Englisch im deutschen Text – Lektion 6: Mr, Mrs, Ms & Miss (und für alle anderen Mx)

Ohne die Geschichts- und die Genderschublade ganz zu öffnen – schon ein Spalt ist kompliziert genug –, hier das Wichtigste zu den vorherrschenden Anredeformen, genannt «honorifics». Und vorab: Warum «you» nicht dasselbe ist wie «du».

«You» und «du»
Auch wenn es im Englischen die Höflichkeitsform «Sie» nicht gibt, ist die Ansprache mit «you» im formellen Umfeld nicht mit unserem Duzen gleichzustellen. Vergleichbar ist sie allenfalls mit dem Hamburger Sie: Man siezt sich, verwendet aber den Vornamen (im Gegensatz zum Münchner Du, bei dem man jemanden mit dem Nachnamen – mit oder ohne Frau/Herr – anspricht, aber duzt).

Nimmt man zum ersten Mal schriftlich Kontakt auf mit jemandem, empfiehlt sich die förmlichere Anrede: «Dear Ms Lavelle …» Antwortet sie mit «Dear Patrizia» und endet mit «Best regards, Roanne», ist das Signal klar. Lieber so, als mit Vornamen anzureden und als Antwort «Dear Ms Villiger» zu bekommen.

Die Honorifics
Zu den Honorifics (dt.: Ehrentitel, respektvolle Anrede) gehören die Anreden Mr, Mrs, Ms, Sir, Madam usw. sowie weitere Titel wie Doctor, Coach, Officer oder Your Honour. Vorherrschend sind «Mr» und «Mrs» (für verheiratete Frauen) oder «Ms» (für verheiratete und unverheiratete). Man richtet sich nach dem Titel, der die Frau für sich selbst nutzt ­– Sie erinnern sich des stolzen Strass-Schriftzuges «Mrs. Ritchie» auf dem weissen Blazer von Madonna nach ihrer zweiten Heirat. Derzeit ist sie wieder Ms Ciccone.

Mr

«Mr» geht auf das Wort «master» zurück, die Aussprache vor einem Namen wurde im 16./17. Jh. zu «mister». Im Zuge dessen etablierte sich «Master» (oder «Little Master») als Titel für einen Jungen höheren Ranges.

Mrs
«Mrs» wie auch «Ms» und «Miss» sind Abkürzungen von «mistress», dem Pendant zu «master». «Mrs» steht heute für eine verheiratete Frau und wird als «missis/missus» ausgesprochen. Die ausgeschriebenen Formen werden nur noch informell verwendet.

Über Jahrhunderte waren «Mrs» und «Ms» (ausgesprochen «mistress») Titel für eine Frau mit Kapital und Status, verheiratet oder nicht, oft eine alleinstehende Geschäftsfrau. Alle anderen Frauen wurden nur beim Vornamen genannt.

Im Wörterbuch von Samuel Johnson (1755) wurden dem Wort «mistress» mehrere Bedeutungen zugeschrieben, aber nicht die einer verheirateten Frau.

  1. A woman who governs; correlative to subject or servant
  2. A woman skilled in anything
  3. A woman teacher
  4. A woman beloved and courted
  5. A term of contemptuous address
  6. A whore or concubine.

Im Laufe der Zeit wurde die Aussprache von «mistress» vor einem Namen zu «missis», und ab ungefähr 1900 beschränkte sich die Anrede «Mrs» definitiv auf eine verheiratete Frau als Abgrenzung zum populär gewordenen «Miss» für unverheiratete Frauen mit hohem Status, meist Lehrerinnen. Zuvor war «Miss» nur ein Titel für Mädchen oberer Schichten – wie «Master» für Jungen.

