Über das Klumpenrisiko, das viele Anleger unbemerkt tragen

Wie viele Aktien bewegen einen ganzen Markt? Eine Anlage in den weltweiten Aktienmarkt verspricht maximale Streuung, doch tatsächlich steckt darin vor allem eine Handvoll US-Technologiekonzerne. Denn die grössten Aktienmärkte werden von immer weniger Titeln getragen. Wer sich breit investiert glaubt, trägt oft ein verstecktes Klumpenrisiko. Das betrifft nicht nur die USA, sondern fast alle grossen Regionen und in besonderem Mass die Schweiz.

In den USA vereinen die zehn grössten Titel knapp 40% des S&P 500 auf sich, angeführt von Nvidia, Apple und Microsoft. Selbst ein globaler Aktienindex wie der MSCI World besteht heute zu rund 72% aus US-Titeln. In den Schwellenländern macht allein der Technologie-Sektor rund 43% des MSCI Emerging Markets aus. In Südkorea stehen im Leitindex KOSPI zwei Titel für mehr als 56% des Aktienmarkts. Praktisch kein grosser Markt ist heute breit abgestützt. Damit hängt die Wertentwicklung ganzer Regionen zunehmend an wenigen Titeln oder Sektoren.

Eine breite Streuung tönt zwar wenig aufregend, doch genau sie verhindert das Klumpenrisiko, das viele Anleger unbemerkt tragen.

Dominik Schmidlin, Leiter Anlagestrategie und Analyse, St.Galler Kantonalbank

Auch in der Schweiz zeigt sich dieses Muster. Der Swiss Performance Index umfasst über 200 Unternehmen und deckt mehr als 99% des Schweizer Marktes ab. Trotz dieser Abdeckung ist er stark konzentriert. Die zehn grössten Titel machen mehr als zwei Drittel des Index aus. Nestlé, Novartis und Roche allein stehen für 37%. Damit ist die Schweiz stärker konzentriert als die meisten Regionen. Ob global oder in der Schweiz: Breite Abdeckung bedeutet längst nicht breite Streuung.

Auch Obligationen sind konzentriert
Das Muster gilt ebenso für Obligationen, dort mit einer besonderen Tücke. Obligationenindizes gewichten nach ausstehendem Schuldvolumen. Das grösste Gewicht erhält also nicht der stärkste, sondern schlicht der grösste Schuldner. Global stehen die USA für rund 35%, die Eurozone für rund 25% und Japan für rund 15% der gängigen Staatsanleihenindizes. Angesichts des jüngsten Zinsanstiegs bei langlaufenden Anleihen und des Zustands vieler Staatshaushalte ist als Anleger Vorsicht geboten. So kletterte die Rendite 30-jähriger USStaatsanleihen zuletzt auf über 5.3% und damit auf den höchsten Stand seit 2007, mit ähnlicher Tendenz in Europa und Japan. In der Schweiz dominieren die Eidgenossenschaft und die beiden Pfandbriefinstitute den Swiss Bond Index. Auf diese drei Schuldner entfallen über 44% des gesamten Index. Da es sich um qualitativ hervorragende Schuldner handelt, ist dies aber weniger problematisch, als es auf den ersten Blick scheint. Das Kursrisiko bei Zinsänderungen ist trotzdem nicht zu unterschätzen, denn je länger die Laufzeit, desto stärker drückt schon ein moderater Zinsanstieg auf den Kurs.

Konzentration ist nicht per se schlecht
Wer die grossen Gewinneraktien hält, profitiert überdurchschnittlich. Doch das Risiko steigt spürbar. Ein Rückschlag bei wenigen Titeln kann das ganze Portfolio belasten. Ein Blick unter die Oberfläche der Indizes lohnt sich deshalb, bei Aktien und umso mehr bei Obligationen. Wer die tatsächlichen Klumpenrisiken kennt, kann sie gezielt begrenzen. So senken zum Beispiel gleichgewichtete Indizes die Abhängigkeit von einzelnen Schwergewichten. Bei Obligationen wiederum helfen Unternehmensanleihen und eine bewusste Steuerung der Laufzeiten. Eine breite Streuung tönt zwar wenig aufregend, doch genau sie verhindert das Klumpenrisiko, das viele Anleger unbemerkt tragen.

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