Keine Angst vor der Geldanlage

Geldanlage ist, wie so vieles im Leben, eine Frage der Haltung. Wie gehe ich an eine Sache heran? Und was mache ich dann daraus?

Ich halte seit vielen Jahren Vorträge – vor Profianlegern, aber auch vor Einsteigern. Auf vielen Veranstaltungen bin ich nicht der einzige Referent. Es werden gewöhnlich mehrere Vorträge zu ähnlichen Themen gehalten. Was uns dabei immer wieder auffällt, insbesondere an der Reaktion des Publikums: Gefragt ist, was Angst macht. Den grössten Applaus bekommen die tiefen Töne. Crash. Absturz. Krise. So retten Sie Ihr Geld, bevor es zu spät ist!

Ein Investor sollte stets die Risiken im Blick haben; er muss es sogar – verschiedene Szenarien durchdenken, abwägen, was zu tun ist und was zu lassen. Sich die wichtigen und richtigen Fragen stellen, Was-wäre-wenn-Fragen. Alles andere ist grob fahrlässig.

Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege, Flossbach von Storch

Untergangspropheten haben ganzjährig Konjunktur. Sie reihen Crash-Prognose an Crash-Prognose. Eine Haltung im Übrigen, die sich sehr leicht einnehmen lässt, weil man sich gewöhnlich nicht dafür rechtfertigen muss. Typ Mahner, einer, der sich nicht blenden lässt und deshalb über jeden Zweifel erhaben ist, der Tacheles redet. Er durchdringt, wo andere nur an der Oberfläche kratzen (können). Das ist die Wahrnehmung des Publikums. Sein wichtigstes Pfund: Irgendwann wird es an der Börse krachen, werden die Kurse deutlich zurückfallen. Wann, das ist den Zuhörern anscheinend egal, und was zwischendrin passiert, ist es auch. Das optimistischere Gemüt hat es dagegen schwer. Es gilt schnell als Einfaltspinsel, als unbedarfter Geselle – ein Hans-guck-in-die-Luft moderner Prägung. Fast schon bemitleidenswert. Leider ist das so.

Die Risiken im Blick
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ein Investor sollte stets die Risiken im Blick haben; er muss es sogar – verschiedene Szenarien durchdenken, abwägen, was zu tun ist und was zu lassen. Sich die wichtigen und richtigen Fragen stellen, Was-wäre-wenn-Fragen. Alles andere ist grob fahrlässig. Man könnte es auch konstruktives Risikobewusstsein nennen. Mindestens genauso wichtig wie das Wörtchen «Risiko» ist dabei das vorangestellte Adjektiv «konstruktiv». Denn es gibt einen Unterschied zwischen der Analyse von Risiken und Schwarzmalerei. Letztere ist destruktiv, zumindest wenn sie dauerhaft praktiziert wird, und genau das sollte Geldanlage niemals sein – destruktiv. Wer sich stets darauf beschränkt, auf den nächsten Crash zu warten, also die Börse gänzlich meidet, wird keine Freude mit seiner Geldanlage haben. Er wird sich zwar irgendwann auf die Schulter klopfen können im Wissen, Recht gehabt zu haben; denn der Crash gehört nun mal zur Börse wie das Amen zum Gebet. Aber wird ihm das helfen? Die Kaufkraft seines Ersparten erhält er nicht mit dieser Haltung, zumindest nicht dauerhaft. Wir Europäer sind besonders anfällig für düstere Geschichten. Unser Umfeld ist geprägt davon. Nehmen wir die Medien, die Tages- und Online-Medien vor allen anderen. Eine Headline zur Aktienmarkt-Rally im täglichen Marktbericht interessiert weder den Redakteur noch seine Leser. «Kursanstieg setzt sich fort.» Zum Einschlafen, gähnend langweilig. Es sei denn, die Rally wird zum Vorboten der nächsten Krise umgedeutet: «Die unheimliche Rally – das kann, das wird niemals gutgehen.» Und schon gehen die Abrufzahlen auf der News-Website nach oben …

Das Auf ist stärker als das Ab
Oder schauen wir in die Regale der Buchhandlungen, auf die Börsenliteratur: Auch dort ist der Crash das beherrschende Thema. Mal kommt er, mal ist er die Lösung, ein andermal ist er unvermeidlich – der finale Crash.Wir sind keine Kommunikationswissenschaftler; gleichwohl haben wir das Gefühl, dass beide Seiten, Sender und Empfänger, einander hochschaukeln. Die einen schreiben, was die anderen hören wollen, weil die lesen, was sie lesen wollen, also das, was die Schreiber schreiben oder die Kommentatoren sagen – und immer so weiter. Alles andere, ein wohl dosierter Optimismus, das Konstruktive, kommt dabei zu kurz. Jedenfalls in unseren Breitengraden. Ganz anders sieht es in den USA aus. Der Börsenbuchbestseller dort heisst «The intelligent Investor». Ja, der Aktionär ist ein Investor oder Unternehmer, kein Spekulant und Hasardeur. So sehen das die Amerikaner. Auch wenn sie uns unheimlich sind mit ihrem Dauerlächeln, ihrem Pathos, den Visionen und Träumen, uns damit abschrecken und meist ratlos zurücklassen: Es wäre nicht schlecht, wenn wir uns in Börsenangelegenheiten etwas von ihnen abgucken würden. Denn am Ende haben die Amerikaner Recht: Das Auf ist stärker als das Ab. Ein Blick auf die langfristigen Kurscharts der grossen Aktienindizes sollte eigentlich genügen. Viele der Crashs, die wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, lassen sich darauf kaum oder gar nicht erkennen.

Insofern seien Sie vorsichtig. Aber haben Sie keine Angst.

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