Die KI-Hausse könnte enden wie die Nifty Fifty – mit einer teuren Lektion für Anleger
Seit künstliche Intelligenz zur dominierenden Kraft an den Aktienmärkten geworden ist, kehrt eine Frage immer wieder auf: Befinden wir uns in einer Blase? Die ehrliche Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht im systemischen Sinne – doch das bedeutet keineswegs, dass alles in Ordnung ist.
Der US-Aktienmarkt ist heute stärker konzentriert als je zuvor. Die zehn grössten Titel im S&P 500 machen nahezu 39 Prozent des Index aus und damit mehr als auf dem Höhepunkt der Technologieeuphorie im Jahr 2000. Eine kleine Gruppe von Technologiekonzernen hat den Grossteil der Kursgewinne der vergangenen Jahre getragen, während die Median-Aktie deutlich moderater zulegte. Zwar zeigt das aktuelle Marktumfeld typische Merkmale früherer Übertreibungsphasen: hohe Bewertungen, eine dominante Technologieerzählung, massive Investitionen und rege Beteiligung privater Anleger. Dennoch unterscheidet sich die heutige Situation in einem zentralen Punkt von früheren Episoden: Die führenden Unternehmen generieren reale Cashflows – im Gegensatz zu den verlustschreibenden Start-ups der späten 1990er Jahre.
Die Falle der «Nifty Fifty»
Die lehrreichere historische Parallele ist daher weniger der Nasdaq des Jahres 2000 als vielmehr die «Nifty Fifty»-Episode der frühen 1970er Jahre. Damals galten rund fünfzig hochwertige US-Wachstumswerte als Aktien, die man zu jedem Preis kaufen und dauerhaft halten könne.
Oliver Tinguely, Client Director, Intermediary Sales, SchrodersDie eigentliche Blase – sofern es eine gibt – liegt womöglich weniger in absoluten Bewertungskennzahlen als in der hohen Portfoliokonzentration.
Als Inflation und Vertrauensverlust einsetzten, verloren diese Titel vom Hoch 1973 im Durchschnitt rund 60 Prozent an Wert. Die Unternehmen selbst überlebten – teils sehr erfolgreich. Entscheidend war jedoch der zu hohe Einstiegspreis. Selbst Qualität schützt Anleger nicht vor schwachen Renditen, wenn die Erwartungen überzogen sind.
Der Preis der Perfektion
Auch heute implizieren die Bewertungen führender Technologieplattformen anhaltend starkes Wachstum über viele Jahre. Jede Abweichung von diesem Szenario, wie etwa schwächere Werbeeinnahmen, enttäuschende Renditen auf KI-Investitionen oder ein erneuter Inflationsschub, könnte deutliche Kurskorrekturen auslösen. Nicht, weil es sich um schlechte Unternehmen handelt, sondern weil der Bewertungsspielraum gering ist. Zugleich stellt sich die Frage, wann und wie sich die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur in Gewinnen niederschlagen. Frühere technologische Umbrüche zeigen: Zwar entsteht realer wirtschaftlicher Mehrwert, doch nicht zwingend profitieren die ersten Investoren am stärksten. Häufig sind es die Anwender der Technologie, die langfristig über Effizienz- und Margengewinne profitieren.
Diversifizieren, ohne sich zurückzuziehen
Resilienz bedeutet vor diesem Hintergrund nicht, den Markt zu verlassen oder gegen die aktuellen Gewinner zu wetten. Entscheidend ist vielmehr eine breite Diversifikation über Regionen und Sektoren hinweg. Aktien ausserhalb der USA, europäische Industrieunternehmen, Energieinfrastruktur, Gesundheitswerte oder ausgewählte Schwellenländer weisen derzeit moderatere Bewertungen auf und sind weniger stark von optimistischen KI-Annahmen abhängig. Die eigentliche Blase – sofern es eine gibt – liegt womöglich weniger in absoluten Bewertungskennzahlen als in der hohen Portfoliokonzentration. Wenn Kapitalströme immer wieder dieselben Titel verstärken, steigt die strukturelle Anfälligkeit für abrupte Rotationen. Die Alternative ist kein defensiver Rückzug, sondern aktive Diversifikation als robustere Form, Renditepotenzial zu erschliessen.