Vom Krisengewinner zum Verlierer? Gold kämpft mit neuen Realitäten
Höhere Energiepreise und veränderte Zinserwartungen belasteten Gold im Mai, doch die langfristigen Aussichten für das Edelmetall bleiben positiv.
Seit dem Erreichen eines Rekordhochs von knapp 5'600 US-Dollar Ende Januar durchlief Gold eine schwierige Phase. Im Mai fielen die Preise den dritten Monat in Folge, wenn auch um weniger als 2%, da der Konflikt im Nahen Osten die Aufmerksamkeit der Anleger auf dessen weitreichende Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte, die Inflation, den US-Dollar und die Zinssätze lenkte. Trotz dieses jüngsten Rückgangs liegt Gold im Jahr 2026 bislang weiterhin 5% im Plus, auf Jahressicht um 36% und innerhalb der letzten zwei Jahre sogar um 91%. Die anhaltenden Störungen des Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus hielten die Preise für Öl, Gas und raffinierte Kraftstoffe auf erhöhtem Niveau und schufen damit ein Marktumfeld, das historisch gesehen weniger unterstützend für Gold war. Anstatt eine klassische Flucht in sichere Häfen auszulösen, schürten die höheren Energiepreise Inflationssorgen, trieben die Anleiherenditen nach oben, stärkten den US-Dollar und reduzierten die Erwartungen an weitere Zinssenkungen durch die US-Notenbank. Zusammengenommen stellten diese Entwicklungen einen erheblichen Gegenwind für einen unverzinslichen Vermögenswert wie Gold dar.
Ole Hansen, Head of Commodity Strategy, SaxoSeit dem Erreichen eines Rekordhochs von knapp 5'600 US-Dollar Ende Januar durchlief Gold eine schwierige Phase. Im Mai fielen die Preise den dritten Monat in Folge.
Die Korrektur fiel zudem mit einer erneuten Rally an den Aktienmärkten zusammen, insbesondere in KI-bezogenen Sektoren, was die Nachfrage der Anleger nach alternativen Anlagen verringerte. Gleichzeitig sahen sich mehrere energieimportierende Länder mit steigenden Finanzierungsanforderungen konfrontiert, was einige Zentralbanken dazu veranlasste, Teile ihrer Goldreserven zu veräussern, um ihre Währungen zu stützen oder die höheren Energiekosten abzufedern.
Warum eine höhere Inflation nicht immer positiv für Gold ist
Der jüngste Rückschlag verdeutlicht erneut einen wichtigen Unterschied, den Anleger häufig übersehen. Gold gilt weithin als Absicherung gegen Inflation, doch die Art des Inflationsschocks ist entscheidend. Historisch entwickelt sich Gold besonders gut in Zeiten finanzieller Spannungen oder wirtschaftlicher Schwäche, wenn Inflationssorgen mit sinkenden Realzinsen und einem schwächeren US-Dollar einhergehen. Die aktuelle Situation unterscheidet sich jedoch davon. Ein angebotsseitiger Energieschock treibt die Inflation nach oben und stützt gleichzeitig die Renditen sowie den US-Dollar. Diese Kombination kann die Attraktivität von Gold trotz steigender Verbraucherpreise vorübergehend beeinträchtigen. Die Zinserwartungen bleiben ein zentraler Fokus für Investoren im Edelmetallbereich. Da Gold keine laufenden Erträge abwirft, wird es attraktiver, wenn die Zinsen sinken, weil die Opportunitätskosten der Goldhaltung zurückgehen. Umgekehrt gerät Gold häufig unter Druck, wenn die Märkte ihre Erwartungen an Zinssenkungen zurückschrauben. Diese Dynamik war in den vergangenen Monaten deutlich sichtbar, als Marktteilnehmer ihre Erwartungen hinsichtlich einer geldpolitischen Lockerung aufgrund hoher Energiepreise und anhaltender Inflationsrisiken reduzierten. Auch wenn die Zinserwartungen die Stimmung belastet haben, dürften sie jedoch nicht dauerhaft der dominierende Einflussfaktor bleiben.
Die strukturellen Nachfragetreiber bleiben intakt
Sobald sich die geopolitische Lage stabilisiert und der Energieschock nachlässt, dürften sich Anleger wieder verstärkt auf die strukturellen Faktoren konzentrieren, die den Gold-Bullenmarkt in den vergangenen Jahren getragen haben. An erster Stelle steht dabei die Nachfrage der Zentralbanken. Zwar haben einige Länder ihre Bestände zuletzt reduziert, doch diese Verkäufe erscheinen überwiegend taktischer und nicht strategischer Natur. Der übergeordnete Trend zur Diversifizierung der Währungsreserven bleibt intakt, insbesondere bei Zentralbanken aus Schwellenländern, die im Vergleich zu entwickelten Volkswirtschaften weiterhin relativ geringe Goldanteile halten. Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben die strategischen Argumente für Goldbesitz sogar noch verstärkt. Sorgen über Sanktionsrisiken, die Diversifizierung von Reserven, die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen und die langfristige Entwertung von Währungen bewegen Zentralbanken weiterhin dazu, ihre Abhängigkeit von traditionellen Reserveanlagen zu reduzieren. Daher ist zu erwarten, dass Zentralbanken auch im kommenden Jahr Nettokäufer von Gold bleiben. Auch die Nachfrage aus China bleibt unterstützend. Sie wird sowohl durch den fortgesetzten Aufbau von Reserven als auch durch den Wunsch der Anleger getragen, Ersparnisse weg von Immobilien und traditionellen Finanzanlagen zu diversifizieren. Zudem stützen die Sorgen über die Staatsverschuldung in den grossen Volkswirtschaften weiterhin die Investmentthese für Sachwerte. Die staatliche Kreditaufnahme bleibt auf hohem Niveau, während Investitionen in Elektrifizierung, künstliche Intelligenz, Energiesicherheit und Klimaanpassung die Nachfrage nach Rohstoffen sowie die langfristigen Inflationserwartungen weiter erhöhen dürften.
Technische Unterstützung und langfristiger Ausblick
Aus technischer Sicht hat Gold in der Nähe seines 200-Tage-Durchschnitts, der derzeit knapp über 4'400 US-Dollar je Unze liegt, eine starke Unterstützung gefunden. Der Markt hat dieses Niveau während der jüngsten Korrektur zweimal getestet, woraufhin erneut Kaufinteresse aufkam. Dies deutet darauf hin, dass langfristig orientierte Anleger auf diesen Kursniveaus weiterhin aktiv sind. Während viele Anleger auf mehr Klarheit hinsichtlich des Nahostkonflikts warten, dürfte sich der Fokus wieder auf die strukturellen Faktoren richten, die die Goldpreise in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Vor diesem Hintergrund bleiben die langfristigen Aussichten positiv, insbesondere wenn die Diversifizierung von Währungsreserven, fiskalische Expansion und die Entdollarisierung weiter an Dynamik gewinnen.