Suisse Secrets: Steht der Schweizer Finanzplatz im Visier oder doch eher die Credit Suisse?

Die Credit Suisse hat zurzeit mehrere offene Flanken, die es zeitnah zu schliessen gilt. Die eine betrifft das Risikomanagement der Bank, die andere die Datensicherheit.

Schlechte Nachrichten kommen immer zur Unzeit. Diese Erfahrung macht derzeit auch die Credit Suisse. Vor dem Hintergrund der Aufräumarbeiten im Risikomanagement der Bank kommen die Enthüllungen eines internationalen Journalisten-Netzwerkes unter dem Titel «Suisse Secrets» zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, obschon die «Bad News» in weiten Teilen die Vergangenheit beleuchten und kaum die Realität des aktuellen Geschäftsmodells von Schweizer Banken im grenzüberschreitenden Dienstleistungsgeschäft wiedergeben. Geschäfts- bzw. Kundenbeziehungen insbesondere mit Potentaten oder sogenannten «Political Exposded Persons» (PEPs) sind bekanntlich auch auf dem Schweizer Finanzplatz rechtlich zulässig, sofern die vorgeschriebenen Sorgfaltspflichten eingehalten werden. Der gleiche Kundenkreis ist auch in anderen Jurisdiktionen hochwillkommen. Insofern scheint der aktuelle mediale Aufschrei überzogen und unangebracht. Was die Credit Suisse hingegen mehr belasten dürfte, ist der Umstand, dass offensichtlich vertrauliche Kundendaten an die Öffentlichkeit gelangt sind.

Neue dunkle Wolken am Horizont
Im Gegensatz zu den materiellen Greensill- oder Archegos-Verlusten, welche die Bank im Asset Management und im Investment Banking eingefahren hat, tangierten die «Suisse Secrets» das sensible Privatkundengeschäft der Credit Suisse. Ein Geschäftsfeld, dass auf Diskretion und Vertrauen basiert, dazu gehört namentlich der garantierte Schutz vertraulicher Kundendaten. Finanzielle Verluste im Asset Management oder im Investment Banking können mit einem gedrosselten Risikoappetit im besten Fall über die Zeit wieder kompensiert werden. Wenn Privatkunden ihrer Bank aber nicht mehr vertrauen, weil sie davon ausgehen müssen, dass sensible Personen- und Kontodaten an die Öffentlichkeit gelangen, kann dies eine unschöne Abwärtsspirale nach sich ziehen. Bestehende Kunden saldieren ihre Konten, und Prospects, so werden potenzielle Neukunden in der Branche genannt, ziehen eine Geschäftsbeziehung unter Umständen nicht mehr in Betracht. Damit wird klar, dass für die Credit Suisse neue dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Der Druck auf Thomas Gottstein scheint kein Ende zu nehmen. Der Aktienkurs der Credit Suisse spricht Bände. Insofern wäre der Verwaltungsrat der zweitgrössten Schweizer Bank gut beraten, Gegensteuer zu geben. Lippenbekenntnisse und der untaugliche Versuch, die jüngsten Enthüllungen rund um «Swiss Secrets» alleine als Angriff auf den Schweizer Finanzplatz zu werten, erscheinen vor dem geschilderten Hintergrund indessen wenig hilfreich für die dringend notwendige Trendwende.

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