Warum sich das Hochkostenland Schweiz nicht auch noch selbst verteuern darf
Die Arbeitskosten in der Schweiz gehören zu den höchsten weltweit. Zwar ist die Produktivität ebenfalls hoch, doch das Verhältnis von Kosten zu Output verschlechtert sich zusehends. Die sogenannten Lohnstückkosten steigen stärker als bei unseren wichtigsten Handelspartnern, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportwirtschaft zunehmend unter Druck gerät. Neue Lohnabgaben würden diese Kosten weiter erhöhen. Dies könnte langfristig unseren Wohlstand und die Finanzierung des Sozialstaats gefährden.
Es war ein Schock: Mit einem einzigen Federstrich verhängte Washington letztes Jahr einen Zollaufschlag von 39 Prozent auf Schweizer Exporte. Zwar hat sich die Situation seither wieder etwas entschärft. Aber dennoch zeigte dieser Schritt schonungslos auf, wie schnell der Standort Schweiz zu einem Wettbewerbsnachteil werden kann. Ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind die Arbeitskosten. Die Löhne in der Schweiz gehören zu den höchsten der Welt. Das ist gut so, denn sie sind ein Spiegel von wertschöpfungsintensiven Branchen und hoher Produktivität. Die Kehrseite der Medaille ist, dass auch die Arbeitskosten zu den höchsten der Welt zählen.
Patrick Chuard-Keller, Chefökonom, Schweizerischer Arbeitgeberverband (SAV)Wer in der Champions League der Weltwirtschaft bestehen will, muss strategische Kostendisziplin zeigen.
Der Schweizer Wohlstand basiert zu grossen Teilen darauf, dass wir Produkte und Dienstleistungen aus der kleinen Schweiz in die grosse Welt exportieren können. Höhere Produktionskosten in der Schweiz führen zu höheren Preisen auf dem internationalen Markt, was die Wettbewerbsposition der Schweizer Produkte verschlechtert. Können wir international weniger verkaufen, so fliesst weniger Geld zurück in die Schweiz, womit wir uns wiederum weniger leisten können. Zudem sind Stellen gefährdet und/oder die Löhne müssen sinken. Die Folge sind weniger Konsum, geringere Investitionen und Steuereinnahmen. Diese Kaskade zeigt: Wir müssen ein grosses Interesse daran haben, wettbewerbsfähig zu bleiben. Zwar spielen wir in sehr vielen Branchen dank hoher Produktivität, Präzision und Nischenstrategie trotz hoher Kosten in der ökonomischen Champions League. Doch das Fundament dieses Erfolgsmodells bröckelt: Der demografische Wandel leert die Talentpools; der Franken bleibt hart; innenpolitisch wird Arbeit zunehmend künstlich verteuert. Dies alles verschlechtert unsere Wettbewerbsfähigkeit und gefährdet das Erfolgsmodell Schweiz. Nun, aber der Reihe nach: Wo steht die Schweiz im Vergleich der Arbeitskosten mit Ländern, die ähnliche Produkte – zu nennen sind insbesondere chemisch-pharmazeutische Produkte, Maschinen, Präzisionsinstrumente und etwa Uhren – anbieten und somit unsere Konkurrenten sind?
Schweizer Arbeitskosten sind im internationalen Vergleich an der Spitze
Die Schweiz ist ein teures Pflaster, das ist kein Geheimnis. Doch das Ausmass der Kostendifferenz ist bemerkenswert. Abbildung 1 zeigt die Kosten pro Arbeitsstunde in Euro. Was diesbezüglich beunruhigt: Die Schere zwischen der Schweiz und der Konkurrenz öffnet sich immer weiter. Schon vor 15 Jahren lagen die Schweizer Kosten deutlich höher. Seither hat sich der Abstand in absoluten Zahlen weiter vergrössert. Gegenüber Deutschland nahm die Differenz seit 2010 von 25 auf 27 Euro pro Stunde zu, gegenüber den Niederlanden von 22 auf 25 Euro.
Die Gretchenfrage: Sind wir die hohen Kosten wert?
Hohe Kosten allein sind noch kein Verhängnis – vorausgesetzt, die Produktivität stimmt. Das Prinzip ist simpel: Wenn ein Produkt im Jura in einer Stunde gefertigt wird, das identische in Sachsen aber in zwei, dann wäre der fast doppelt so hohe Schweizer Stundenlohn ökonomisch gerechtfertigt Genau hier kommen die Lohnstückkosten ins Spiel. Sie beantworten die Frage: Wie viel Lohn kostet uns die Herstellung eines einzigen «Stücks» Wirtschaftsleistung? Der Vorteil dieser Kennzahl: Sie macht Äpfel mit Birnen beziehungsweise deutsche Autos mit amerikanischem Rindfleisch vergleichbar. Was zählt ist nur der Beitrag zur Wirtschaftsleistung dieser Produkte. Abbildung 2 zeigt die Lohnstückkosten der Schweiz und von anderen Ländern. Für 1 Franken Wirtschaftsleistungen sind in der Schweiz Lohnkosten von 70 Rappen erforderlich (Lohnstückkosten = 0.7). Das heisst: Für jeden Franken Wertschöpfung müssen Unternehmen in der Schweiz im Schnitt 70 Rappen für Arbeit bezahlen.
