Doppelter Schock für die Agrarmärkte: El Niño und der Iran-Krieg
Der Ausgangspunkt für jede landwirtschaftliche Prognose für 2027 ist, dass sich die Wetterdienste einig sind – mit ungewöhnlicher Zuversicht. Das Climate Prediction Center der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) hielt an seiner El-Niño-Warnung fest und erklärte, dass sich El Niño verstärke und die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis im Herbst und Winter 2026/27 auf der Nordhalbkugel bei über 90% liege.
Die Weltorganisation für Meteorologie kam am 3. September zu demselben Ergebnis und wies darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit nahezu 100% beträgt, dass El Niño von September bis November 2026 sowie von Dezember bis Februar 2027 anhält, wobei das Phänomen voraussichtlich eine sehr starke Intensität erreichen wird, bevor es gegen Ende des Jahres seinen Höhepunkt erreicht. Die Beobachtungen des australischen Wetterdiensts (Australian Bureau of Meteorology) bestätigen dies: Der relative Niño-Index erreichte in der Woche zum 13. September einen Wert von +2,51 Grad, während die El-Niño-Schwelle bei +0,80 Grad liegt. Die meisten Modelle deuten auf einen Höchstwert von über +3,0 Grad hin, und es wird erwartet, dass das Phänomen bis in den Herbst 2027 andauern wird.
Aneeka Gupta, Equity Strategist, WisdomTreeZwei Schocks wirken aus unterschiedlichen Richtungen auf denselben Produktionszeitraum ein.
Die Auswirkungen von El Niño auf die Landwirtschaft treten etwa sechs bis zwölf Monate nach dem Höhepunkt im Ozean ein, da es eine gewisse Zeit dauert, bis atmosphärische Veränderungen das lokale Wetter beeinflussen, sich auf die Wachstumszyklen der Nutzpflanzen auswirken und globale Lieferketten beeinträchtigen. Ein Ereignis, das gegen Jahresende seinen Höhepunkt erreicht, wirkt sich daher am unmittelbarsten auf die Ernten 2026/27 aus, die derzeit ausgesät oder festgelegt werden: die Sommerernte der südlichen Hemisphäre, die indische Rabi-Saison, die westafrikanische Haupternte sowie die Palm- und Robusta-Zyklen in Südostasien. Die preislichen Folgen der aktuellen Entwicklungen im Pazifik werden sich grösstenteils erst 2027 bemerkbar machen.
Der Golfkonflikt hat sich vom Energiesektor auf Produktionsmittel verlagert
Der Golfkonflikt dauert nun bereits sieben Monate an und hat sich eher verschärft als stabilisiert. Ein im April vereinbarter Waffenstillstand und eine im Juni unterzeichnete Absichtserklärung wurden beide hinfällig, als die Feindseligkeiten im Juli wieder aufflammten. Die folgenreichste Entwicklung der letzten Zeit ereignete sich am 11. September, als Saudi-Arabien nach einem Drohnenangriff seine 1’200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline sperrte und damit die Hauptroute unterbrach, über die Rohöl aus der Golfregion die Strasse von Hormus umgeht. Für die Landwirtschaft ergibt sich das relevante Risiko aus dem Handel mit Dünge- und Futtermitteln, die über dieselbe Wasserstrasse transportiert werden, und die Abgrenzung gegenüber dem Jahr 2022 macht diesen Aspekt so dauerhaft. Der Russland-Ukraine-Krieg im Jahr 2022 führte zu einer Umleitung der Handelsströme, während der aktuelle Konflikt die Produktionskapazitäten beeinträchtigt hat. Schätzungsweise 31 Ammoniakwerke in Nahost sind direkt betroffen oder wurden vollständig stillgelegt, weitere 49 in Südasien arbeiten aufgrund von Rohstoffengpässen mit eingeschränkter Kapazität oder stehen still, und mindestens 20 russische Werke wurden durch Drohnenangriffe beschädigt. Ihre Wiederinbetriebnahme wird Zeit und Kapital erfordern, die weit über das Ende der Feindseligkeiten hinausreichen. Auf die Länder am Persischen Golf entfallen rund 43% der auf dem Seeweg transportierten Harnstoffexporte und 44% des auf dem Seeweg abgewickelten Schwefelhandels. Selbst in den USA, die zwei Drittel ihres Harnstoffs und ihres Phosphats aus heimischer Produktion beziehen, stammen 12% des Harnstoffs und 17% der DAP/MAP-Lieferungen aus Ländern jenseits der Meerenge. Das deutet auf einen mehrere Saisons andauernden Kapazitätsengpass hin, nicht auf ein Frachtproblem.
