Mehr Zuwanderer, mehr Arbeitslose – wie passt das zusammen?

Die Rechnung scheint simpel: Wenn rund 74’000 Menschen netto zuwandern, während die Zahl der Erwerbslosen um 31’000 steigt, liegt der Verdacht nahe, die Neuen nähmen den Ansässigen die Jobs weg. Es ist die intuitivste aller Erklärungen – und sie ist falsch. Um den Schweizer Arbeitsmarkt zu verstehen, reicht keine simple Arithmetik. Entscheidend ist die Passung: Wenn die Stellensuchenden nicht auf die offenen Stellen passen, braucht es passendes Personal aus dem Ausland.

Im 4. Quartal 2025 waren in der Schweiz rund 256’000 Personen erwerbslos – rund 31’000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Erwerbslosenquote stieg damit auf 5,0 Prozent. Parallel dazu blieb die Migration hoch. Laut Jahresstatistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) betrug die Nettozuwanderung im Jahr 2025 rund 74’675 Personen. In der politischen Diskussion wird aus dieser Gleichzeitigkeit schnell eine einfache Erklärung: Wenn mehr Menschen ins Land kommen, müssten zwangsläufig andere ihre Stelle verlieren: Die Zuwanderer nehmen Einheimischen den Job weg. Das Bild wirkt plausibel, weil es einfach ist. Der Arbeitsmarkt funktioniert jedoch nicht nach dem Prinzip «mehr Menschen hier, weniger Arbeit dort». Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen Arbeit suchen, sondern wer für welche Stelle geeignet ist.

Der Trugschluss der Austauschbarkeit
Die Empörung ist umso grösser, wenn Zuwanderung in Branchen stattfindet, in denen gleichzeitig die Arbeitslosigkeit steigt. Daraus wird geschlossen, diese Zuwanderung könne kaum arbeitsmarktgetrieben sein. Diese Logik setzt voraus, dass Arbeitskräfte innerhalb einer Branche weitgehend austauschbar sind. Genau das ist nicht der Fall. Unternehmen suchen nicht einfach «Personal», sondern ein Berufsprofil: bestimmte Ausbildung, Erfahrung und Fähigkeiten. Sprich: Wer eine Technikerin sucht, stellt nicht automatisch eine Person ein, die zuvor als Reinigungskraft in einem Industriebetrieb gearbeitet hat. Wer im Gesundheitswesen Pflegefachpersonen braucht, kann fehlende Qualifikationen nicht dadurch ersetzen, dass jemand «schon im Spitalumfeld» tätig war. Branchenerfahrung kann hilfreich sein – aber entscheidend ist zunächst das Berufsprofil.

Zuwanderung vor allem in Berufen ohne steigende Erwerbslosigkeit
Wie unterscheiden sich also die Berufsprofile zwischen Erwerbslosen und Zuwanderern? Abbildung 1 zeigt für jede Berufsgruppe, wie sich die Beschäftigung von Migranten und die Erwerbslosigkeit von Einheimischen verändert hat. Die Analyse basiert auf repräsentativen Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE).

Dabei zeigt sich ein klares Muster: In Berufsgruppen mit hoher Zuwanderung in den letzten zwei Jahren – etwa in den Bereichen Reinigung, Technik, Betreuung oder Anlagenbedienung – nahm die Erwerbslosigkeit von Einheimischen nicht zu. Umgekehrt fiel die Zuwanderung dort geringer aus, wo die Erwerbslosigkeit von Einheimischen stieg. Das gilt insbesondere für Büro- und Verkaufskräfte, etwas weniger ausgeprägt auch für Berufe im Metall- und Medienbereich. Entscheidend ist: Bei keiner Berufsgruppe zeigt sich gleichzeitig eine ausgeprägte Zuwanderung und ein relevanter Anstieg der Erwerbslosigkeit von Einheimischen. Gäbe es viele Berufe in diesem Bereich, hätte das Argument, Zuwanderung sei nicht mehr arbeitsmarktorientiert, tatsächlich Gewicht. Am ehesten liesse sich noch die Berufsgruppe der Führungskräfte nennen. Allerdings ist diese Kategorie sehr breit und wenig trennscharf. Es ist daher gut möglich, dass andere Führungskräfte arbeitslos werden, als von den Unternehmen gesucht werden. Die nachfolgende Abbildung 2 stellt denselben Befund noch vereinfacht dar. Sie zeigt auf einen Blick, in welchen Berufsgruppen die Erwerbslosigkeit am stärksten gestiegen ist und wo die Zuwanderung besonders stark war. Die beiden Bilder unterscheiden sich deutlich: Der stärkste Anstieg der Erwerbslosigkeit entfiel auf Bürokräfte und den Verkauf, während der grösste Zuwachs bei den zugewanderten Beschäftigten bei Reinigungskräften, Technikern und in der Betreuung zu beobachten war.

Warum arbeitslose Einheimische Zugewanderte oft nicht ersetzen können
Ein naheliegender Einwand lautet, Stellensuchende müssten in jene Berufe wechseln, in denen Arbeitskräfte fehlen. Verkaufs- und Bürokräfte könnten sich theoretisch weiterbilden oder in andere Berufe wechseln. Weiterbildung und berufliche Mobilität sind wichtig. In der Praxis gelingen solche Wechsel jedoch selten schnell – und sie sind nicht immer sinnvoll.