Auch hier zeigt sich, wie teuer die Schweiz als Produktionsstandort ist – absolut und im internationalen Vergleich. Zwar relativiert sich der Abstand im Vergleich zur ersten Abbildung ohne Einbezug der hohen Produktivität – er wird kleiner. Trotzdem verbleibt die Schweiz mit Abstand auf dem Spitzenplatz und überragt die Konkurrenz auch in Sachen Lohnstückkosten. Warum ist die Schweiz bis jetzt dennoch wettbewerbsfähig? Oder anders gefragt: Weshalb kauft überhaupt noch jemand Produkte oder Dienstleistungen aus der Schweiz? Weil viele Unternehmen in hochspezialisierten Nischen tätig sind, in denen sie durch Qualität, Patente oder Innovationsführerschaft weniger Konkurrenz haben oder ihrer Konkurrenz voraus sind. Allerdings ist diese Position nicht unendlich belastbar und zeitlich oftmals beschränkt.
Währungseffekte kompensieren den Produktivitätsfortschritt
Auch die Entwicklung der Lohnstückkosten lässt aufhorchen (siehe obenstehende Abbildung 3). Seit der Jahrtausendwende sind die Schweizer Lohnstückkosten um rund 73 Prozent gestiegen. Zwar sind auch die Arbeitskosten in anderen europäischen Ländern gestiegen, aber weniger stark als in der der Schweiz. Die relative Marktposition – gemessen an den Lohnstückkosten – hat sich also verschlechtert. Ein wichtiger Teil dieser Verschiebung ist wechselkursbedingt. Der starke Franken – besonders die Phase 2014/15 – hat den Preis unserer Wertschöpfung im Ausland nach oben verschoben und damit den Vergleich mit dem Ausland geprägt. Rechnet man diesen Währungseffekt heraus, wären die Lohnstückkosten seit 2000 nur um rund 8 Prozent gestiegen. Wer daraus den Schluss zieht, der Franken sei «schuld», verwechselt Ursache und Symptom. Eine starke Währung ist das Gütesiegel einer stabilen Volkswirtschaft. Sie macht Importe günstiger, dämpft Inflation und zwingt zu Innovation – wie ein Trainingslager für die Exportwirtschaft. Aber dieses Gütesiegel hat seinen Preis: Sie erhöht den Druck auf jene, die im Ausland verkaufen. Die Frage ist deshalb nicht: starker Franken – ja oder nein. Die Frage ist: Welche inländischen Kostenschübe packen wir zusätzlich auf die Schultern einer Wirtschaft, die durch den Wechselkurs ohnehin hohe Ansprüche erfüllen muss?
Warum das gefährlich ist
Die Warnungen vor sinkender Wettbewerbsfähigkeit dürfen nicht als die Sorgen von CEOs abgetan werden, die niemand sonst zu kümmern brauchen. Denn stetig steigende Lohnstückkosten gehen uns alle an, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft gefährden – die relative Position im Wettbewerb mit den direkten Konkurrenten aus dem Ausland. Die Warnsignale am Schweizer Werkplatz sind unüberhörbar: Es mehren sich die Nachrichten, dass Unternehmen Stellen im Inland abbauen oder neue Kapazitäten gezielt im Ausland aufbauen. Auch ein Blick in die Zukunft bietet wenig Anlass zum Durchschnaufen. Wesentliche Faktoren verschärfen die Situation zusätzlich:
- Geopolitische Spannungen und Handelskonflikte dämpfen die Nachfrage nach Schweizer Exporten.
- Der Schweizer Franken gilt als sicherer Hafen und wertet besonders in unsicheren Zeiten auf. Das verteuert Produkte aus der Schweiz.
- Neue Zölle oder andere Handelshemmnisse können die bereits knappen Margen vollends aufbrauchen und Exporte unrentabel machen.
- Der demografische Wandel reduziert das Angebot an Arbeitskräften und erhöht dadurch die Arbeitskosten.
- Zusätzliche Lohnabgaben erhöhen die Arbeitskosten – ein hausgemachtes Problem, das wir steuern könnten.
Fazit: Insbesondere der fünfte Punkt erfordert die dringende Aufmerksamkeit der Politik. Jede zusätzliche politische Massnahme, welche die Arbeit verteuert, stärkt unmittelbar die Konkurrenz im Ausland. Höhere Lohnabgaben belasten also nicht nur die arbeitende, jüngere Generation, wie eine Studie von BSS Volkswirtschaftliche Beratung und Marius Brühlhart aufgezeigt hat, sondern gefährden auch direkt unsere zentrale Stärke – die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exportwirtschaft, welche hohe Wertschöpfung generiert und massgeblich zu unserem hohen Lohnniveau beiträgt. Wer in der Champions League der Weltwirtschaft bestehen will, muss strategische Kostendisziplin zeigen. Wir können die Laune des US-Präsidenten nicht beeinflussen. Wir können nicht verhindern, dass unsere Währung in Krisenzeiten noch stärker nachgefragt wird. Doch wir können verhindern, uns selbst noch teurer zu machen, was unsere Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt und Stellen wie Löhne gefährdet. Zusätzliche Lohnabgaben sind in dieser Zeit ein Eigentor.