Julius Bär: Wer übernimmt die Verantwortung für das 600 Millionen Benko-Exposure – wenn überhaupt?
Naiv ist, wer geglaubt hat, dass nach dem Fall der Credit Suisse, die an ihrer fragwürdigen Risiko-Kultur scheiterte, Ruhe auf dem Schweizer Finanzplatz einkehrt. Nur ein paar Monate später macht die Privatbank Julius Bär unschöne Schlagzeilen. Und wieder steht das Risiko-Management einer Bank im Fokus. Nichts aus der Vergangenheit gelernt, möchte man meinen und fragen: Was ist eigentlich los im Swiss Banking? Wie kann es sein, dass die für die Risikobeurteilung zuständigen Instanzen auf Banken immer wieder versagen oder vom Management übersteuert werden?
Der Image-Schaden für Julius Bär ist enorm. Hintergrund ist ein Kredit-Exposure der Schweizer Privatbank von sagenhaften 600 Millionen Franken, das mutmasslich auf eine toxische Geschäftsbeziehung mit dem umstrittenen österreichischen Financier René Benko bzw. dessen Signa-Gruppe, zurückgeht. Dabei handelt es sich um das mit Abstand grösste Einzel-Engagement im Private-Debt-Buch der Bank von 1,5 Milliarden Franken – oder, wie Julius Bär nicht Müde wird zu betonen, um lediglich rund 3,6 Prozent des Gesamtkreditbuchs von 41 Milliarden Franken.
Auf den ersten Blick also kein Problem, wird damit insinuiert. Und dennoch sehen sich CEO Philipp Rickenbacher und Chairman Romeo Lacher mit unangenehmen Fragen konfrontiert. Wer hat dieses exorbitante Exposure intern abgesegnet? Auf welcher Basis? Und am Wichtigsten: Reichen die hinterlegten Sicherheiten des Kreditnehmers – dessen Name Julius Bär aus Gründen des Bankkundengeheimnisses hartnäckig verschweigt – aus, um grösseren Schaden von der Bank abzuwenden? Erste Rückstellung über 70 Millionen Franken sind bereits erfolgt. Auch hat Julius Bär offenbar Massnahmen ergriffen, um eigene Interessen zu schützen und den Wert der gestellten Sicherheiten zu erhalten – was immer das genau heisst. Zudem versichert die Bank, «Umsicht» beim Buchen weiterer Wertberichtigungen, sofern diese erforderlich sind, was vermuten lässt, dass die bereits erfolgte Rückstellung über 70 Millionen Franken im ungünstigsten Fall nicht ausreicht, sprich die Schadensumme durchaus noch höher ausfallen könnte.
The OnlinerKlar ist, dass René Benko auch in der helvetischen Bankenwelt kein Unbekannter war, weshalb im vorliegenden Fall davon auszugehen ist, dass eine Kredit-Limite in dieser Grössenordnung mindestens vom CEO, wenn nicht sogar vom Verwaltungsrat der Bank abgesegnet wurde.
Was uns zu einer weiteren wichtigen Frage führt: Wer übernimmt bei Julius Bär die Verantwortung für einen möglichen Millionenverlust, so er sich denn tatsächlich manifestiert? Natürlich der verantwortliche Risk-Officer, möchte man reflexartig meinen. Im Grundsatz ja, lautet die Antwort gemäss Branchen-Usanz, sofern offensichtliche Warnsignale überhört oder wissentlich übersehen wurden. Ob das so ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Klar ist, dass René Benko, ein schillernder Financier aus Österreich, auch in der helvetischen Bankenwelt kein Unbekannter war, weshalb im vorliegenden Fall davon auszugehen ist, dass eine Kredit-Limite in dieser Grössenordnung mindestens vom CEO, wenn nicht sogar vom Verwaltungsrat der Bank «abgesegnet» wurde.
Die Ankündigung von Philipp Rickenbacher, dass Privat Dept-Geschäft und den Rahmen, in dem es betrieben wird, zu überprüfen, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Ob er allerdings ausreicht, um die Gemüter, namentlich auch diejenigen der Schweizer Finanzmarktaufsicht zu beruhigen, steht auf einem anderen Blatt. Gleiches gilt für den Risikoappetit des CEOs von Julius Bär, der die verwalteten Vermögen bis im Jahr 2030 auf 1’000 Milliarden Schweizer Franken hochschrauben will – sofern er dann noch am Steuer sitzt.