Getreide: Ein Komplex aus einjährigen Kulturen, der bereits eine Risikoprämie aufweist
Der Energiesektor zeigte 2026 die grössten Einzelentwicklungen, wobei Raffinerieprodukte und Rohöl vier der fünf Spitzenplätze einnahmen. Das aufschlussreichere Merkmal der Tabelle für das bisherige Jahr ist jedoch weniger das Ausmass als vielmehr die Breite. Der Agrarsektor nimmt zwischen Reis und Zucker fast die gesamte Bandbreite der Rangliste ein. Die Entwicklung bei den einjährigen Kulturen wurde fast ausschliesslich von geopolitischen Faktoren und vom Kanal für Produktionsmittel und weniger von den Wetterbedingungen bestimmt. Weizen ist das deutlichste Beispiel: Der im September veröffentlichte World Agricultural Supply and Demand Estimates Report (WASDE) fiel ausgesprochen pessimistisch aus – die weltweite Produktion für 2026/27 wurde aufgrund grösserer Ernten in Australien und Kanada um 3,1 Millionen Tonnen auf 822,4 Millionen Tonnen nach oben korrigiert, und die Endbestände wurden um 3 Millionen Tonnen auf 276,3 Millionen Tonnen angehoben. Dennoch ist der Weizenpreis seit Jahresbeginn um 42% gestiegen, da anhaltende russische und ukrainische Angriffe auf die Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer den physischen Transportweg für fast ein Viertel der weltweiten Weizenexporte unterbrochen haben. Die spekulative Nettopositionierung bei Weizen stieg im letzten Monat um 130% an, was eine Verbesserung der Stimmung gegenüber Weizen widerspiegelt. Für Weizen könnte die strukturelle Argumentation davon abhängen, ob sich die aktuelle Risikoprämie als dauerhaft und nicht nur als vorübergehend erweist. Die Infrastruktur am Schwarzen Meer ist mittlerweile ein wiederkehrendes Ziel und keine einmalige Beeinträchtigung mehr, und australischer Weizen befindet sich für die Ernte 2026/27 in der höchsten El-Niño-Risikoklasse.
Die Maismärkte lassen eine echte Verknappung erkennen. Die US-Erzeugung für 2026/27 wurde aufgrund heisser und ungleichmässig feuchter Wetterbedingungen um 5,4 Millionen Tonnen auf 401,3 Millionen Tonnen nach unten korrigiert, die weltweite Erzeugung um 7,9 Millionen Tonnen auf 1.291 Millionen Tonnen und die globalen Endbestände um 2,6 Millionen Tonnen auf 272,1 Millionen Tonnen. Die Nettopositionierung stieg um 92%.Bei Mais ist die Einschränkung der Produktionsfaktoren das zentrale Argument auf Mehrjahresbasis. Mais ist die stickstoffintensivste der wichtigen Kulturpflanzen, und die Düngemittelpreise dürften bis 2028 auf einem Niveau verharren, das über dem Vorkonfliktniveau liegt. Dort, wo bereits eine anhaltende Unterdüngung mit Phosphat und Kalium zu beobachten ist, sind die Ausbringungsmengen in den letzten Jahren um 10 bis 15% gesunken. Die Auswirkungen auf die Erträge zeigen sich mit einer Verzögerung von drei Jahren. Das ist eher ein langsamer, sich kumulierender Gegenwind für die tendenziellen Erträge als ein Schock, der nur eine Saison andauert, und genau durch diesen Mechanismus zieht sich dieser Konflikt über einen längeren Zeitraum hin. Während sich der Sojabohnenkomplex eher von der Nachfrage als vom Angebot leiten liess, hat das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) die US-Produktion auf 123,4 Millionen Tonnen angehoben. China hat in dieser Saison jedoch bereits fast 13 Millionen Tonnen gekauft – mehr als die Hälfte seiner bis 2028 laufenden jährlichen Abnahmeverpflichtung von 25 Millionen Tonnen, die