzen nach sich ziehen wird. Weder Romeo Lacher noch Philipp Rickenbacher – die beiden naheliegendsten Kandidaten für eine rote Karte – fühlten sich aufgerufen, die Verantwortung für den materiellen Schaden, welcher der Bank in vielfacher Hinsicht entstanden ist, zu übernehmen – vom Reputationsverlust ganz zu schweigen. In der Folge war in den Medien von «kollektiver Verantwortungslosigkeit» die Rede, derweil sich Branchenbeobachter bis heute nicht erklären können, weshalb die Führungsetage von Julius Bär einem zweifelhaften Financier solch monströse Kredite gewährte – und im Gegenzug keine Sicherheiten einforderte, die der Bezeichnung gerecht geworden wären. Ein Totalversagen der Bankspitze, namentlich von Romeo Lacher und von Phillipp Rickenbacher, die im Nachgang des sich abzeichnenden Kredit-Debakels mit einem fragwürdigen Selbstverständnis in Bezug auf ihre Rolle als Chairman beziehungsweise als CEO einer renommierten Privatbank dem Ansehen des gesamten Schweizer Finanzplatzes geschadet haben.

Ein gesichtswahrender Abgang von Philipp Rickenbacher – alternativ von Romeo Lacher – hätte freiwillig und bereits vor Wochen erfolgen müssen. Vielleicht ist er in den vergangenen Tagen tatsächlich selber zum Schluss gekommen, dass sein Verbleib in der Bank ein Unding ist, obwohl Julius Bär personelle Konsequenzen gegenüber den Medien immer vehement negiert hat. Inwieweit die Schweizer Bankenaufsicht FINMA, die nach dem Niedergang der Credit Suisse unschöne Kritiken hinsichtlich ihrer Interventionskraft als glaubwürdige und potente Aufsichtsbehörde erntete, Phillipp Rickenbachers Rücktritt ultimativ eingefordert hat, bleibt ihr Geheimnis. Klar scheint zumindest, dass Julius Bär jetzt einmal mehr vor einem Neuanfang steht – bis auf Weiteres unter der Leitung des bisherigen Chief Operating Officer Nic Dreckmann, der die CEO-Rolle ad interim übernimmt.