Obenstehende Abbildung zeigt, weshalb. Die Fähigkeitsprofile der Berufsgruppen unterscheiden sich deutlich. Während zwischen Verkauf und Betreuung gewisse Überschneidungen bestehen, liegt der Abstand zwischen Büroarbeit und Reinigung wesentlich weiter auseinander. Hier treffen administrative und organisatorische Tätigkeiten auf stärker manuelle und körperlich geprägte Arbeit. Ein Wechsel zwischen solchen Profilen ist entsprechend schwierig und braucht Zeit. Hinzu kommt, dass ein Berufswechsel nicht immer die beste Lösung aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist. Ein Teil des Humankapitals ist berufsspezifisch. Ausbildung, Erfahrung und eingespielte Abläufe machen Personen in ihrem bisherigen Beruf besonders produktiv. Eine Bürokraft etwa kennt administrative Prozesse, Software und organisatorische Abläufe – Fähigkeiten, die sich in ähnlichen Tätigkeiten gut nutzen lassen, aber nicht ohne Weiteres in ganz anderen Berufen eingesetzt werden können. Gerade bei konjunktureller Arbeitslosigkeit ist deshalb nicht jeder sofortige Berufswechsel sinnvoll. Würde eine solche Person unmittelbar in einen völlig anderen Beruf wechseln, ginge ein Teil dieses Humankapitals verloren. Das wäre nicht nur für die betroffene Person nachteilig, sondern auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wenig effizient, weil Ausbildung und Erfahrung eine Investition darstellen – für die Einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft.

In Berufsgruppen mit hoher Zuwanderung in den letzten zwei Jahren – etwa in den Bereichen Reinigung, Technik, Betreuung oder Anlagenbedienung – nahm die Erwerbslosigkeit von Einheimischen nicht zu.

Patrick Chuard-Keller, Chefökonom, Schweizerischer Arbeitgeberverband (SAV)

Aus Sicht der Unternehmen ist es entscheidend, personelle Lücken rasch schliessen zu können. Bleiben Stellen über längere Zeit unbesetzt, entstehen Engpässe im Betrieb. Aufträge können nicht vollständig ausgeführt werden, Projekte verzögern sich oder Dienstleistungen müssen eingeschränkt werden. Unternehmen produzieren weniger, als sie eigentlich könnten – und damit geht auch gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung verloren. Genau hier wird die Bedeutung der Personenfreizügigkeit sichtbar. Sie erweitert den Pool an verfügbaren Arbeitskräften und ermöglicht es Unternehmen, Engpässe rasch zu überbrücken, wenn sich im Inland kurzfristig keine passende Person für eine Stelle findet. Man darf dabei nicht vergessen: Die Schweiz ist ein kleines Land – auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist die Wirtschaft stark spezialisiert und viele Unternehmen suchen sehr spezifische Profile. Dadurch wird es rein mathematisch weniger wahrscheinlich, dass sich für jede offene Stelle im Inland sofort eine passende Person findet. Die Personenfreizügigkeit vergrössert deshalb den Suchraum und hilft, solche strukturellen Engpässe zu entschärfen.

Fazit: Das Puzzle vom Arbeitsmarkt
Wäre unser Arbeitsmarkt ein Kasten voller identischer Lego-Steine, wäre die Lösung einfach: Wenn ein Stein fehlt, nimmt man einen neuen. Doch die Schweizer Wirtschaft von 2025 gleicht eher einem hochkomplexen Puzzle. Dass die Erwerbslosigkeit steigt, während gleichzeitig zehntausende Fachkräfte zuwandern, ist kein Widerspruch. Die Personenfreizügigkeit fungiert dabei als wichtiges Präzisionsinstrument. Sie vergrössert den Pool an verfügbaren Arbeitskräften und hilft Unternehmen, Engpässe zu überbrücken, wenn sich im Inland kurzfristig keine passende Person findet. Gerade für eine kleine, stark spezialisierte Volkswirtschaft wie die Schweiz ist ein offener Arbeitsmarkt deshalb von grosser Bedeutung. Gleichzeitig bleiben die Aufgaben im Inland zentral. Eine effiziente Vermittlung und gezielte Weiterbildung können helfen, die Passung zwischen Stellensuchenden und offenen Stellen zu verbessern. Besonders wichtig bleibt dabei die Stärke der Schweizer Berufsbildung. Eine arbeitsmarktnahe Ausbildung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Fähigkeiten und die Anforderungen der Wirtschaft allgemein und jene einer spezifischen Aufgabe im Speziellen gut zusammenpassen – und erleichtert damit die Passung im Arbeitsmarkt. Die steigende Erwerbslosigkeit ist ein ernstes Signal. Als einfaches Argument, dann brauche es keine Zuwanderung, taugt es jedoch kaum. Wer den Arbeitsmarkt verstehen will, muss weniger auf die Menge schauen – und mehr auf die Passung zwischen Menschen und Stellen.

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