Teil einer umfassenderen Verpflichtung zum Kauf von Agrarprodukten im Wert von 17 Milliarden US-Dollar ist. Die chinesische Abnahmeverpflichtung läuft bis 2028 und könnte eine gewisse Nachfrageunterstützung bieten, die weniger direkt von den Wetterbedingungen abhängt. Kurzfristig geben die Lagerbestände Anlass zur Vorsicht: Die Vorräte an Sojabohnen und Sojaöl liegen um 7,9% bzw. 8,5% über ihren saisonalen Fünfjahresdurchschnitten. Sojaöl erhält zusätzliche und unterschätzte Unterstützung durch seine Verbindung zum Energiesektor – bei einem Rohölpreis von über 100 US-Dollar könnte der Nachfragekanal durch Biokraftstoffe den Pflanzenölkomplex unabhängig von der Verarbeitungsmenge stärken.
Agrarrohstoffe: Der Bereich, in dem das Wettersignal am wenigsten eingepreist ist
Die Tabelle zur Wertentwicklung seit Jahresbeginn verdeutlicht den zentralen Punkt. Zucker ist um 20% gestiegen, Baumwolle um 25%, während Kakao um 9%, Kaffee um 22% und Orangensaft um 28% gefallen sind. Der Komplex der Agrarrohstoffe, der historisch gesehen am stärksten auf El Niño reagiert, war in diesem Jahr der schwächste Bereich des Agrarsektors. Zucker bildet die Ausnahme und ist der deutlichste Ausdruck des doppelten Schocks. Rohzucker notierte Anfang September bei 18,44 Cent pro Pfund und lag damit nahe am 16-Monats-Hoch von 18,77 Cent, da das sich verknappende Angebot die Erwartungen eines Defizits im Zeitraum 2026/27 verstärkte. Die Produktion im zentralen und südlichen Brasilien sank in der ersten Augusthälfte um 7,9%, und die hohen Energiepreise bieten den Mühlen weiterhin Anreize, Ethanol Vorrang vor Zucker zu geben. Indien hat die zollfreie Einfuhr von einer Million Tonnen Rohzucker genehmigt und gleichzeitig die Umleitung zur Ethanolproduktion stark eingeschränkt – eine Kombination von Massnahmen, die darauf hindeutet, dass die inländischen Lagerbestände knapper sind als offiziell angegeben. Die Monsunregenfälle lagen in Maharashtra, Karnataka und Marathwada – Regionen, auf die fast ein Drittel der indischen Produktion entfällt – deutlich unter dem Normalwert. Zucker ist sowohl vom Wetter als auch von den Energiepreisen abhängig und verfügt unter den wichtigen Agrarrohstoffen über die geringste Lagerreserve.
Kakao stellt die grösste Herausforderung dar. Die Preise haben sich seit dem Tiefpunkt im zweiten Quartal kräftig erholt: Die New Yorker Terminkontrakte liegen bei rund 6’250 US-Dollar pro Tonne, und die Niederschlagsmengen in Westafrika blieben während der kurzen Trockenperiode im August deutlich unter den saisonalen Durchschnittswerten, was ein echtes Risiko für das Überleben der Kakaoschoten und die Entwicklung der Haupternte darstellt, sollten die Regenfälle im September ausbleiben. Demgegenüber unterscheidet sich die Lage bei den Vorratsmengen grundlegend von der Situation im Zeitraum 2023/24. Die ICE-zertifizierten Lagerbestände haben sich auf ein fast zweijähriges Hoch erholt, während die Verarbeitungsmengen in Europa im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 4,6% auf den niedrigsten Stand seit 17 Jahren sanken. Kakao geht in dieses El-Niño-Jahr mit einem Lagerpuffer ein, über den er vor zwei Jahren nicht verfügte, sowie mit einer Nachfrage, die durch den vorangegangenen Preisschock sichtbar beeinträchtigt ist. Das Aufwärtsszenario beruht darauf, dass das Wetter diesen Puffer zunichtemacht – es ist nicht derselbe Handelsfall wie im Jahr 2023.
