Credit Suisse: Warum LinkedIn für die Kommunikation des Chairman derzeit nur bedingt tauglich ist
Vor ein paar Tagen wurde die Credit Suisse von einem angelsächsischen Finanzmedium als «Best Investment Bank» in sechs verschiedenen Märkten und als «World’s Best Investment Bank» in den Schwellenländermärkten ausgezeichnet. Branchenkenner wissen natürlich, was von solchen «Awards» zu halten ist. Ihre Aussagekraft ist in der Regel – freundlich formuliert – sehr beschränkt. Unbesehen davon freut sich Chairman Axel P. Lehmann über die Auszeichnungen und sieht sich veranlasst, den Investment Bankern der Credit Suisse über LinkedIn zu gratulieren und seinen Stolz in Worte zu fassen. Das ist zuerst einmal sicher nett, aber leider wohl auch zu kurz gedacht.
Die Meinungen zum risikoreichen Investment Banking sind geteilt. Kritiker führen die immer wieder exorbitanten Verluste und hohen Personalkosten ins Feld. Die Befürworter-Seite unterstreicht das enorme Gewinnpotenzial, welches das Geschäft in florierenden Zeiten verspricht. Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen. Klar ist, dass eine global ausgerichtete Bank wie die Credit Suisse zwingend auch im Investment Banking aktiv sein muss. In Bezug auf die Ausprägung und Tiefe des Geschäftes scheiden sich hingegen die Geister. Im Nachgang an jüngsten Milliarden-Verlusten im Zusammenhang mit dem Archegos-Debakel zeigt sich die Credit Suisse immerhin geläutert: sie hat bestimmte Aktivitäten reduziert und eine risikoärmere Strategie in Aussicht gestellt. Axel P. Lehmann ist bei der Credit Suisse immerhin mit der Zielsetzung angetreten, die Risikokultur der Bank – nicht nur im Investment Banking – wieder in vernünftige Bahnen zu lenken. Umso befremdlicher und wenig reflektiert erscheint sein LinkedIn-Beitrag im Hinblick auf die besagten «Awards». Befremdlich, weil der Chairman in der Wahrnehmung von vielen CS-Mitarbeitenden in wichtigen strategischen Fragen wenig präsent ist – für zweifelhafte Marketingaktivitäten aber Zeit findet. Unreflektiert, weil er offenbar ausblendet, dass das Investment Banking einer der zentralen Gründe ist, weshalb die Bank in argen Nöten steckt. Das Lob sendet vor diesem Hintergrund ein zumindest missverständliches Signal.

Die Belegschaft muss sich fragen, ob Axel P. Lehmann wirklich verstanden hat, was von ihm erwartet wird. Seine inhaltlichen Prioritäten scheinen der kritischen Lage, in der sich die Credit Suisse derzeit befindet und dem damit verbundenen, hohen Kommunikationsbedarf, nur bedingt angemessen. Möglicherweise wäre er besser beraten, wenn er sich im Rahmen eines bankinternen Townhalls einmal vor die gesamte Belegschaft stellen und Klartext sprechen würde – und zwar über die wirklich matchentscheidenden Ereignisse in der Bank. LinkedIn als Kommunikationskanal für den Chairman der Credit Suisse erscheint in der aktuellen Situation nur bedingt tauglich – insbesondere wenn es sich um belanglose Inhalte handelt, die branchenweit bestenfalls ein Schmunzeln auf die Gesichter der Leserschaft zaubern.