Das Wort «mistress» hingegen etablierte sich zusehends als Bezeichnung für die Geliebte eines verheirateten Mannes. Derzeit ist der Begriff auf der Liste der Political-Correctness-Debatte: Die AP (Associated Press) empfahl 2020, den archaischen und sexistischen Begriff «mistress» nicht mehr zu verwenden für eine Frau in einer sexuellen Beziehung mit einem verheirateten Mann, der sie finanziell unterstützt. Besser seien «lover», «friend» oder «compagnion». Was genau daran die AP als sexistisch empfindet, weiss ich nicht – ist es nicht schon sexistisch, das mit der finanziellen Unterstützung anzunehmen (im Oxford Dictionary steht dazu jedenfalls nichts)? Aber ja, es gibt keine männliche Entsprechung zu «mistress» (vielleicht noch nicht), und die AP legt diesen Umstand dahingehend aus, dass er impliziere, die alleinige Verantwortung für die Affäre liege bei der Frau. Der NYT-Kolumnist Mark Harris entgegnete: «Yeah, definitively use ‹friend›, the term the husband uses to explain himself. That’s much less sexist.» Die AP bekräftigte den Entschluss letzten Monat. Andere abwertende weibliche Begriffe sind längst totgesagt: So ist «bachelor» noch immer ein neutraler bis attraktiver Begriff für den Junggesellen, die ursprünglich ebenso neutrale weibliche Bezeichnung «spinster» (ursp. Spinnerin; oft unverheiratet) für «Jungesellin» verschwand wegen der negativen Konnotation. Heute nennen sich allerdings einige Singles wieder stolz Spinster. Und was ist mit all den modernen Feministinnen, die sich Bitches und Sluts nennen und auch noch stolz sind auf ihre traurige Sprache?

Ms
Wie gesagt war «Ms» im 17. und 18. Jh. lediglich eine von verschiedenen Abkürzungen von «mistress». 1901 erschien die Abkürzung im heutigen Sinn erstmals in einem Wörterbuch, aber erst in den 1970ern setzte sich «Ms» als moderne Anrede für eine Frau, egal ob verheiratet oder nicht, durch. Der Titel wird mit stimmhaftem s und nie ohne Namen ausgesprochen (um die Verwechslung mit dem veraltenden «Miss» zu vermeiden) – höre hier: https://www.lexico.com/definition/ms. Eine ausgeschriebene Form dazu gibt es nicht. Damit repräsentiert «Ms» wieder den Zustand vor der Unterteilung in verheiratete und nicht verheiratete Frauen, heute einfach ungeachtet des Status.

Miss
«Miss» war zuerst die Anrede für Mädchen, dann für unverheiratete Frauen höheren Ranges, später für alle unverheirateten. Heute kommt «Miss» als Honorific allenfalls noch für Mädchen oder ganz junge Frauen vor und hält sich bei Schönheitswettbewerben. (Ein in diesem Zusammenhang beliebter Schreibfehler: «Ex-Miss-Universe» wird durchgekoppelt. Wie Ex-Mann.)

Mx
Den genderneutralen Titel «Mx» gibt es schon seit den späten 1970er-Jahren. Das x ist die Wildcard für das Geschlecht, das man sich zuordnet. Die Bezeichnung kommt in Grossbritannien auch in offiziellen Dokumenten vor, in den USA weniger. Als ausgeschriebene Form wird Mixter gebraucht, gesprochen wird der Titel «mix».

Madam, Sir
Die Titel «Madam» und «Sir» sind in der Kommunikation mit Fremden, deren Namen man nicht kennt, üblich: «Thank you, Sir.» Oder in einem Brief: «Dear Madam …» In diesen Fällen werden nie «Mister» oder «Mrs» verwendet.

Abkürzungspunkt
Abkürzungen, bei denen der letzte Buchstabe dem letzten des ausgeschriebenen Wortes entspricht, schreibt man in British English ohne Punkt, im Amerikanischen meist mit. Dazu gehören: Mr, Mrs, Ms, Mx, auch Dr, Jr, Sr, St (street/saint), 1st, 2nd, 3rd, 4th usw.

Ladies and Gentlemen, einen wunderbaren Tag!

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