Bei Arabica zeichnet sich eine Verbesserung der Angebotslage ab: Die brasilianische Ernte ist bereits weit fortgeschritten, und revidierte Exportmeldungen weisen auf deutlich stärkere Lieferströme hin als zuvor berichtet. Die zertifizierten Lagerbestände bewegen sich weiterhin nahe ihren Mehrjahrestiefs, und die physische Verfügbarkeit ist knapp, doch die Entwicklung der Versorgungslage ist positiv. Robusta bietet das interessantere Engagement. Der Preis notiert nahe seinen Mehrmonatstiefs bei rund 3’296 US-Dollar pro Tonne – genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich in Indonesien und Vietnam während einer kritischen Blütephase Trockenheit ausbreitet. Da Kaffee eine mehrjährige Pflanze ist, wirken sich derzeitige Schäden an den Blüten nicht auf die diesjährige Ernte aus, sondern auf die von 2027/28. Die Robusta-Preise liegen nahe den jüngsten Tiefstständen, obwohl die wichtigsten Anbaugebiete in die höchste Risikostufe für El-Niño-Einflüsse fallen. Das führt zu einer Diskrepanz zwischen den aktuellen Preisen und den potenziellen Wetterrisiken für das Angebot.
Baumwolle hat seit Jahresbeginn ein Plus von 25% verzeichnet und ist am stärksten von der Nachfrage abhängig.5 Die jüngste Preisentwicklung war rückläufig, was auf sich verbessernde Erntebedingungen in den USA, schwächere Exportverkäufe und einen stärkeren US-Dollar zurückzuführen ist. Die Terminkurve befindet sich im Contango, der etwas ausgeprägter ist als bei Weizen oder Mais, was im Widerspruch dazu steht, dass die Baumwollvorräte saisonal betrachtet die am stärksten erschöpften in dieser Gruppe sind. Diese Divergenz zeigt, dass der Markt die aktuellen Erntebedingungen stärker gewichtet als die Knappheit bei der alten Ernte, und bei einer wetterbedingten Störung bis ins Jahr 2027 gäbe es nur sehr wenig Spielraum. Die längerfristige Entwicklung bei Baumwolle hängt jedoch stärker von der globalen Textilnachfrage und vom US-Dollar ab als vom Pazifikraum.
Fazit
Zwei Schocks wirken aus unterschiedlichen Richtungen auf denselben Produktionszeitraum ein. Der Golfkonflikt treibt die Kosten in die Höhe und schränkt die Verfügbarkeit von Produktionsmitteln ein, die im Vorfeld der Saison 2026/27 eingesetzt werden sollen. Das geschieht über einen mehrjährigen Zeitraum hinweg, da der Schaden eher die Produktionskapazitäten als die Handelswege betrifft. El Niño erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Erträge, die durch diese Produktionsmittel gesichert werden sollen, unter dem Trend liegen, wobei die Auswirkungen sechs bis zwölf Monate hinter dem Höhepunkt des Phänomens im Ozean zurückbleiben und daher grösstenteils im Jahr 2027 zum Tragen kommen werden. Die Intensität von El Niño und seine regionalen Wetterauswirkungen können von den aktuellen Prognosen abweichen, während ein Abbau der geopolitischen Spannungen den Druck auf die Energie- und Düngemittelmärkte verringern könnte. Über den Erwartungen liegende Ernten, der Wiederaufbau von Lagerbeständen, eine schwächere Nachfrage oder Änderungen der Regierungspolitik könnten ebenfalls den Druck durch Wetterbedingungen und Produktionsmittelkosten ausgleichen, was zu anderen Rohstoffpreisentwicklungen führen könnte als den oben beschriebenen.