Englisch im deutschen Text – Lektion 7: Der Headline-Style (ja, auch hier: Grossgeschrieben wird, was grossgeschrieben ist)
Liegt die Schönheit der deutschen Sprache nicht in ihrer Klarheit? Die auch dem formalen Strukturelement der Grossschreibung geschuldet ist. Mark Twain fand diese jedenfalls bemerkenswert, und «capitals» (Grossbuchstaben, von lat.«caput»: Kopf) sorgen auch in englischen Schlagzeilen für Schlagkraft.
Ich finde: Es gibt zwar viele Regeln im Deutschen, aber sie sind klar und schlüssig. Man kann die Sprache in nützlicher Frist auf ein gutes Niveau bringen. Das Englische ist in den Grundstrukturen einfacher, die Regeln nicht so starr. Man lernt die Sprache schnell – ein bisschen – und ist bald Teil der unerschrockenen plappernden «global non-native English speaking community». Auf höherem Niveau ist Englisch aber anspruchsvoll – es gibt viele spezifische Konstruktionen, die nicht in einem einzigen, verbindlichen Regelwerk zusammengefasst sind, und Eigenheiten, auf die Deutschdenkende nicht so einfach kommen, zum Beispiel Passivkonstruktionen: I was given a Cadillac. Wie schön.
Mark Twain sah das anders. In seinem Essay «The Awful German Language» hat er 1880 ausführlich über deren sogenannte Gebrechen gesprochen. Er findet Deutsch ungeordnet, unsystematisch, kompliziert, die Wörter und Sätze zu lang, Personalpronomen und Adjektive eine wuchernde Plage, trennbare Verben eine Zumutung, Wörter für Lautes zu leise, von den Fällen und Geschlechtern gar nicht zu reden. Auch gebe es für jede Regel eine Ausnahme. Aber auch Twain macht Ausnahmen: Unter anderem gefällt ihm die Grossschreibung.
Mir auch. Die Grossschreibung ist ein Strukturmerkmal des Deutschen, das nicht nur beim Verständnis eines Textes hilft, sondern auch optisch: Wie wir vom Versalsatz wissen, ist die typografische Gleichförmigkeit zwar schreierisch, aber nicht lesefreundlich. Wohl darum werden die grossen Anfangsbuchstaben auch in englischen Headlines und Werktiteln (Titel von Büchern, Songs, Filmen usw.) verwendet; die Schreibweise nennt sich Headline-Style.
Grossschreibung im Sentence-Style
Die übliche Schreibung im Englischen heisst Sentence-Style. Hier gilt vorwiegend Kleinschreibung. Aber nicht nur – grossgeschrieben werden:
- Eigennamen: Ella, Marlon
- Titel: Sir Roger Tills, Her Majesty the Queen, Prime Minister
- Geografisches: North Pole, England, Thames; American, British, Swiss
- Historische Zeiträume/Ereignisse: Bronze Age, First World War
- Institutionen, Parteien, Bewegungen, Gesetze, Verträge: Church and State, the Crown, Christianity, Republican Party, Congress, Air Force, Bill of Rights
- Namen von Schiffen, Flugzeugen usw.: The Cutty Shark, HMS, Boeing
- Pronomen, die eine Gottheit bezeichnen: He, Him, Thine usw.
Grossschreibung im Headline-Style
Für Headlines und Werktitel wird der Headline-Style angewendet, der hinsichtlich Grossschreibung spezielle Regeln hat. Ich halte mich an die des «Chicago Manual of Style» (The University of Chicago Press):
- gross: erstes und letztes Wort und auch sonst alles ausser:
- klein: die Artikel und Konjunktionen the, a, an, and, but, for, or, nor, to, as und alle Präpositionen ausser betonte (Always Around Her), adverbial gebrauchte (Look Up, Can’t Find the Off Button), als Konjunktion gebrauchte (Call Before You Go) und lateinische (De Facto, In Vitro)
Wem das mit den Präpositionen zu schwierig ist, der kann alle kleinschreiben oder die längeren gross und die kürzeren klein. Oder gleich alles, nicht nur die Präspositionen, gross – auch das gibts, zum Beispiel in der UK-«Vogue» und oft in Songtiteln. Einfach konsistent bleiben.*
Werktitel und Überschriften
Werktitel werden immer im Headline-Style gesetzt; bei Überschriften in Zeitungen, Zeitschriften, Blogs usw. schreiben heute viele auch im Sentence-Style («Economist», «Guardian» zum Beispiel, im Gegensatz zu NYT oder US-«Vogue»). In deutschen Texten gilt der Headline-Style natürlich nur in rein englischen Titeln. Beispiele:
- der Twitterroman «This Is It»
- die Rubrik «Best Dressed» (aber dt.: Die Best-dressed-Liste)
- Twenty-one Sorrows (mit Bindestrich Angereihtes generell klein, Nomen können aber auch gross stehen)
Please
Es gibt keinen deutschen Headline-Style. Eine Überschrift wie «Als Alles noch Einfach war» ist einfach nur falsch. Und einiges mag politisch korrekt sein, aber trotzdem falsch und allenfalls kontraproduktiv: «die Schwarze Studentin und ihre weissen Kommilitonen» – ist diese Hervorhebung nicht eher eine Ausgrenzung? Auch für Auszeichnungen wie die Binnenmajuskeln beim Gendern (StudentInnen) gibt es typografisch bessere Lösungen (oder? Nein, nicht wirklich. Am besten um- und ausschreiben oder vermeiden).
Auf die Typografie, das Verstehen und Verstandenwerden.
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