Jenseits des Vierjahreszyklus: Der Krypto-Ausblick für 2026
Für 2026 ist ein makroökonomisches Umfeld zu erwarten, das durch ein weiterhin konstruktives Wachstums-Inflations-Verhältnis geprägt ist. Eine US-Kerninflation im Bereich von rund 2,5 bis 3,0 Prozent – unterstützt durch anhaltende Disinflation im Housing-Sektor – schafft geldpolitischen Spielraum für eine expansive Ausrichtung der US-Notenbank. Global agieren Zentralbanken zunehmend asynchron und insgesamt weniger restriktiv, wodurch sich ein unterstützendes Liquiditätsumfeld für Risiko-Assets ergibt.
In der Summe bewegt sich das Makro-Setup 2026 zwischen einem „Goldilocks“-Szenario und einem Umfeld mit zähem Inflationspfad bei weiterhin gutem Wachstum. Beide Konstellationen sprechen für eine Unterstützung realer Assets und von Risikoanlagen. Ein nominales US-BIP-Wachstum von über fünf Prozent erscheint plausibel, wenngleich weiterhin mit erhöhter geopolitischer und makroökonomischer Volatilität zu rechnen ist.
Crypto 2026: Warum der «Vierjahreszyklus» an Erklärungskraft verliert
Der Hinweis, «this time is different» seien die vier gefährlichsten Worte an den Finanzmärkten, ist berechtigt. Entsprechend ausgeprägt ist die Skepsis gegenüber der These, dass 2026 keinen klassischen Crypto-Winter wie 2018 oder 2022 bringen könnte – obwohl der historische Vierjahreszyklus dies nahelegen würde. Diese Skepsis ist ernst zu nehmen, ein starres Festhalten am Zyklusdenken ist jedoch zunehmend unplausibel. Der Vierjahreszyklus wurde rückblickend vor allem durch drei Faktoren erklärt: das Bitcoin-Halving, den geldpolitischen Rahmen sowie den übergeordneten Konjunkturzyklus. Entscheidend ist dabei, dass die grossen Drawdowns der Jahre 2018 und 2022 keine rein crypto-internen Ereignisse waren, sondern Ausdruck eines breiten, makrogetriebenen Risk-off-Umfelds mit restriktiver Liquidität, welches gleichzeitig Aktien, Anleihen und andere Risikoassets belastete.
Ha Duong, Director Crypto-Strategies, BIT CapitalSollten Aktien- und Risk-Asset-Märkte 2026 konstruktiv bleiben, spricht viel dafür, dass auch Bitcoin und ausgewählte Crypto-Assets davon profitieren.
Mehrere strukturelle Veränderungen sprechen dafür, dass dieses Muster künftig an Erklärungskraft verliert. Die Grenzwirkung des Halvings nimmt ab, da die relative Emissionsreduktion von Zyklus zu Zyklus kleiner wird. Gleichzeitig ist die Marktstruktur deutlich institutioneller und damit stärker von makroökonomischen Rahmenbedingungen und Asset-Allokationsentscheidungen geprägt. Hinzu kommt, dass sich klassische ökonomische Zyklen spürbar verzerrt haben: Der Konjunkturzyklus, gemessen am ISM-Einkaufsmanagerindex – einem zentralen Frühindikator für die industrielle Aktivität in den USA – verharrte über einen ungewöhnlich langen Zeitraum in einem Bereich unterhalb seines historischen Expansionsniveaus, ohne in eine klassische Rezession zu kippen. Zurück bleibt häufig ein trügerisches Chart-Narrativ, das vergangene Crashjahre extrapoliert, ohne die damaligen Rahmenbedingungen – hohe Zinsen, knappe Liquidität, ein klar drehendes Makro – mitzudenken. Unser Blick auf 2026 ist daher bewusst pragmatisch: Bitcoin ist ein Makro-Asset. In einem Umfeld, das von Deregulierung, fiskalischem Rückenwind und eher lockerer Geldpolitik geprägt ist, fällt es schwer, ein Basisszenario zu konstruieren, in dem sämtliche Risiko-Assets deutlich unter Druck geraten. Sollten Aktien- und Risk-Asset-Märkte 2026 konstruktiv bleiben, spricht viel dafür, dass auch Bitcoin und ausgewählte Crypto-Assets davon profitieren.
Wichtige strukturelle Fragen für Crypto in 2026
Für 2026 rücken im Crypto-Markt weniger kurzfristige Preisbewegungen als vielmehr strukturelle Weichenstellungen in den Fokus, die die nächste Wachstumsphase definieren könnten. Zentrale Fragen betreffen den Einfluss neuer Corporate-Blockchains, etwa von Stripe, Circle oder Tether: Entwickeln sie sich zu echten Wettbewerbern bestehender Smart-Contract-Plattformen oder fungieren sie primär als regulierte On-Ramps mit neuer Distribution? Eng damit verknüpft ist die Frage, ob tokenisierte Assets den Schritt in den Massenmarkt schaffen. Gleichzeitig gewinnt die mögliche Integration von DeFi-Funktionalitäten durch FinTechs an Bedeutung. Ein plausibles Szenario ist, dass Nutzer auf regulierten Frontends wie Coinbase oder Robinhood verbleiben, während die eigentliche Wertschöpfung zunehmend im Backend über DeFi-Protokolle erfolgt. Darüber hinaus rückt die Schnittstelle zwischen Crypto und KI stärker in den Fokus: Crypto kann als Zahlungs-, Eigentums- und Anreizinfrastruktur für KI-Agenten dienen, während KI umgekehrt Compliance, Risikomanagement und Automatisierung innerhalb der Crypto-Ökonomie verbessert. Ergänzend stellen sich langfristige Fragen zur Beherrschung potenzieller Quantum-Risiken, etwa durch die Entwicklung quantum-resistenter Kryptographie und klarer Migrationspfade, sowie zur zukünftigen Rolle von Privacy – ob sie optional und compliance-fähig über selektive Offenlegung gelöst wird oder als inhärente Protokolleigenschaft bestehen bleibt.