Trump, die Fed und das Spiel mit dem Feuer: Wird Amerikas Notenbank zur Reality-Show?
Seit Wochen kokettiert Donald Trump mit seiner Wahl des Nachfolgers von Jerome Powell als Vorsitzender der Fed. Er sieht den Prozess offensichtlich als Fernsehserie mit wöchentlich neuen Folgen. Wie jede schlechte Serie verliert sie irgendwann die Spannung und wird langweilig. Im Unterschied zum Fernsehen hat die Wahl des Fed-Vorsitzenden aber markante Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte.
Die grosse Frage wird sein, ob die Fed unter dem neuen Vorsitz zu einem Umsetzungsorgan für Trumps Zinssenkungsfantasien wird oder ob die Zinsentscheide weiterhin auf der Basis der Inflationsprognosen und des konjunkturellen Zustands der Wirtschaft gefällt werden. Vor einem Jahr wäre die Antwort klar die zweite Variante gewesen. Heute bin ich da nicht mehr so sicher.
Thomas Stucki, Chief Investment Officer, St.Galler KantonalbankDie grosse Frage wird sein, ob die Fed unter dem neuen Vorsitz zu einem Umsetzungsorgan für Trumps Zinssenkungsfantasien wird.
Was passiert, wenn die Zinsen aus politischen Interessen im falschen Moment zu stark gesenkt werden, kann seit 2021 in der Türkei beobachtet werden. Die Türkei kann wirtschaftlich nicht eins zu eins mit den USA verglichen werden, aber die wirtschaftlichen Prozesse laufen in der Tendenz überall gleich ab. Die türkische Lira verlor innert kurzer Zeit 40% an Wert. Der Zerfall der Währung hat sich seither kontinuierlich fortgesetzt. Die Inflation stieg von schon damals hohen 20% auf 85% und beträgt nach einem dramatischen auf und ab aktuell immer noch 31%. Grosse Teile der Bevölkerung droht zu verarmen. Profitiert haben diejenigen, die Aktien und Häuser besitzen. Deren Preise als Sachwerte sind stark gestiegen und heute sieben Mal so hoch wie Ende 2021.
Die Währung fällt, die Zinsen steigen
Wenn die Fed den Leitzins vor den Zwischenwahlen im Herbst auf die von Trump gewünschten 1% senken sollte, würden die Inflationserwartungen stark ansteigen. In der Folge wird die Zinskurve sehr steil. Die Zinsen der in den USA üblichen 30-jährigen Hypotheken und die Renditen der langen Obligationen würden deutlich ansteigen. Die Finanzierung der Unternehmen über den Kapitalmarkt würde schwierig werden, da die Kreditrisikoprämien zu den generell höheren Kapitalmarktzinsen auch noch steigen würden. Geringer würde dagegen zumindest kurzfristig die Zinslast des Staates, da das US-Treasury sich zu einem grossen Teil über Treasury Bills am Geldmarkt finanziert. Gleichzeitig verstärkt sich der Druck auf den US-Dollar, was die Inflationserwartungen zusätzlich anheizt. Cash-Bestände in US-Dollar und amerikanische Obligationen sind in diesem Umfeld Verlustgeschäfte.
US-Aktien mit Währungsabsicherung
Gleichzeitig gibt die expansive Geldpolitik dem Aktienmarkt einen positiven Impuls. Die Flucht aus den Nominalwerten in die Sachwerte ist ein zusätzlicher Treiber für die Aktienkurse. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass der US-Aktienmarkt zu einem Höhenflug ansetzt. Der Kater am Aktienmarkt dürfte dann einsetzen, wenn die Fed die Zinsen stark erhöhen muss, um die steigende Inflation unter Kontrolle zu bringen, wie zwischen 1980 und 1982. Investitionen in US-Aktien bei der gleichzeitigen Absicherung des Dollar-Risikos haben für eine gewisse Zeit jedoch ein hohes Gewinnpotenzial. Kommt hinzu, dass durch die tiefen US-Geldmarktzinsen die Kosten für den Währungs-Hedge nicht mehr ins Gewicht fällt.
Der Glaube an die Vernunft ist noch da
Ich habe in diesem Kommentar häufig den Konjunktiv benutzt, was sonst nicht mein Stil ist. Das kommt daher, dass bezüglich der Unabhängigkeit der Fed alles möglich ist. Als positiv denkender Mensch gehe ich aber davon aus, dass neben der Loyalität zu Trump andere Kriterien wie wirtschafts- und geldpolitische Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein für die Wahl des Fed-Vorsitzenden auch 2026 noch eine Rolle spielen.